Vattenfall-Pannenserie AKW Brunsbüttel vollständig abgeschaltet

Das Pannen-AKW Brunsbüttel ist vollständig abgeschaltet worden. Ein erneuter Mangel am Bau ist der Grund: Bei Überprüfungen im Sicherheitssystem sind fehlerhafte Verankerungen festgestellt worden. Damit sind jetzt beide Vattenfall-Atomreaktoren vom Netz.


Kiel - Die betroffenen Verankerungen seien Teil der Rohrleitungshalterungen des Not- und Nachkühlsystems, teilte das schleswig-holsteinische Sozialministerium mit. Wegen dieses und anderer entdeckter Mängel stehe nun ein ausgeweitetes Prüfprogramm an. Dazu sei eine Begehung des Sicherheitsbehälters in der nächsten Woche notwendig. Um diese zu ermöglichen, müsse der Betreiber Vattenfall den Reaktor abschalten.

Kernkraftwerk Brunsbüttel: Statt Stand-by nun komplett abgeschaltet
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Kernkraftwerk Brunsbüttel: Statt Stand-by nun komplett abgeschaltet

In der kommenden Woche wollen Sachverständige der Oberen Baubehörde und der Atomaufsicht den Sicherheitsbehälters begehen. Das AKW ist schon seit dem 18. Juli wegen eines Ölwechsels am Transformator vom Netz getrennt. Am 28. Juni war es in dem von Vattenfall betriebenen AKW zu einem Kurzschluss am Umspannwerk gekommen, in dem der Strom aus dem Kraftwerk in das Netz übergeben wird. Daraufhin wurde die Schnellabschaltung eingeleitet. Der Meiler war seitdem im Stand-by-Betrieb, produzierte also nur noch Strom für den Eigenbedarf. Wie lange der Meiler nun vollständig abgeschaltet bleibe, steht den Angaben der Atomaufsicht zufolge noch nicht fest.

Klar ist: Jetzt sind alle beide Atomkraftwerke des Betreibers Vattenfall in Deutschland vom Netz. Denn seit dem Trafo-Brand vor Wochen ist auch der Reaktor in Krümmel elbaufwärts abgeschaltet.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich heute in einem Interview "alles andere als zufrieden" mit der Aufarbeitung der Pannenserie in Krümmel und Brunsbüttel durch Vattenfall. "Bei der Aufklärungsarbeit und dem Krisenmanagement gab es erhebliche Mängel. So etwas darf sich nicht wiederholen, wenn die Betreiber von Atomkraftwerken nicht noch mehr Vertrauen verspielen wollen." Zugleich verteidigte die Kanzlerin die deutsche Atomgesetzgebung: "Das Atomgesetz bietet die richtige Grundlage, um so etwas zu verhindern. Es ist eines der anspruchsvollsten weltweit."

Vattenfall-Chef will mit Merkel und Gabriel reden

In der "Wirtschaftswoche" kündigte Vattenfall-Chef Lars Göran Josefsson an, er wolle Merkel persönlich über die Vorgänge in Krümmel und Brunsbüttel unterrichten. Das solle aber erst später geschehen, "wenn ich selber einen vollständigen Überblick über alles bekommen habe". Auch mit Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will er telefonieren. Gegen eine Umkehr der Beweislast in der Atomsicherheit, wie Gabriel sie fordert, habe er nichts, sagte Josefsson. Krümmel und Brunsbüttel seien "absolut" sicher, man habe nur Kommunikationsprobleme. Im SPIEGEL-Interview kündigte Josefsson an, die Laufzeit der Pannen-Meiler Brunsbüttel und Krümmel unbedingt verlängern zu wollen.

Für seine eigenen Mitarbeiter fand der Chef des Vattenfall-Konzerns auch kritische Worte. Er sieht eine problematische "Bunkermentalität" in der Belegschaft. "Unsere Mitarbeiter haben keine Angst vor der Kernkraft, aber manchmal vor der Außenwelt. Viele denken: Da draußen sind unsere Feinde, und wenn wir etwas sagen, werden die das doch nur missbrauchen." Es werde "bestimmt noch ein Jahr" dauern, bis das Unternehmen seine alten Werte der Offenheit und Fairness wieder erreiche. "Das können wir nicht über Nacht schaffen", erst müsse sich die Kultur im Unternehmen ändern. Er zweifle aber nicht an der Kompetenz im Konzern, ein Atomkraftwerk zu betreiben.

Vattenfall stand in den vergangenen Wochen ständig in der Kritik: Die Pannenserie in den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel riss nicht ab, die Informationspolitik wurde gescholten, ebenso die Sicherheitstechnik und jüngst auch die Mitarbeiter selbst. In der vergangenen Woche war auf Druck der Deutschen Umwelthilfe (DUH) eine Mängelliste des AKW Brunsbüttel veröffentlicht worden - wogegen sich Vattenfall bis dato durch eine Klage gesperrt hatte. Auf der Liste aus dem Jahr 2006 sind mehr als 700 Mängel verzeichnet.

Nun sorgt sich selbst die Atomindustrie um ihr Image. Sogar Befürworter der Kernkraft sind verärgert über Vattenfall. Ihre Befürchtung: Der Image-GAU erschwert die von der Branche angestrebte Verlängerung der Atomlaufzeiten. Gabriel geht gegen Deutschlands alte Atomkraftwerke in die Offensive: "Wir müssen von diesen Gefährdungsreaktoren weg", sagte er und forderte eine Verlagerung der Laufzeiten hin zu moderneren Kraftwerken.

Union sperrt sich gegen Gabriels Laufzeit-Pläne

In der Union stößt dies inzwischen auf Widerstand. Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) warnte am Wochenende vor steigenden Strompreisen bei einer früheren Abschaltung von Atomkraftwerken. "Wir können die Bürger nicht noch mit zusätzlichen Ideologiekosten belasten", nur weil Gabriel (SPD) schneller aus der Atomkraft aussteigen wolle, sagte er der "Sächsischen Zeitung". Auf die Bürger kämen schließlich schon weitere Kosten für den Klimaschutz zu. Die Atomkraft gehöre zum Energiemix. "Dabei muss es auch bleiben."

Der designierte bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) plädiert offen für eine Verlängerung der Laufzeiten. Er halte die Atomkraft für eine Übergangzeit von einigen Jahrzehnten noch "für unbedingt notwendig", sagte er der "Berliner Zeitung". Man könne nicht Kohlendioxid reduzieren, wenn man gleichzeitig die Atomkraftwerke abschalte.

CDU-Präsidiumsmitglied Friedbert Pflüger dagegen forderte seine Partei angesichts der Störfälle dazu auf, den Atomausstieg nicht in Frage zu stellen. "Wir sind klug beraten, wegen der unkalkulierbaren Risiken der Atomenergie den zwischen Industrie und Politik ausgehandelten Konsens im Grundsatz einzuhalten", sagte der Berliner CDU-Fraktionschef der "Wirtschaftswoche". Die Atomenergie sei nur "eine Brückentechnologie".

Das vollständige Interview mit Lars Göran Josefsson und eine Analyse über die deutschen Stromkonzerne in der Defensive lesen Sie im aktuellen SPIEGEL, der am Montag erscheint.

fba/AP/dpa

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