Uno-Tagung in Äthiopien Eine Kampfdrohne kaufen - oder 113.000 Malariakranke retten?

Die Uno sucht diese Woche nach Geld für Entwicklungsfinanzierung. Rechnungen zeigen, welch große Wirkung winzige Einsparungen beim Rüstungsetat haben könnten.

MEADS-Abwehrsystem: Ausgaben entsprechen Jahresetat des Kinderhilfswerks Unicef
REUTERS

MEADS-Abwehrsystem: Ausgaben entsprechen Jahresetat des Kinderhilfswerks Unicef

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"In Addis Abeba muss es losgehen", sagt Jeffrey Sachs, wissenschaftlicher Berater von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon. Auf der Uno-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung diese Woche in der Hauptstadt Äthiopiens müsse endlich das Geld zusammenkommen, um Armut entscheidend zu mindern.

Damit bis 2030 Hungerleid beseitigt werden kann, braucht es in den kommenden 15 Jahren jährliche Investitionen in Höhe von 241 Milliarden Euro, erklärte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO in ihrem Bericht zur Entwicklungskonferenz.

Sollten hingegen die Investitionen auf dem derzeitigen Stand bleiben, müssten in 15 Jahren mehr als 650 Millionen Menschen weiterhin Hunger leiden. Derzeit sind es nach Angaben der Uno etwa 800 Millionen Menschen.

Was wurde aus den großen Zielen?

Umgerechnet müssten für jeden Armen weltweit jährlich 160 Dollar aufgebracht werden, stellte die FAO fest. Der Preis für den Kampf gegen den Hunger sei vergleichsweise niedrig.

Acht sogenannte Millenniumsziele hatte die Uno zur Jahrtausendwende beschlossen, dieses Jahr sollten sie erreicht sein. Doch ob Sieg gegen Hunger, Aids oder Malaria, die Senkung der Kindersterblichkeit oder bessere Schulbildung - zwar gibt es Fortschritte, doch die Ziele wurden verfehlt.

Mittlerweile hat die Uno sich auf 17 neue sogenannte Nachhaltigkeitsziele geeinigt. Verbände von Nichtregierungsorganisationen aber fordern ein weiteres - es soll das Erreichen der anderen ermöglichen: "Die Staaten müssen ihren Militäretat um zehn Prozent kürzen", verlangen World Future Council (WFC) und Bureau International Permanent de la Paix (IPB).

Bereits 1987 hatte die Uno erklärt, dass sich Aufrüstung und soziale Stabilität auf Dauer nicht vereinbaren ließen. Doch heute gäben die Staaten mehr Geld für Rüstung aus als während des Kalten Kriegs, kritisieren WFC und IPB. Hingegen erreichten viele nicht mal die Minimalvorgabe der Uno, 0,7 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung in Entwicklungsfinanzierung zu investieren.

Was alles möglich wäre

Eine Expertengruppe soll im Auftrag der Uno ein Verfahren entwickeln, wie Rüstungsgelder umgelenkt werden könnten, fordern die Verbände. WFC und IPB rechnen vor, welche Hilfsprojekte mit Einsparungen von Rüstungsgütern möglich wären:

  • Für die Kosten einer Kampfdrohne MQ-9 "Reaper" von 15,3 Millionen Euro könnte 113.000 Malariakranken das Leben gerettet werden - eine Behandlung kostet laut Weltgesundheitsorganisation 135 Euro.
  • Anstatt eines Eurofighters "Typhoon" für 180 Millionen Euro könnten 10.900 Einraumschulen in Afrika gebaut werden. Schon eine Flugstunde mit dem Kampfflugzeug koste mehr als vier solcher Schulen.
  • Für den Preis eines Schützenpanzers "Puma" von 8,85 Millionen Euro ließen sich 804 Brunnen in afrikanischen Dörfern südlich der Sahara erschließen.
  • Um die Bildungsziele der Weltgemeinschaft zu erreichen, fehlten 39 Milliarden Dollar, erklärt der WFC unter Berufung auf die Uno. Mit lediglich 2,2 Prozent der weltweiten Militärausgaben eines einzigen Jahres ließe sich die Lücke schließen.
  • Das von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen geplante Luftabwehrsystem Meads könnte den gesamten Jahresetat des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (Unicef) decken - es blieben sogar gut 200 Millionen Euro übrig.
  • Mit den 28,3 Milliarden Euro für die Erneuerung der britischen mit "Trident"-Raketen bestückten U-Boote könnten im Amazonasgebiet eine Fläche der 3,4-fachen Größe Belgiens wiederaufgeforstet werden.
  • Für die Kosten des US-Flugzeugträgers "Bush" von 5,7 Milliarden Euro könnten 39 Millionen afrikanische Kinder ein Jahr lang mit Essen für die Schule versorgt werden. Auch Griechenland könnte geholfen werden, erklären WFC und IPB: Für die 2014 bei Rheinmetall bestellte Panzermunition im Wert von 52 Millionen Euro könnten 100.000 Griechen, die in Armut leben, jeweils 520 Euro Soforthilfe bekommen.

Die dritte Uno-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung tagt bis Donnerstag. Alleine während der Dauer der Tagung, mahnt der World Future Council, steckten die Staaten den sechsfachen Jahresetat von Unicef in Rüstungsgüter.

Der Autor auf Twitter:

http://axelbojanowski.de/

Uno-Millenniumsziele
Millenniumsziele
Im Jahr 2000 haben sich 189 Staaten auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen auf acht "Millenniumsziele" geeinigt. Ihre Umsetzung erweist sich allerdings als schwierig:
Armut
DPA
Der Anteil der unter Hunger und Armut leidenden Menschen in der Welt sollte - ausgehend vom Niveau von 1990 - bis 2015 halbiert werden. 1990 mussten 1,25 Milliarden Menschen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen, 14 Jahre später waren es noch 980 Millionen Menschen. Laut Weltbank hat immer noch mehr als eine Milliarde Menschen nicht genug zu essen.
Grundbildung
REUTERS
Bis 2015 sollen alle Kinder eine Grundschulbildung vollständig abschließen können. 2007 konnten nach einem Bericht des Kinderhilfswerks Unicef 93 Millionen Kinder keine Schule besuchen. Das sind 20 Prozent weniger als fünf Jahre zuvor. Besonders Mädchen sind noch immer benachteiligt.
Gleichberechtigung
AFP
Die Diskriminierung der Frauen soll weltweit überwunden werden. Bisher änderte sich in vielen Ländern aber nur wenig. Das Ziel, geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Grundschulbildung bis 2005 zu beseitigen, wurde verfehlt. Laut Bildungsorganisation Unesco hatten 2007 von den 171 Ländern, für die Daten vorlagen, nur 53 die Geschlechterparität erreicht.
Kindersterblichkeit
DPA
Die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren sollte bis 2015 um zwei Drittel sinken. Weltweit erleben laut Unicef 9,2 Millionen Kinder ihren fünften Geburtstag nicht. Vor acht Jahren waren es 12,7 Millionen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert die Fortschritte als unzureichend und fordert, dass den mehr als hundert Millionen Kindern dringend geholfen wird, die an den Folgen von Unterernährung leiden.
Müttergesundheit
DPA
Die Müttersterblichkeit sollte bis 2015 um drei Viertel sinken. Eine halbe Million Frauen stirbt jährlich nach Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt, 99 Prozent von ihnen in Entwicklungsländern. Seit 1995 hat die Zahl medizinischer Helfer bei Entbindungen zugenommen, aber nur leicht. 1990 wurden 53 Prozent der Geburten von Fachpersonal betreut, bis 2007 stieg die Zahl auf 63 Prozent.
Gesundheit
AFP
Die Ausbreitung von Aids, Malaria und anderen schweren Krankheiten sollte bis 2015 zum Stillstand gebracht und allmählich umgekehrt werden. Die Zahl der HIV-Ansteckungen ging laut WHO zwischen 2001 und 2008 bereits um 16 Prozent zurück. Aber etwa nur ein Drittel der Aidskranken kann behandelt werden. Die Behandlung von Malaria und Tuberkulose ist heute laut WHO sehr wirksam - die Hilfe ist aber oft zu teuer und kommt nicht an.
Ökologische Nachhaltigkeit
AP
Ziel ist es, weltweit ökologisch effizient zu wirtschaften und Naturressourcen und Energie umweltschonend zu nutzen. Die Zahl derer, die keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, sollte halbiert werden. Nach WHO-Angaben hatten 2010 weltweit 87 Prozent Zugang zu Trinkwasser. Doch noch sind rund zwei Milliarden Menschen ohne sanitäre Grundversorgung.
Entwicklungspartnerschaft
Corbis
Durch allgemeine Allianzen von Staat, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft sollen wirksame Beiträge zur Erreichung der Millenniumsziele geleistet und das hohe Kooperationspotential optimal genutzt werden. Die Uno registrierte allerdings, dass die von reichen Staaten für Entwicklungsziele versprochenen Gelder weit zurückhaltender eingehen als versprochen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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Seite 1
iii.tempel 13.07.2015
1. Alles ziemlicher...
...Unsinn. Immer mehr Entwicklungshilfe, beweist die Vergangenheit, bedeutet immer mehr Korruption. Unter dem Einfluß der religiösen Gemeinschaften (Euphemismus), würde höchstens das Bevölkerungswachstum zunehmen. Ich kenne zwar den richtigen Weg nicht, aber dieser ist es offensichtlich nicht.
Koana 13.07.2015
2. Autsch....
..... alleine diese Vergleiche zeigen, der Irrsinn hat uns fest im Griff. Übrigens das Fragezeichen in der Überschrift ebenso. Leider lautet die Antwort: Natürlich lieber Luxus für Milliardäre und Kriegsspielzeuge, damit man das irre System irgendwie immer am Laufen halten kann - mit Ausrufezeichen.
exHotelmanager 13.07.2015
3.
Wir sollten inzwischen gelernt haben, dass dieses naive Milchmädchen-Rechnen die Welt nicht rettet. Wir sind zu viele Menschen auf der Welt. Die Rettung liegt eher darin, die Zahl der nachkommenden Generationen auch in den armen Ländern auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren und den religös/nationalistisch motivierten Aggressionen so viel Kraft entgegen zu setzen, dass sie aufgeben. Über den Intellekt sind diese Kräften offensichtlich nicht erreichbar - also brauchen wir die Drohen.
Kampfdenker 13.07.2015
4. Medikamente können in Afrika mit Drohnen
Gerade Medikamente können in Afrika mit Drohnen besser verteilt werden- das zeigt ,wie absurd die Argumente sind. Diese Gegenüberstellung ist infantil- die sogenannte Friedensdividende-wo ist sie denn geblieben.- Einsparungen bei der Rüstung bedeuten mehr Arbeitslose und weniger technologischer Fortschritt.-
Schimboone 13.07.2015
5.
Tja, den Hunger wird man mit nur mehr Geld aber leider nie beseitigen können, egal wie viel Geld man auch investieren wird: Ohne eine nachhaltige Populationssteuerung wird weniger Hunger zu einer bevälkerungsexplosion führen. Was sagen die Vereinten Nationen denn zu diesem Problem?
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