Verbraucherschützer Thilo Bode "Functional Food ist eine Täuschung"

Sie sollen vor Erkältung schützen, die Abwehrkräfte stärken oder Cholesterin senken: Ob Joghurt, Sauerkraut oder Limonade - viele Lebensmittel werden als Functional Food angepriesen. Im Interview mit "Technology Review" entlarvt der Verbraucherschützer Thilo Bode die Versprechungen.

Verbraucheraktion gegen Actimel (2009): "Danone hat jetzt ein richtiges Image-Problem"
DPA

Verbraucheraktion gegen Actimel (2009): "Danone hat jetzt ein richtiges Image-Problem"


Frage: Herr Bode, Sie sagen in Ihrem neuen Buch "Die Essensfälscher", es gäbe außer zwei Beispielen keine echten Innovationen in der Lebensmittel-Branche…

Bode: Tiefkühlkost war eine wichtige Innovation, und es gibt bei den Herstellungsprozessen natürlich innovative Entwicklungen aus Sicht der Hersteller. Aber bei der Qualität der Nahrungsmittel gibt es keine.

Frage: Auch Functional Food fällt für Sie nicht in diese Kategorie?

Bode: Functional Food ist eine Täuschung und keine Innovation. Wenn ein solches Produkt tatsächlich eine Wirkung hat wie cholesterinsenkende Margarine, handelt es sich um eine Art Medikament und nicht um ein Lebensmittel. Gesunde Menschen brauchen das nicht - wer aber krank ist, soll zum Arzt oder zum Apotheker gehen. Und wer Hunger hat, geht in den Supermarkt. In der Regel ist Functional Food ein reiner Marketing-Trick. Beim probiotischen Joghurt Actimel suggeriert die Werbung, dass dieses Produkt vor Erkältung schützt. Das tut es aber nicht, und die beworbene Aktivierung der Abwehrkräfte haben Sie auch bei Sauerkraut oder Naturjoghurts.

Frage: Glauben die Leute die Gesundheitsversprechen überhaupt noch?

Bode: Ja, sehr! Die Qualität von Lebensmitteln ist für die Verbraucher doch gar nicht überprüfbar. Wenn Danone mit Millionensummen die Werbetrommel rührt und Actimel-Gutscheine sogar in Arztpraxen auslegt, dann glauben sie irgendwann, dass an den Gesundheitsversprechen wohl etwas dran sein muss. Nach unserer Actimel-Kampagne haben mich allerdings viele Leute angesprochen: "Seitdem wir Ihre Analyse gelesen haben, trinken wir kein Actimel mehr." Danone hat jetzt ein richtiges Image-Problem.

Frage: Nach Aussage von Lebensmitteltechnik-Forschern steigt die Zahl der Industrieanfragen, wie man die Rezepturen so ändern kann, dass der Fettanteil und der Zuckergehalt sinken, der Geschmack jedoch gleich bleibt - weil die Esswaren sonst nicht gekauft würden.

Bode: Das Essen kann man nicht neu erfinden. Wir merken eher, dass die Nahrungsmittel zunehmend mit Zusatzstoffen versetzt und aromatisiert werden. Durch Aromen kann man Rohstoffkosten sparen. Zusatzstoffe garantieren eine bessere Lagerbarkeit, Haltbarkeit und Farbe.

Frage: Sie fordern, dass die Politik eingreifen müsse, ein Abstimmen der Verbraucher mit dem Geldbeutel reiche nicht.

Bode: Ja, weil die Konsumenten keine Alternative haben. Sie erfahren nicht einmal verständlich, was in einem Produkt wirklich drinsteckt und wo es herkommt. Da muss der Staat intervenieren, weil der Markt die Transparenz nicht selber herstellt. Die Verbraucher müssen das Recht haben zu fragen: Welche Aromen sind in meiner Limonade? Wir Verbraucherverbände müssen das Recht bekommen, ein Gesetz juristisch danach zu hinterfragen, ob es in die Verbraucherrechte eingreift. Und dann müssen einzelne Regelungen wie die Zusatzstoff-Zulassungsverordnung geändert werden. Heute darf auf jedem Produkt stehen, dass es keine Geschmacksverstärker enthält, obwohl Glutamat in Form von Hefeextrakten darin enthalten ist. So kann sich der Verbraucher nicht gegen ein solches Mogelprodukt entscheiden.

Frage: Aber viele Leute sind bequem, es ist ihnen egal, was im Essen ist, und sie wollen Geld sparen.

Bode: Nein, das ist falsch. Die Leute sind nur machtlos, weil ihnen wichtige Informationen vorenthalten werden. Viele sind bereit, für echte Qualität auch Geld auszugeben. Das Problem ist nur, dass sie Qualität nicht überprüfen können. Der Preis liefert keinen Hinweis: Billig ist nicht automatisch schlecht im Lebensmittelmarkt und teuer nicht automatisch gut.


© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover

Interview: Veronika Szentpétery

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.