Verhaltensforschung Kreative Menschen schummeln eher

Kreativität hat auch Schattenseiten: Sie verleitet Menschen dazu, eher unehrlich zu sein. Warum originelle Köpfe zum Betrügen neigen, zeigen amerikanische Forscher in mehreren Experimenten - und im echten Leben.

Schummeln beim Kartenspiel: Kreativere Köpfe haben die besseren Ausreden
Corbis

Schummeln beim Kartenspiel: Kreativere Köpfe haben die besseren Ausreden


Kreative Menschen gelten als Bereicherung der Gesellschaft. Ein Forscherpaar der Harvard University und der Duke University will nun die dunkle Seite von Kreativität entdeckt haben: In mehreren Versuchen konnten die Wissenschaftler Francesca Gino und Dan Ariely nicht nur zeigen, dass originelle Köpfe eher zum Schummeln neigen als weniger einfallsreiche. Wie die Forscher im noch unveröffentlichtenFachmagazin "Journal of Personality and Social Psychology" berichten, konnten sie auch klären, welcher Mechanismus Kreativität mit Unehrlichkeit verbindet.

In einem ersten Experiment führten 79 Studenten zunächst am Computer Kreativitäts- und Intelligenztests aus. Auf diese Weise konnten die Forscher bestimmen, wie ausgeprägt die schöpferische Denkleistung der einzelnen Probanden ist. Anschließend wurden die Studenten gebeten, Aufgaben zu Wahrnehmung, zur Logik und zum Allgemeinwissen zu lösen. Für die Teilnahme an den Tests erhielten die Probanden Geld. Mit jeder richtigen Antwort konnten sie sich aber noch zusätzlich welches verdienen.

Kreativität verleitet, Intelligenz nicht

Im Anschluss an die Tests sollten sie die Anzahl der richtigen Antworten auf Papierbögen schreiben. Dabei gaben die Forscher den Studenten das Gefühl, sie würden nicht kontrollieren, ob die Angaben auf dem Papier mit der tatsächlichen Leistung in den Tests übereinstimmen. Über ein verstecktes Codiersystem konnten die Forscher allerdings im Nachhinein ermitteln, ob jemand ehrlich war.

Vor allem die kreativen Studienteilnehmer waren das aber nicht: Je kreativer ein Studienteilnehmer war, desto eher mogelte er in seinen Lösungsangaben. Die Intelligenz der Probanden spielte dagegen keine Rolle. Klügere Menschen lügen anscheinend nicht mehr als weniger schlaue.

Eine zweite Untersuchung mit weiteren 111 Studenten zeigte, dass nicht nur der individuelle Einfallsreichtum zu Schummelei führen kann, sondern allein schon die Anregung von kreativem Denken. Den Anstoß dazu lieferte eine Sprachübung: Die Probanden sollten aus fünf Wörtern logische Sätze mit vier Worten bilden. Ein Teil der Studenten erhielt vor allem Wörter wie innovativ, neuartig, Phantasie oder Ideen - also Wörter, die mit Kreativität verbunden werden.

Die andere Hälfte hatte neutrale Wörter zur Auswahl. Im Anschluss daran sollten beide Gruppen wieder Logikaufgaben lösen und erhielten für jede richtige Antwort zusätzlich Geld. Auch hier durften sie ihre Ergebnisse wieder scheinbar unkontrolliert notieren. Das Ergebnis: Wieder neigten vor allem die kreativ-angeregten Teilnehmer zum Täuschen.

Dass Kreativität auch außerhalb von Institutslaboren, in der echten Welt also, zu unehrlichem Verhalten führt, zeigten Gino und Ariely in einer Befragung von 99 Angestellten aus 17 verschiedenen Abteilungen einer Firma: Je kreativer der Arbeitsbereich, desto eher tendierten Mitarbeiter dazu, auch mal Kugelschreiber und Druckerpapier aus dem Büro zu entwenden oder Spesenabrechnungen zu erhöhen.

Doch warum verleitet ein erfinderischer Geist zum Betrug? Zwei weitere Untersuchungen der Harvard-Forscher zeigen schlicht: Es fällt ideenreichen Menschen leichter, ihr unehrliches Verhalten zu rechtfertigen, denn ihnen fallen eher rationale Gründe für ihr Handeln ein.



insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Cotti 02.12.2011
1. Kreative Menschen schummeln eher
Jetzt wird es endgültig lächerlich - Guttenberg ist einfach nur extrem kreativ... oder was?!
Meskiagkasher 02.12.2011
2. Tjaha
Zitat von sysopKreativität hat auch Schattenseiten: Sie verleitet Menschen eher unehrlich zu sein. Warum originelle Köpfe zum Betrügen neigen, zeigen amerikanische Forscher in mehreren Experimenten - und im echten Leben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,801297,00.html
Wirklich kreative Menschen werden eben auch weniger erwischt. Genau so muss das auch sein. Lieber ein Kreativer als zehn Fleißige...
cassandros 02.12.2011
3. schummeln bei schummeriger Beleuchtung
Zitat von CottiJetzt wird es endgültig lächerlich - Guttenberg ist einfach nur extrem kreativ... oder was?!
Dazu fällt mir ein: I) Es heißt, kreative Menschen NEIGEN ... daraus folgt, daß es auch kreative Menschen geben muss, die nicht schummeln. Es scheint mir kein Zwang vorzuliegen. II) Der Umkehrschluß, daß jemand, der schummelt, auch deshalb zwingend kreativ sein MUSS, trifft nicht zu. III) "Schummeln" tut ein siebenjähriges Kind, daß am 24. Dez. heimlich durchs Schlüsselloch guckt, was der "Weihnachtsmann" (= Papa) im Wohnzimmer treibt, während es eigentlich in seinem Zimmer sein sollte. Jemand, der jahrelang mühevoll eine 400-seitige Fälschung fabriziert und diese dann dreist als eigenes Gedankengut präsentiert, "schummelt" so wenig wie ein Kunstfälscher, der sich mit viel Mühe alte Leinwände und alte Farben besorgt und dann neue, unbekannte Rembrandt erschafft (= kreiert). "Geehrter Herr Staatsanwalt: ich habe neben meiner anstrengenden Arbeit mehrere Jahre in mühevoller Kleinarbeit an dieser NACHTWACHE gearbeitet ... und dabei ein bißchen die Übersicht verloren. Es wurde aber zu keinem Zeitpunkt bewußt getäuscht."
kuac 02.12.2011
4. Natürlich..
Zitat von CottiJetzt wird es endgültig lächerlich - Guttenberg ist einfach nur extrem kreativ... oder was?!
Natürlich ist er kreativ. Das alleine ist aber keine Qualifikation. Ein Dieb oder ein Betrüger muss kreativ sein! Wie sonst kann er sein Geschäft erledigen? Aber, falls er "Vorerst erwischt" wird, muss er auch dann die Konsequenzenen tragen.
Cotti 02.12.2011
5. feine und grobe Unterschiede
Zitat von cassandrosDazu fällt mir ein: I) Es heißt, kreative Menschen NEIGEN ... daraus folgt, daß es auch kreative Menschen geben muss, die nicht schummeln. Es scheint mir kein Zwang vorzuliegen. II) Der Umkehrschluß, daß jemand, der schummelt, auch deshalb zwingend kreativ sein MUSS, trifft nicht zu. III) "Schummeln" tut ein siebenjähriges Kind, daß am 24. Dez. heimlich durchs Schlüsselloch guckt, was der "Weihnachtsmann" (= Papa) im Wohnzimmer treibt, während es eigentlich in seinem Zimmer sein sollte. Jemand, der jahrelang mühevoll eine 400-seitige Fälschung fabriziert und diese dann dreist als eigenes Gedankengut präsentiert, "schummelt" so wenig wie ein Kunstfälscher, der sich mit viel Mühe alte Leinwände und alte Farben besorgt und dann neue, unbekannte Rembrandt erschafft (= kreiert). "Geehrter Herr Staatsanwalt: ich habe neben meiner anstrengenden Arbeit mehrere Jahre in mühevoller Kleinarbeit an dieser NACHTWACHE gearbeitet ... und dabei ein bißchen die Übersicht verloren. Es wurde aber zu keinem Zeitpunkt bewußt getäuscht."
Um die "Nachtwache" so nachmalen zu können, dass man sie für das Original hält, bedarf es allerdings tatsächlich künstlerischer Begabung - um einen Roman abzuschreiben dagegen nur Zeit. Wichtig ist am Ende aber nur, dass Betrüger und Schummler nicht damit durchkommen und sie sogar noch in Watte gepackt werden, weil sie ja so "kreativ" sind. Betrug bleibt Betrug und vor einer "zweiten Chance" müssen sie Einsicht zeigen und Zurückhaltung üben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.