Verhaltensforschung Gewalttäter Mensch

Der Hang zur Gewalt ist im Stammbaum des Menschen tief verwurzelt, berichten Forscher. Die Gesellschaft kann den Homo sapiens aber friedlicher machen.

Rekonstruktionszeichnung einer Schlacht vor 3200 Jahren im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern)
imago/ Felix Abraham

Rekonstruktionszeichnung einer Schlacht vor 3200 Jahren im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern)


In der Geschichte des Menschen ist Gewalt allgegenwärtig. Das zeigen die Bürgerkriege der Gegenwart - und die blutigen Exzesse im 20. Jahrhundert mit Millionen von Toten. Doch zumindest statistisch gesehen ist der Mensch über die Zeit hinweg friedlicher geworden.

Dies berichten spanische Wissenschaftler im Fachblatt "Nature". Demnach beeinflussen Kultur und die Organisation menschlicher Gesellschaften das Gewaltpotenzial - und haben die Menschen in der Moderne weniger gewalttätig werden lassen.

Schaut man zurück, zeigt sich, dass die Zahl der gewaltsamen Todesfälle in prähistorischen Gesellschaften in etwa so hoch ist, wie man es im Vergleich zu anderen Säugetieren erwarten kann. Menschen sind also von Natur aus ähnlich gewaltbereit wie ihre nahen Verwandten, schreiben die Forscher um José María Gómez von der Estación Experimental de Zonas Áridas in Almería (Spanien). Mord und Totschlag seien somit ein Erbe unserer evolutionären Vergangenheit.

Sogar Hamster neigen zu Gewalt

Tödliche Auseinandersetzungen sind bei Säugetieren gang und gäbe. Unter Primaten etwa seien Aggressionen innerhalb der Gruppe nicht selten, berichten die Forscher. Bei einigen Arten komme es zu Kindstötungen. Raubtiere bringen manchmal Angehörige fremder Gruppen um. Selbst bei so harmlos wirkenden Arten wie Hamstern oder Pferden würden gelegentlich Artgenossen getötet.

Die Forscher suchten zunächst nach gewaltsamen Todesfällen durch Artgenossen bei Säugetieren. Sie stießen auf vier Millionen dokumentierte Todesfälle bei 1024 Arten von Säugern aus 137 Familien - das sind etwa 80 Prozent aller Säugetierfamilien. Aus diesen Daten zogen sie auch Rückschlüsse auf die Gewaltbereitschaft ausgestorbener Tierarten. Zu gewaltsamen Todesfällen zählten sie zum Beispiel Kindstötungen, Kannibalismus oder tödliche Revierkämpfe. Die Forscher schätzten den Anteil gewaltsamer Todesfälle an den gesamten Todesfällen.

Quote 1:300

Erwartungsgemäß erwiesen sich einige Arten als eher gewalttätig, andere waren völlig friedlich untereinander. Unter Arten, die in Gruppen und in festen Territorien leben, ist Gewalt gegen Artgenossen verbreiteter als bei Arten, deren Angehörige allein umherziehen. Nach den Schätzungen der Forscher betrug die Rate der gewaltsamen Todesfälle am evolutionären Ursprung der Säuger 0,3 Prozent - also kam etwa ein Tier von 300 durch Gewalt eines Artgenossen zu Tode.

Die Rate stieg deutlich, als sich die Primaten als eigenständige Linie im Stammbaum abzweigten. Zwei Prozent der Primaten wurden zu dieser Zeit von Artgenossen umgebracht, schätzen die Forscher. Das zeige, dass tödliche Gewalt tief in der Linie der Primaten verwurzelt sei.

Die Wissenschaftler rechneten damit, dass in frühen menschlichen Gesellschaften ebenfalls zwei Prozent der Todesfälle auf Mord und Totschlag zurückzuführen seien - ein Wert, der sich mit Angaben zu gewaltsamen Todesfällen in prähistorischen menschlichen Gesellschaften decke, berichten die Forscher.

Die Gesellschaft macht den Unterschied

Sie hatten dazu anhand von 600 Studien ermittelt, wie verbreitet Gewalt in menschlichen Populationen seit etwa 50.000 Jahren gewesen ist. Die Forscher räumen ein, dass die Zahlen unsicher seien. Das Ausmaß tödlicher Gewalt schwanke zwischen einzelnen Zeitabschnitten stark. Sie lag zunächst bei den erwarteten zwei Prozent, nahm dann aber zeitweise erheblich zu. Seit etwa hundert Jahren sinkt die Gewaltbereitschaft innerhalb der Gesellschaft rapide. Kultur, ökologische Bedingungen und die Organisation in einem Staat machen den Menschen offenbar friedlicher, vermuten die Wissenschaftler.

"In der Frühzeit war die Menschheit so gewaltbereit, wie man es angesichts der gemeinsamen evolutionären Geschichte der Säugetiere erwarten würde", schreiben die Forscher. "Dieser Anteil prähistorischer tödlicher Gewalt ist nicht unveränderlich, sondern hat sich mit dem Fortschreiten unserer Geschichte verändert, meist im Zusammenhang mit der soziopolitischen Organisation der menschlichen Gesellschaft."

Die Studie deutet daraufhin, dass der Mensch von Natur aus gewalttätiger ist als die meisten anderen Säugetiere. Der heutige Homo sapiens ist aber dank Kultur und gesellschaftlicher Entwicklung offenbar weniger brutal, als man von ihm erwarten würde.

koe/dpa

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fr.hugentobler 29.09.2016
1. Adam und Eva
Das Verhalten der Menschen mit Tieren zu vergleichen ist schon etwas weit hergeholt.Der Mensch ist sich bewusst ,was er tut Und da war doch etwas mit Kain und Abel; da hat doch auch das Böse gesiegt.(auch mit Mord) Ist eine Aenderung möglich? Gruss Fritz
dasdondel 29.09.2016
2. Ist eine Aenderung möglich?
Durchaus : Man bringe möglichst viele Menschen zurück in prekäre Zustände um das Aggressionspotential wieder in Richtung 2% zu verschieben.
Stimmviech 29.09.2016
3. Pseudowissenschaftlich, religiös motiviert, ideologisch
Was da behauptet wird, entbehrt jeder Grundlage der modernen Anthropologie und Archäologie. Tatsächlich verabschieden sich gerade viele kluge Wissenschaftler von dem in Wahrheit uralten Lehrsatz, dass erst Gesellschaft und vor allem Religion (!) den Menschen gebändigt hätte. Dieser Satz diente der Legitimation von Religion und Herrschaft. Es ist in Wahrheit umgekehrt, Kriege sind erst ab 7000 (Massaker von Talheim) vor heute zu beobachten, und es dauerte nochmals 2000 Jahre, bis sich die Ideologie des Kriegers in der Bevölkerung durchsetzte (kupfersteinzeitliche Nomaden-Kulturen der Steppe Südrusslands. Klimatische Veränderungen brachten die Menschheit erstmals in Not, als Folge der neuen Abhängigkeit vom Ackerbau. Dass da Gewalt aufkommt wundert ja nicht. Gleichzeitig kam das Patriarchat auf. Viehzucht und Bergbau machten die Menschen zu Untertanen und die Frauen zu Handlangern der Männer. Anthropologisch gesehen wäre der Menschen schon lange vor dieser Zeit ausgestorben, hätten sich die Menschen der Altsteinzeit tatsächlich reihenweise den Schädel eingeschlagen. Echte Naturvölker aber sind extrem friedlich, leben egalitär und entschuldigen sich sogar bei den Tieren, die sie jagen. Insbesondere ihr Umgang mit den Kindern sorgt für eine sehr soziale, glückliche Lebensgemeinschaft, etwas, was wir gar nicht mehr kennen, seit das Patriarchat die Kinder von ihren Müttern und ihrer mütterlichen Sippe entfremdet. Die Mehrheit der Wissenschaftler ist heute davon überzeugt, dass uns die Evolution zu extrem sozialen Wesen gemacht hat (z.B. "Mütter und andere", S. Blaffer Hrdy) und dass durch die Notwendigkeit, zum Wohl der Mütter und Kinder zu kooperieren, unser Gehirn erst zu dem wurde, was es heute ist. Fakt ist, noch nie hat sich die Menschheit derart selbst bedroht wie heute. Nur ein übler Patriarchatsideologe kann die Fakten derart verdrehen. Diese Studie wird wieder in der Versenkung verschwinden, und allenfalls wissenschaftsgeschichtlich Bedeutung haben, als Beispiel für Rückschritte, die noch zu überwinden waren auf dem Weg zur Einsicht, dass wir uns so lange geirrt haben. Schade, dass so eine Studie von der Journaille nochmal unkritisch hochgekocht wird, und damit wertvolle Zeit und Energie verloren geht. Vom Spiegel erwarte ich eigentlich mehr.
0forearth 29.09.2016
4.
Zitat von StimmviechWas da behauptet wird, entbehrt jeder Grundlage der modernen Anthropologie und Archäologie. Tatsächlich verabschieden sich gerade viele kluge Wissenschaftler von dem in Wahrheit uralten Lehrsatz, dass erst Gesellschaft und vor allem Religion (!) den Menschen gebändigt hätte. Dieser Satz diente der Legitimation von Religion und Herrschaft. Es ist in Wahrheit umgekehrt, Kriege sind erst ab 7000 (Massaker von Talheim) vor heute zu beobachten, und es dauerte nochmals 2000 Jahre, bis sich die Ideologie des Kriegers in der Bevölkerung durchsetzte (kupfersteinzeitliche Nomaden-Kulturen der Steppe Südrusslands. Klimatische Veränderungen brachten die Menschheit erstmals in Not, als Folge der neuen Abhängigkeit vom Ackerbau. Dass da Gewalt aufkommt wundert ja nicht. Gleichzeitig kam das Patriarchat auf. Viehzucht und Bergbau machten die Menschen zu Untertanen und die Frauen zu Handlangern der Männer. Anthropologisch gesehen wäre der Menschen schon lange vor dieser Zeit ausgestorben, hätten sich die Menschen der Altsteinzeit tatsächlich reihenweise den Schädel eingeschlagen. Echte Naturvölker aber sind extrem friedlich, leben egalitär und entschuldigen sich sogar bei den Tieren, die sie jagen. Insbesondere ihr Umgang mit den Kindern sorgt für eine sehr soziale, glückliche Lebensgemeinschaft, etwas, was wir gar nicht mehr kennen, seit das Patriarchat die Kinder von ihren Müttern und ihrer mütterlichen Sippe entfremdet. Die Mehrheit der Wissenschaftler ist heute davon überzeugt, dass uns die Evolution zu extrem sozialen Wesen gemacht hat (z.B. "Mütter und andere", S. Blaffer Hrdy) und dass durch die Notwendigkeit, zum Wohl der Mütter und Kinder zu kooperieren, unser Gehirn erst zu dem wurde, was es heute ist. Fakt ist, noch nie hat sich die Menschheit derart selbst bedroht wie heute. Nur ein übler Patriarchatsideologe kann die Fakten derart verdrehen. Diese Studie wird wieder in der Versenkung verschwinden, und allenfalls wissenschaftsgeschichtlich Bedeutung haben, als Beispiel für Rückschritte, die noch zu überwinden waren auf dem Weg zur Einsicht, dass wir uns so lange geirrt haben. Schade, dass so eine Studie von der Journaille nochmal unkritisch hochgekocht wird, und damit wertvolle Zeit und Energie verloren geht. Vom Spiegel erwarte ich eigentlich mehr.
Man weiß doch überhaupt nicht, wieviele Menschen sich vor 8000 Jahren umgebracht haben. Wahr ist wohl, dass die Verbreitung von tödlichen Waffen zu einem Anstieg des Mordens geführt hat. Kann man gut in den USA beobachten. Für das Sinken der Mordrate sind allein unser Reichtum, Polizei und Justiz verantwortlich, sowie das weitgehende Verbot von Schusswaffen. Ein satter, zufriedener Mensch hat keinen Grund zur Aggressivität und wer ungeliebte Mitbürger hinterrücks ermordet, wird mit ziemlicher Sicherheit eine ganze Weile von der Gesellschaft ausgeschlossen. Somit ist natürlich die Zivilisation ein Grund für das Sinken der Mordrate, doch gleichzeitig ist dieser Zustand nur von Dauer, solange ein Land wohlhabend ist. Kultur und Religion haben damit nicht viel zu tun. Beide können sowohl friedlich als auch kämpferisch sein. Die wahren Gründe für Krieg und Frieden muss man woanders suchen. Kulturelle und religiöse Gründe dienen fast immer nur der Rechtfertigung. Wenn man die natürliche Aggressivität des Menschen senken will, muss man anders vorgehen: Man muss verhindern, dass Mörder ihre Gene weitergeben können. Zum Glück zeigt sich besondere Aggressivität meist schon im jungen Alter. Hier stehen wir uns mit unserer Ethik heutzutage selbst im Weg. Ein Menschenrecht auf Nachwuchs sollte es für Gewalttäter nicht geben.
Newspeak 29.09.2016
5. ...
Der heutige Homo sapiens ist aber dank Kultur und gesellschaftlicher Entwicklung offenbar weniger brutal, als man von ihm erwarten würde. Das ist doch in dieser Form gesagt einfach nur Unsinn. Die meisten Menschen dürften z.B. durch Kultur gleich mal überhaupt nicht in ihrer Friedlichkeit gefestigt werden, welche Kultur wäre damit denn gemeint? Macht mich der Museumsbesuch einmal im Jahr zu einem besseren Menschen? Gab es unter den übelsten Nazis nicht Liebhaber der Oper, der Kunst, der Wissenschaft? War Deutschland vor 1933 nicht eine Kulturnation ersten Ranges? Und die heutige deutsche Gesellschaft? Die ist doch vor allem selber asozial. Man kürzt in diesem Land das Existenzminimum, wenn sich Notleidende nicht konform verhalten. Ist das die Kultur, die uns zu besseren Menschen macht? Oder ist das nicht eher auch eine Form der Brutalität? Ich glaube, der zivilisatorische Lack ist äußerst dünn und weil die meisten Menschen Mitläufer und Opportunisten sind, genügt sehr wenig, um ganze Gesellschaften kippen zu lassen. Zu sehen auf dem Balkan in den 90ern. Zu sehen in Syrien heute.
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