Verhaltensforschung Affen äffen Mimik nach

Von wegen typisch menschlich: Deutsche Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass Affen die Mimik ihrer Gefährten nachahmen können - eine Voraussetzung für die Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden.

Von Nicole Simon


Der Mann neben einem im Bus gähnt, und ohne dass man sich dagegen wehren könnte, reißt man selbst den Mund auf. Auch ein nettes Lächeln auf der Straße führt meist zu einer Erwiderung. Typisch menschliches Verhalten sollte man meinen. Falsch gedacht, auch Affen sollen in der Lage sein, den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers zu kopieren.

Orang-Utan: Affen können den Gesichtsausdruck ihrer Artgenossen imitieren
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Orang-Utan: Affen können den Gesichtsausdruck ihrer Artgenossen imitieren

Durch Untersuchungen an 25 Orang-Utans im Alter von zwei bis zwölf Jahren in verschiedenen Zoos konnten Marina Davila-Ross vom Zentrum für Neurowissenschaften der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und Kollegen dies nun belegen. Per Videoaufnahme dokumentierten sie, dass Affen spontan die Mimik ihrer Spielgefährten imitieren. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Biology Letters".

Untersuchungen haben gezeigt, dass verständnisvolle und mitfühlende Menschen viel häufiger gähnen als solche, die sich nur schwer in andere hineinversetzen können. Eventuell ist das gemeinsame Gähnen eine Möglichkeit, sich mit dem Gegenüber zu verbünden. Der Mechanismus emotionaler Ansteckung wurde bisher immer als menschliche Eigenschaft gedeutet. Es zeigt, dass man die Gefühle anderer versteht, sich in das Gegenüber hineinversetzen kann und in der Lage ist, Mitgefühl zu entwickeln.

Zeigt ein Orang-Utan bei der Aufforderung zum Spiel oder während des Spiels ein sogenanntes Spielgesicht, eine Art Lächeln, imitiert sein Partner diese Mimik in weniger als einer Sekunde. Diese spontane Reaktion auf einen emotionalen Ausdruck ist eigentlich typisch für menschliches Verhalten. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass diese Verhaltensweise auch schon beim Menschenaffen ausgebildet ist", sagte Elke Zimmermann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Es äfften allerdings nicht alle Tiere in der Gruppe die Mimik des potentiellen Spielpartners nach. Die Forscherinnen vermuten nun, dass das Nachahmen der Mimik vielleicht auch davon abhängt, wie gut die potentiellen Spielpartner einander kennen.

Unklar ist, ob das Verhalten angeboren oder erlernt ist. Die Forscher gehen von einer Kombination aus. "Größtenteils dürfte diese Reaktion vererbt sein. Da aber nicht alle Affen dieses Verhalten zeigen, sind wohl auch Lernprozesse von Bedeutung", so die Forscherin. Menschen-Babys können die Mimik ihrer Eltern schon etwa 14 Tage nach ihrer Geburt nachahmen. Aber erst im Alter von etwa einem Jahr machen Kleinkinder das ganz bewusst. Auch bei Affen scheint das Alter eine Rolle zu spielen. "Jungtiere unter zwei Jahren haben nicht auf die Mimik der Gruppenmitglieder reagiert."

Spiegelneuronen könnten der Schlüssel sein

Ähnliche Beobachtungen hatten britische und japanische Forscher für die ansteckende Wirkung des Gähnens bei ausgewachsenen Schimpansen gemacht. Es gibt sogar eine Studie für Rhesusaffen-Babys, die Grimassen von Menschen nachahmen können. Die Zunge herausstrecken oder den Mund weit aufreißen - das konnten die Kleinen den menschlichen Versuchsleitern schon nachmachen. Diese Ergebnisse wertet Elke Zimmermann als Bestätigung ihrer Beobachtungen, da sie wahrscheinlich auf dem gleichen Mechanismus beruhen.

"Der Schlüssel zu der Erklärung könnten sogenannte Spiegelneuronen sein", so Zimmermann. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im Gehirn nur durch die Betrachtung eines Vorgangs die gleichen Reaktionen auslösen, als wenn man selbst Teil des Vorgangs wäre. Sie werden nicht nur aktiv, wenn wir etwas erleben. Sie werden auch dann aktiv, wenn wir beobachten, wie ein anderer Mensch etwas erlebt. Diese Nervenzellen spiegeln also die Reaktion auf das Verhalten, das man an anderen beobachtet. Zurzeit wird diskutiert, ob die Spiegelneuronen die Grundlage für Verständnis, Empathie und Kommunikation sein könnten.

Julia Fischer am deutschen Primatenzentrum in Göttingen steht dieser Beobachtung skeptisch gegenüber: "Alle Menschenaffen reagieren auf die Mimik ihrer Gefährten, das ist nichts Neues. Ich glaube nicht, dass das etwas mit Imitation zu tun hat. Dafür müssten die Orang-Utans genau beobachten, was der andere macht, sich überlegen, was er vorhat und wieso", sagte die Forscherin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Besondere kognitive Fähigkeiten würde sie in dieses Verhalten nicht hinein interpretieren. "Um von den Beobachtungen der Hannoveraner Wissenschaftler auf eine Fähigkeit zum Mitgefühl bei Primaten schließen zu können, müssen noch viele weitere Untersuchungen folgen."



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