Verbraucherschutz-Skandal Franzosen verspeisten 47.000 BSE-Kühe

In den letzten 13 Jahren gelangte das Fleisch Tausender BSE-kranker Tiere unerkannt in französische Geschäfte. Der Fall gilt schon jetzt als Desaster für den Verbraucherschutz und für die behördlichen Kontrollen - und hat möglicherweise bereits erste Todesopfer gefordert.

Von Vlad Georgescu


Steak: Tausende infizierte Tiere beim Verbraucher auf dem Tisch
AP

Steak: Tausende infizierte Tiere beim Verbraucher auf dem Tisch

"Wir gehen davon aus, dass zwischen 1980 und dem Jahr 2000 insgesamt 301.200 Rinder in Frankreich mit BSE infiziert waren", resümieren Virginie Supervie und Dominique Costagliola. Die beiden Forscher vom Pariser Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale (Inserm) machen damit einen neuen BSE-Skandal in Frankreich publik. Laut ihrer im Fachblatt "Veterinary Research" veröffentlichten Studie gelangten bis zum Jahr 1996 insgesamt 47.300 infizierte Rinder auf den Tisch der französischen Verbraucher.

Besondere Brisanz erhält das Papier, weil es nach Ansicht der Fachleute Fehler in der Bekämpfung der tödlich verlaufenden und auf den Menschen übertragbaren Tierseuche aufzeigt. Denn laut Supervie und Costagliola wurde erst die zweite Infektionswelle erfasst; die erste blieb unentdeckt.

Nachdem in den achtziger Jahren die ersten Fälle der gefährlichen Prionenerkrankung in Großbritannien bekannt wurden, hatte sich die französische Regierung vorwiegend um einen Importstopp infizierter Kühe aus dem Nachbarland bemüht. Doch die Kontrolle der eigenen Bestände startete erst Jahre später, nachdem 1991 das erste französische Rind BSE-Symptome zeigte.

Grafik BSE-Rind: Nahrungskette mit Prionen verseucht
DER SPIEGEL

Grafik BSE-Rind: Nahrungskette mit Prionen verseucht

Noch im Jahr 1989 - fast fünf Jahre nach dem ersten BSE-Fall in Großbritannien - fütterten Landwirte in Frankreich ihre Viehbestände nach wie vor mit britischem Tiermehl - und verseuchten auf diese Weise die Nahrungskette mit Prionen. Auch waren französische Herden bereits in den achtziger Jahren längst mit BSE infiziert - unerkannt, wie das Forscherteam nun herausgefunden hat.

Die jetzige Publikation kommt für die Regierung in Paris zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die französischen Behörden mussten den Tod eines 55-jährigen Mannes bekannt geben, der an der BSE-Variante des Menschen, der Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung (CJD), gestorben war. Es handelt sich dabei um den bisher siebten CJD-Todesfall, den Mediziner in Frankreich verzeichneten. Einen Zusammenhang zwischen BSE beim Rind und der CJD hatten Forscher bereits im Jahr 1996 festgestellt.

Tiermehl: Noch fünf Jahre nach ersten Infektionen verfüttert
AP

Tiermehl: Noch fünf Jahre nach ersten Infektionen verfüttert

In ungewöhnlich scharfer Form kritisiert daher Cosagliola die Behörden der französischen Republik: Man habe "seit einiger Zeit gewusst, dass die offiziellen Statistiken nicht das wahre Ausmaß der Epidemie widerspiegeln", schreibt der Wissenschaftler. Die Fakten geben ihm Recht: Laut amtlicher Zählung gab es in Frankreich in den vergangenen 13 Jahren lediglich 923 mit BSE infizierte Rinder. Die restlichen 290.000 BSE-Tiere kommen in dieser Erfassung gar nicht vor.

Dabei hätten die Behörden spätestens vor vier Jahren reagieren können. In einem Bericht des wissenschaftlichen Komitees der EU (SSC), der im Juli 2000 erschien und SPIEGEL ONLINE im Original vorliegt, warnten die Experten schon damals vor weitaus höheren BSE-Zahlen in Frankreich. Auf Seite fünf des Papiers kommen die Experten zum alarmierenden Schluss, den seitdem erst die Autoren der jetzigen Publikation ernst zu nehmen schienen, nämlich, dass die Überwachung "kein reales Bild über die Zahl der BSE-Fälle wiedergibt".



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