Verdeckte Förderung Tabakkonzern finanzierte Lungenkrebsstudie

Lungenkrebs ist in 90 Prozent der Fälle heilbar, verkündete im Jahr 2006 ein US-Forscherteam. Die Studie sorgte damals für Aufsehen und Streit unter Medizinern. Jetzt ist ein brisantes Detail publik geworden: Ein US-Zigarettenhersteller hat die Studie mit 3,6 Millionen Dollar unterstützt.


Die Zahlen waren beeindruckend: 80 bis 90 Prozent aller Todesfälle durch Lungenkrebs seien vermeidbar, verkündete 2006 Claudia Henschke von der Cornell University in New York. Ihr Forscherteam hatte jahrelang mehr als 30.000 Menschen regelmäßig im Computertomographen untersucht - und dabei knapp 500-mal Lungenkrebs im sehr frühen, noch gut behandelbaren Stadium diagnostiziert. Die Zehnjahresüberlebensrate für diese Gruppe lag bei 90 Prozent, berichteten die Mediziner im renommierten "New England Journal Of Medicine".

Gebäude der Liggett Group: Geld der Tabakindustrie für Krebsforschung
AP

Gebäude der Liggett Group: Geld der Tabakindustrie für Krebsforschung

Die These vom Lungenkrebs, der heilbar ist, wenn er nur rechtzeitig erkannt wird, dürfte bei den Herstellern der teuren Computertomographen gut angekommen sein - schließlich wollte Henschke vor allem dank der hohen Auflösung der Geräte die kleinen Karzinome entdeckt haben, die bei herkömmlichen Röntgenuntersuchungen noch nicht auffallen. Und auch Manager der Tabakindustrie dürften damals erfreut gewesen sein.

Nun hat die "New York Times" aufgedeckt, dass der US-Zigarettenhersteller Liggett die Henschke-Studie finanziert hat - und die Forschergemeinde in den USA reagiert schockiert.

Patienten müssten der Arbeit von Wissenschaftlern trauen können, sagte John Niederhuber, Direktor des National Cancer Institute. Es dürfe nicht hingenommen werden, dass dieses Vertrauen in Frage gestellt wird. Sidney Wolfe von der Public Citizen's Health Research Group sagte, Forschungsergebnisse würden weniger glaubwürdig, wenn es heimliche Beeinflussung durch die Industrie gebe. "Es gibt viele kluge Forscher, die keine Interessenkonflikte haben."

Chefredakteure empört

Henschke hatte in ihrer Studie im "New England Journal of Medicine" zwar angegeben, dass die Arbeit von einer Stiftung namens "Foundation for the Lung Cancer: Early Detection, Prevention and Treatment" unterstützt worden war. Dass diese vom Tabakkonzern Liggett Group Geld bekam, wurde jedoch verschwiegen.

Liggett wies den Vorwurf manipulierter Forschungsergebnisse zurück. Das Unternehmen habe die Lungenkrebsstudie "weder kontrolliert noch beeinflusst", sagte Sprecherin Carrie Bloom. Der Tabakkonzern selbst hat die Forschungsfinanzierung übrigens nicht verheimlicht: Im Jahr 2000 informierte die Vector Group, der Mutterkonzern von Liggett, per Pressemitteilung über eine Zahlung von 2,4 Millionen US-Dollar an das Forschungsprojekt der Cornell University.

Jeffrey Drazen, Chefredakteur des "New England Journal of Medicine", zeigte sich empört über den verschwiegenen Interessenkonflikt: "In den sieben Jahren, die ich hier arbeite, habe ich noch nie eine Studie publiziert, die von einem Zigarettenhersteller unterstützt wurde", sagte er der "New York Times". Auch beim "Journal of the American Medical Association" (Jama), wo die Henschke-Gruppe ebenfalls über ihre Lungenkrebsfrüherkennung publiziert hatte, ist die Überraschung groß: Man hätte die Studie nicht veröffentlicht, wenn man gewusst hätte, woher das Geld dafür gekommen sei, sagte Chefredakteurin Catherine DeAngelis.

Kodex zur Ablehnung von Tabakindustriegeldern

Der Dekan des Weill Cornell Medical College an der Cornell University, Antonio Gotto, wies Vorwürfe gegen seine Wissenschaftler zurück: "Die Behauptung, wir hätten die Stiftung gegründet, um die Geldherkunft zu verschleiern, ist falsch." Man habe die Öffentlichkeit informiert, dass Geld von einer Tabakfirma angenommen wurde. Gotto gab zugleich zu, dass es womöglich besser gewesen wäre, die Unterstützung durch Liggett in den wissenschaftlichen Artikeln offen anzugeben.

Immer mehr Universitäten in den USA nehmen Spenden von Tabakkonzernen nicht mehr an, um Interessenkonflikte und mögliche Beeinflussungen auszuschließen. Auch in Deutschland lehnen immer mehr Forscher eine derartige Finanzierung ab. So hat das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) im November 2005 einen ethischen Kodex zur Ablehnung von Tabakindustriegeldern beschlossen. Zahlungen der Branche für Forschungsförderung, Gutachterhonorare oder Reisekosten lehnt das DKFZ ab. Auch eine Mitwirkung an Veranstaltungen der Tabakindustrie oder Dritter, die von der Tabakindustrie maßgeblich gesponsert werden, ist für DKFZ-Forscher ausgeschlossen.

Die Studie von Claudia Henschke zur Lungenkrebsfrüherkennung war unter Medizinern übrigens von Anfang an umstritten. Dabei ging es vor allem um das Fehlen einer Vergleichsgruppe. Die Cornell-Mediziner hatten nämlich nicht untersucht, wie die Situation bei Menschen ohne Früherkennung im Spiral-CT ist. Lungenkrebsexperten halten es deshalb für noch nicht bewiesen, ob die Früherkennung tatsächlich hilft - auch weil es Studien mit gegenteiligen Ergebnissen gibt.

Das "Deutsche Ärzteblatt" wies zudem darauf hin, dass ein im Screening entdeckter Tumor einen "größeren, überaus riskanten operativen Eingriff nach sich zieht" - was den meisten Menschen nicht bewusst sei. Hinzu kommt das Problem der Falsch-Positiv-Resultate: Henschkes Team hatte mit dem CT mehr als 4000 mutmaßliche Tumorherde entdeckt, von denen sich aber nur ein Zehntel tatsächlich als Tumor entpuppte.

hda/AP



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