Ausgegraben

Schriftzeichen Forscher entschlüsseln seltsamen Vasen-Code

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Zeichenrätsel auf einer attischen Vase: Was bedeuten die Buchstaben neben den Amazonen?
The J. Paul Getty Museum, Villa Collection, Malibu, California

Zeichenrätsel auf einer attischen Vase: Was bedeuten die Buchstaben neben den Amazonen?


Auf alten griechischen Vasen finden sich oft unverständliche Buchstabenfolgen. Jahrelang taten Experten diese als Nonsens ab. Jetzt hat eine Historikerin das Rätsel gelöst - zumindest für einige Vasen.

Was werden Archäologen und Linguisten wohl denken, wenn sie in 2500 Jahren einen Comic in den Händen halten? Vielleicht gibt es dann tatsächlich irgendwo auf diesem Planeten einen einsamen Experten, der die alte Sprache noch entziffern und den meisten Sprechblasen einen Sinn geben kann. Doch bei einigen merkwürdigen Buchstabenreihen wird auch er sich verwirrt am Kopf kratzen. "Pfft" steht da, "Pow!" oder gar "#$%&!". "Das sind bloß sinnlose Buchstabenfolgen", wird er dann vermutlich erklären. "Vielleicht konnte der Comiczeichner gar nicht richtig schreiben."

So ähnlich war es bisher auch mit attischen Vasen der Spätarchaischen und Frühklassischen Zeit (ca. 550 bis 450 vor Christus) im alten Griechenland. Diese Vasen sind nicht nur mit Figuren bemalt, sondern erstaunlich oft auch beschriftet - meist mit den Namen der dargestellten Personen oder Götter.

Sinnlose Kritzeleien?

Rund 1500 Gefäße oder Fragmente aber sind bekannt, auf denen der Künstler nur scheinbar sinnlose Buchstabenreihen zu den Figuren kritzelte. Als "Nonsens" tat die Archäologen diese stets ab, als Scherz oder gar als Werk eines Analphabeten.

Fragment einer attischen Vase
The J. Paul Getty Museum, Villa Collection, Malibu, California

Fragment einer attischen Vase

Doch damit wollte Adrienne Mayor sich nicht zufriedengeben. Vor vier Jahren arbeitete die Historikerin als Getty Resident Scholar in der Getty-Villa im kalifornischen Malibu an ihrem neuen Buch über Amazonen. "Die Getty-Sammlungen sind eine Schatzkammer für antike Kunstwerke, auf denen Amazonen dargestellt sind", schreibt sie.

"Ein Vasenfragment hat es mir dabei besonders angetan: Es zeigt zwei aufbrechende Amazonen mit einem Hund." Über den Köpfen der beiden Amazonen stehen zwei Inschriften - aber die griechischen Buchstaben ergeben kein bekanntes Wort. "Ich bin zwar kein Vasenexperte, aber mir schien es, als könnten die Inschriften ein Versuch sein, das Gespräch der beiden Amazonen in einer Fremdsprache wiederzugeben."

Nur welche Sprache könnte das sein? Amazonen und Skythen waren zwar ein beliebtes Thema in der griechischen Kunst, de facto aber bezeichneten diese Begriffe ein breites Spektrum an Nomadenvölkern aus der nördlichen Schwarzmeerregion und dem Kaukasus. Sollten die Buchstabenreihen tatsächlich eine Sprache wiedergeben, dann könnte es eine alte Form des Iranischen sein. Vielleicht aber auch Abchasisch. Oder Tscherkessisch. Wenn nicht Ubychisch. Oder etwa doch eine alte Form des Georgischen?

Rätselhafte Konsonantenhaufen

"Ich machte mich also auf die Suche nach einem Linguisten, der auf diese Sprachen spezialisiert ist", berichtet Mayor. "Und nach einem Jahr hatte ich jemanden gefunden: John Colarusso, weltweit führender Experte für Sprachen des nördlichen Kaukasus." Gemeinsam mit David Saunders, Kurator der Getty-Sammlung, und Colarusso machte Mayor sich daran, Sinn in den scheinbaren Unsinn zu bringen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit werden die drei Autoren in der Zeitschrift "Hesperia" veröffentlichen.

Mayor und Saunders wählten aus den Vasen der Getty-Sammlung entsprechende Stücke mit Amazonen oder Skythen aus, neben denen scheinbar sinnlose Buchstabenketten stehen. Die Buchstabenfolgen schickten sie Colarusso, ohne dass dieser jedoch wusste, zu welchem Bild sie gehören.

"Lass den Hund los"

Nur so konnten die Forscher sicherstellen, dass die Interpretation der Texte nicht durch die Bilder beeinflusst wird. Und tatsächlich konnte Colarusso zwölf der scheinbar sinnlosen Buchstabenfolgen eine Bedeutung entlocken. In den meisten Fällen waren es tatsächlich Namen in der Landessprache, die der Künstler mit griechischen Buchstaben versucht hatte, wiederzugeben.

So zum Beispiel auf einer Trinkschale des Vasenmalers Oltos (525 bis 500 vor Christus). Auf der einen Seite stehen Herakles und Hermes - benannt mit ihren Namen. Oltos war also durchaus in der Lage, korrektes Griechisch zu schreiben. Auf der anderen, nur in Fragmenten erhaltenen Seite, laufen und reiten Amazonen in eine Schlacht. Auch hier stehen Gruppen von Buchstaben - doch sie scheinen keinen Sinn zu ergeben.

Es ist eine wilde Folge von Konsonanten, die sich nur schwer aussprechen lässt. Doch die tscherkessischen Sprachen kennen durchaus derartige Konsonantenhaufen. Im Alt-Tscherkessischen steht die Lautfolge, die hier nur in griechischen Buchstaben wiedergegeben wurde, für "ihrer Rüstung wert". Bei den Nomadenvölkern der Steppen war es durchaus üblich, bildliche Namen zu vergeben: "Ihrer Rüstung wert" könnte sehr gut der Name einer der abgebildeten Amazonen gewesen sein.

Und die Vase mit dem Hund, die Adrienne Mayor anfangs auf das Thema gebracht hatte? Colarusso erkannte in dem Gekritzel neben den Amazonen eine alte Form des Abchasischen. Allerdings sind es dann nicht die Namen der Amazonen, die hier aufgeschrieben sind, sondern tatsächlich eine Unterhaltung zwischen den beiden. Die erste sagt entweder: "Sie waren/Sie war dort drüben" oder "Wir helfen einander", während die zweite antwortet "Lass den Hund los".

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14 Leserkommentare
Loddarithmus 02.10.2014
Antidarwinist 02.10.2014
brux 02.10.2014
seeelefant 02.10.2014
Procopius 02.10.2014
OlafKoeln 02.10.2014
OlafKoeln 02.10.2014
Herr Parker 02.10.2014
Antidarwinist 02.10.2014
Alwran 02.10.2014
tweet4fun 03.10.2014
urvogel 03.10.2014
middleearth 03.10.2014
anamarie 21.10.2014

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