Vaginalgel Forscher entwickeln Schutz vor Affen-Aids

Gel als Infektionsschutz: Mit einer Substanz, die sie den Tieren in die Vagina strichen, konnten Wissenschaftler eine Infektion von Rhesusaffen mit SIV verhindern, einer Variante von HIV. Doch ähnliche Versuche beim Menschen scheiterten.


Wenn Viren angreifen, wehrt sich der Körper. Schrittweise werden die einzelnen Stufen der Immunabwehr aktiviert. Sie beginnt am Infektionsort: Zelluläre Wächter, die dendritischen Zellen, schnappen sich den als unbekannt identifizierten Eindringling und rufen Verstärkung herbei - fast wie ein Polizist mit einer Trillerpfeife. Die Zellen schütten kleine Eiweiße aus, sogenannte Chemokine und Zytokine. Diese locken dann die nächste Abteilung des Immunsystems an den Infektionsort, die T-Zellen. Sie sollen Eindringlinge hoffentlich verhaften und unschädlich machen.

Rhesusaffe: Schutz vor SIV durch Glycerinmonolaurat
Science/Joshua Moglia

Rhesusaffe: Schutz vor SIV durch Glycerinmonolaurat

Doch beim HI-Virus agiert ein besonders hinterhältiger Eindringling: Gelangen nämlich diese Viren auf die Schleimhaut - beispielsweise in der Vagina - warten sie nur förmlich darauf, dass die T-Zell-Patrouille anrückt. Denn genau diese Zellen macht sich das HI-Virus zunutze. Es befällt sie und schmuggelt sich in ihnen in den Körper ein. Es ist, als ob der Verbrecher sich die Polizeiuniform übergestülpt hat: Im Körper kann sich das Virus dann ungehindert verbreiten und richtet nach und nach die T-Zell-Immunabwehr zugrunde.

US-Forscher um Patrick Schlievert und Ashley Haase von der University of Minnesota haben nun einen Weg gefunden, diesen Einbruch des Virus zu verhindern - indem sie einfach den fatalen Ruf der dendritischen Zellen nach der T-Zell-Verstärkung unterbinden. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin " Nature" berichten, gelang ihnen das bei Rhesusaffen, die von einem sehr nahen Verwandten des HI-Virus, dem Simian immunodeficiency Virus (SIV), befallen werden können.

Wissenschaftler vermuten, dass HIV aus SIV entstanden sein könnte. Durch den Konsum von Affenfleisch sei irgendwann das SI-Virus auf den Menschen übergegangen, wurde zu HIV - der Beginn der weltweiten Aids-Epidemie.

Schlievert und Haase versuchten, Affenweibchen vor einer Infektion mit SIV zu schützen. Dazu schmierten sie ihnen die Substanz Glycerinmonolaurat (GML) auf die Vaginalschleimhaut. Es ist ein oberflächenaktiver Stoff, stabilisiert die Membranen von Zellen, tötet Bakterien und Pilze ab und lindert Entzündungen. Industriell wird es vielfältig eingesetzt - beispielsweise als Emulgator oder als Zusatz zu Tampons und Wundverbänden, um bakterielle Infektionen zu verhindern. "GML ist ein erprobtes Präparat und wird seit Jahren in der Medizin, Kosmetik- und Ernährungsindustrie eingesetzt", sagte Schlievert bei einer Pressekonferenz. "Es kommt sogar in Muttermilch vor." 1992 hatte Schlievert entdeckt, dass es auch die Produktion von Bakteriengiften verhindern kann.

"Es mag widersprüchlich wirken, dass durch Anhalten des natürlichen Verteidigungsapparates des Körpers eine Ansteckung und schnelle Verbreitung der Infektion gestoppt werden kann", sagte Haase. "Aber hier kommt GML ins Spiel."

Bevor sie die mögliche Wirksamkeit von GML gegen eine SIV-Infektion erprobten, wollten die Wissenschaftler zunächst die Sicherheit der Langzeitanwendung zeigen. Sechs Monate lang strichen sie täglich mehreren Affenweibchen durchblutungsförderndes Gleitgel auf die Vaginalschleimhaut, die fünf Prozent GML enthielt. Eine Kontrollgruppe erhielt nur Gleitgel. Ergebnis: "Die normale Vaginal-Flora blieb trotz täglicher GML-Applikation erhalten", sagte Schlievert. Somit könnte GML also auch beim Menschen möglicherweise als Langzeit-Schutz-Präparat zur Anwendung kommen - wenngleich das noch weitere Tests am Menschen erweisen müssen, wie die Forscher betonen.

"GML hat sich beim Menschen als sicher erwiesen und ist bereits zugelassen für die akute Anwendung", sagte Schlievert. "Wir konnten nun zeigen, dass es auch täglich über mehrere Monate hinweg sicher angewandt werden könnte."

Die Forscher versuchten nun zehn Affen mit SIV zu infizieren, indem sie hohe Dosen an Viren auf deren Vaginalschleimhaut auftrugen. Fünf der Affen hatten eine Stunde zuvor das Gleitgel mit GML erhalten. Die anderen fünf Affen wurden auch mit Viren behandelt, sie hatten allerdings Gleitgel ohne GML. Sie bildeten die Kontrollgruppe. Die Virus-Dosen waren so hoch, dass sie im Reagenzglas die Hälfte der Zellen infizierten. Vier Stunden später erhielten die Affen wieder das Gleitgel - die gleichen Affen wieder mit GML, die anderen fünf ohne. Dann bekamen sie eine erneute Viren-Dosis. Die Forscher beobachteten die Affen insgesamt zwei Wochen lang und testeten ihr Blut auf den Erreger. War ein Affe SIV-negativ, wurde der Infektionsversuch wiederholt - mit vorheriger Gelbehandlung. Insgesamt wurde der Infektionsversuch vier Mal wiederholt.

Das Ergebnis: Alle fünf mit GML behandelten Affen blieben im Untersuchungszeitraum von zwei Wochen SIV-negativ, während vier der fünf Affen aus der Kontrollgruppe mit SIV infiziert wurden. Haase räumt aber ein: "Nach fünf Monaten zeigte sich, dass einer der Affen aus der GML-Gruppe SIV-positiv war." Es sei jedoch nur eine Pilotstudie gewesen, so Haase. Langzeitstudien müssten die Wirksamkeit von GML noch zeigen.

Dennoch sind die Forscher optimistisch, dass GML auch beim Menschen ein wirkungsvoller Ansatz sein könnte, um die Ansteckung von Frauen mit HIV zu verhindern.

Norbert Brockmeyer, Sprecher des Kompetenznetzes HIV/AIDS, bewertet die Arbeit Schlieverts und Haases im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE als "sehr interessanten" Ansatz, der "unbedingt weiter verfolgt werden sollte". Jedoch müsse man noch in weiteren Tier-Untersuchungen eine genaue Dosis-Wirkungsbeziehung erarbeiten.

Auf die Frage von Journalisten, ob das GML möglicherweise auch die Virus-Übertragung durch Analverkehr oder die Übertragung von Frau auf Mann verhindert werden könne, sagte Schlievert, dass dies erst durch weitere Studien geklärt werden könne. Ein kritischer Punkt, den auch Brockmeyer sieht: "Es reicht nicht, ein Gel oder Creme zu entwickeln, das vaginal wirksam ist. Es muss auch in der analen Schleimhaut wirken, da auch bei Heterosexuellen in 30 bis 50 Prozent der Fälle analer Sexualverkehr stattfindet."

Zu viel erwarten sollte man jedenfalls nicht: Es gab bereits mehrere Studien an Menschen, durch Vaginalcremes die HIV-Infektionsraten zu senken. Erst Anfang Februar 2009 berichteten Forscher von einer Studie mit einem mikrobiziden Gel an 3000 Frauen in Afrika. Bei 30 Prozent habe das Gel Wirkung gezeigt. 2007 jedoch mussten zwei Studien abgebrochen werden, weil das Gel den gegenteiligen Effekt gezeigt hatte. Und im Jahr 2005 hatten Forscher verkündet, Makaken durch eine Vaginalcreme vor der Ansteckung mit einem abgewandelten HI-Virus geschützt zu haben - mit einer Erfolgsrate von 75 Prozent. Brockmeyer bestätigt: "Es gibt einige Substanzen, die in Tierversuchen wirksam waren, die aber dann in großen Studien mit weit über 1000 Frauen keine präventive Funktion hatten."

"Nach 25 Jahren ist ein effektiver Impfschutz gegen HIV immer noch nicht in Sicht", sagte Haase. "Es geht nicht nur um Impfung - jeder Forschungsansatz, um die Ausbreitung dieses tödlichen Virus zu verhindern, ist sehr wichtig." Dafür sei GML geeignet: "Es ist sehr billig, findet breite Anwendung in Nahrung und Kosmetik und ist einfach für die vaginale Anwendung herzustellen", sagte Schlievert.

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