Venter vs. Collins: Duell der Gen-Giganten

Von Alexander Stirn

Das Genom ist sequenziert, die beiden konkurrierenden Teams sind erst einmal am Ziel. Freunde sind deren Protagonisten Craig Venter und Francis Collins dennoch nicht geworden.

San Francisco - Da sitzen sie nun, die neuen Superstars der Genetik. Beide im dunkelgrauen Anzug mit blauem Hemd, beide gut gelaunt, beide Freunde fürs Leben. Auf den ersten Blick: Denn wenn sich Craig Venter, Chef der börsennotierten US-Firma Celera, und Francis Collins, einer der Köpfe des staatlich geförderten Humangenomprojekts, begegnen, wirkt die Harmonie gespielt - so wie beim Jahrestreffen des weltgrößten Wissenschaftlerverbandes, der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in San Francisco.

Das fängt bei Äußerlichkeiten an: Collins, der Beamtentyp mit der akkurat an den Kopf gezimmerten Frisur, versucht gleichzeitig Seriosität und jugendliche Unschuld zu versprühen - eine Art Bill Gates der Genetik. Rechts daneben, von den Organisatoren durch zwei Meter Sicherheitsabstand getrennt, sitzt Venter, der Abtrünnige. Die ausgeprägte Glatze und die gedrungene Statur verleihen dem Kalifornier etwas Kämpferisches. Wenn Venter redet, und er redet gern, läuft der Kopf schon einmal rot an.

Genomforscher Venter: "Es war nie Teil unseres Businessplans, Daten geheimzuhalten"
AFP

Genomforscher Venter: "Es war nie Teil unseres Businessplans, Daten geheimzuhalten"

Collins setzt - vor Hunderten von Journalisten - alles daran, nicht steif zu wirken. Der 50-Jährige macht seine Scherzchen, plaudert gleich mehrfach über die "tolle" und "atemberaubende" Woche, die hinter ihm liegt, den aufregendsten Moment in seinem Leben. Im Hintergrund haben die Imageberater, so hat es den Eindruck, ganze Arbeit geleistet. Wissenschaft, das scheint der ehemalige Arzt gelernt zu haben, muss auch entsprechend verkauft werden - vor allem, wenn es sich um solch bedeutende Aufgaben handelt wie die Entschlüsselung des menschlichen Genoms.

Venter hat so etwas nicht nötig. Seitdem er 1992 frustriert das National Institute of Health in Richtung freier Wirtschaft verlassen hat, gilt er als Enfant terrible der Gentechnik, als jemand, der das schnelle Geld liebt, der wissenschaftliche Erkenntnisse vermarkten will. Folglich ist es ausgerechnet Venter, der sich nun um Seriosität bemühen muss. "Es war nie Teil unseres Businessplans, die Daten geheimzuhalten", sagt der 54-Jährige in San Francisco. Und schiebt sofort hinterher: "Wissenschaftler aus 90 Ländern haben mittlerweile unsere Internetseiten angesteuert."

Die Vorlage nimmt Collins gerne auf: "Teil unserer Mission ist es, Informationen über die Gene jedermann zugänglich zu machen." Schließlich gehöre das Genom allen Menschen; ein Punkt, den der Mann aus Virginia in allen möglichen Varianten wiederholt, auch als er später das voll besetzte Plenum des AAAS-Meetings adressiert. In seiner Top-Ten-Liste - die Auftritte in den Talkshows sind nicht folgenlos geblieben - stellt Collins natürlich einen Aspekt ganz voran: den freien uneingeschränkten Zugang zu den Daten des menschlichen Erbguts. Das Publikum belohnt Collins mit stehenden Ovationen.

Während der Kopf des Humangenomprojekts mit Werbevideos und provokanten Vorhersagen besticht, wählt Venter am nächsten Tag einen anderen Weg: Im Smoking und mit schwarzer Fliege referiert er über seine Erfolge und die Möglichkeiten der Genetik, seine Herangehensweise und zukünftige Entwicklungen. Trocken, nüchtern, teilweise schwer verständlich. Ganz der erfolgreiche Wissenschaftler, als der Venter gern gesehen werden will.

Farce im Blätterwald

Vor der Presse hat Collins derweil eine Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" herausgekramt. Mit einem triumphierenden Lächeln breitet er ein Poster des menschlichen Genoms aus. Das ist sein Werk. Und das Werk von mehr als 1000 Kollegen, wie der Genetiker pflichtbewusst betont. Auch Venter hat Literatur mitgebracht, packt sein Heft von "Science" aber mit leicht säuerlichem Blick wieder ein.

Es gehört zu einer eher fragwürdigen wissenschaftlichen Leistung, dass die beiden Versionen des Genoms in zwei verschiedenen Zeitschriften veröffentlich werden mussten. Offensichtlich, so ist zu hören, konnten sich die konkurrierenden Teams nicht auf eine gemeinsame Fassung einigen. Folglich wartete die britische Wissenschaftszeitschrift "Nature" am Donnerstag mit der Genkarte des Humangenomprojekts auf. Am Tag darauf erschien das US-Magazin "Science" mit den Erkenntnissen von Celera. Dass Collins ihm in puncto Veröffentlichung um einen Tag zuvor gekommen ist, wurmt Venter offenbart. Ein ums andere Mal feuert er in San Francisco kleine, als Scherz getarnte Spitzen gegen "Nature" ab.

Subtil, aber mit Nachdruck, so gehen die beiden gegeneinander vor. Dabei ist es immer wieder Venter, der gegen seinen öffentlich-rechtlichen Konkurrenten stichelt. Nein, Celera würde das sequenzierte Erbgut im Gegensatz zu Collins nie als "Buch des Lebens" bezeichnen. Nein, das Genom könnte keinesfalls als "Bauplan der Menschlichkeit" verstanden werden. Wer das macht, begibt sich auf unseriöses Terrain, lautet Venters unterschwellige Botschaft - auch wenn er das so nie aussprechen würde. Aber die ausgedehnten Wüsten im Erbgut als "Unrat" zu bezeichnen, das gehe nun wirklich nicht.

Auch wenn das Gespräch auf einen möglichen Nobelpreis kommt, offenbaren die beiden Protagonisten Differenzen - allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen. Collins gibt sich uneigennützig und stellt das Team in den Vordergrund. "Dann müssten Sie den Nobelpreis an 3492 Menschen verleihen." Venter, der Ehrgeizige, setzt derweil eine verständnislose Miene auf und wird auf einmal einsilbig: "Dazu sage ich lieber nichts."

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