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07. September 2007, 08:15 Uhr

Verhaltensforschung

Was das Kleinkind vom Affen unterscheidet

Wer lernt besser: Kind oder Schimpanse? Wer findet am besten versteckte Nahrung und ist geschickter im Umgang mit Werkzeugen? Diese Fragen haben jetzt Max-Planck-Forscher in Leipzig untersucht und dabei Verblüffendes festgestellt.

Eines teilen Kleinkinder und Affen uneingeschränkt: Wenn sie zum Aufgaben lösen keine Lust haben, dann ist da nichts zu machen. "Da halfen keine Bestechungsversuche - weder Rosinen noch Spielzeug", erzählt Esther Herrmann. Glücklicherweise sei dies jedoch selten der Fall gewesen. Meist hätten menschliche und tierische Versuchsteilnehmer begeistert mitgemacht. Die Verhaltensforscherin Herrmann untersuchte gemeinsam mit ihren Kollegen vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig die Denkleistung von Kindern und Affen.

Ihr Ergebnis: Was das soziale Verhalten betrifft, sind Kleinkinder den nahen Verwandten überlegen. Wenn es aber ums Rechnen oder den Gebrauch von Werkzeug geht, stellen sich Affen geschickter an, so die Wissenschaftler, die ihre Ergebnisse jetzt im Magazin "Science" veröffentlicht haben.

Die Verhaltensforscher verglichen in ihrer Studie die Denkleistung von 105 zweieinhalbjährigen Kindern mit der von 106 Schimpansen und 32 Orang-Utans. Die Wissenschaftler testeten in ihren Versuchen zum einen die sozial-kognitiven Fähigkeiten ihrer Probanden - also beispielsweise die Fähigkeit das Verhalten des Versuchsleiters zu deuten, um bestimmte Aufgaben zu bewältigen. Zum anderen untersuchten sie die Fähigkeit der Kinder und Affen, sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden - die physisch-kognitiven Leistungen, wie Fachleute sagen.

Kinder sind bessere Nachahmer

In einem der Tests führte beispielsweise ein Forscher vor, wie man ein Rohr öffnet. In dem Rohr steckten Nahrung oder etwas zum Spielen. Die Kinder beobachteten dies und ahmten es nach. Die Schimpansen und Orang-Utans hingegen versuchten, das Rohr zu zerstören oder den Inhalt mit den Zähnen herauszuholen.

Auch wenn die Wissenschaftler ein Spielzeug unter einem Becher versteckten und durch Fingerzeigen verrieten, wo sich das Versteckte befand, konnten die Kinder im Gegensatz zu den Affen diese Gesten deuten. Sie hoben den richtigen Becher hoch und fanden das Spielzeug. Diese Fähigkeit, Gesten zu deuten, haben erstaunlicherweise auch Hunde den Affen voraus.

Geschickter stellten sich hingegen Schimpansen und Orang-Utans beim Gebrauch von Werkzeug an. Den Affen gelang es beispielsweise besser, mit einem Stock an weit weg liegendes Futter zu gelangen. Die Kinder hatten Probleme, mit dem Hilfsmittel Spielzeug zu beschaffen, das außerhalb ihrer Reichweite lag.

Auch bei einem weiteren Versuch unterlagen die Menschenkinder: Die Wissenschaftler versteckten Rosinen und Spielzeug unter einem von drei Bechern und bewegten diese wie bei einem Hütchenspiel hin und her. Bei dem Spiel fanden die Schimpansen das Futter oft eher.

Affen können besser mit Werkzeug umgehen

Insgesamt gesehen schnitten Affe und Kind aber etwa gleich gut ab. Der eine konnte eben besser nachahmen, der andere besser mit dem Stock umgehen. Es gab jedoch einige für die Forscher erstaunliche Ergebnisse: "Was wir nicht erwartet haben, war, dass die Kinder schlechter addieren können als Affen", sagte Herrmann zu SPIEGEL ONLINE. Dass Schimpansen allerdings geschickte und clevere Spieler sind, hatte Herrmann auch schon in früheren Untersuchungen festgestellt. "Die Affen haben verstecktes Futter schneller gefunden und Werkzeuge öfters benutzt. Affen besitzen eine Knobelnatur."

Den Nachteil gegenüber ihren nächsten Verwandten im Tierreich holen Kinder glücklicherweise fix auf. Wenn sie älter werden, eignen sie sich Neues schnell an und überholen die Affen schließlich. "Weil wir von anderen lernen, Verhalten abschauen und es imitieren, können wir so schnell so viel klüger sein als Affen", sagt Projektleiter Michael Tomasello. Allerdings nur, wenn genug andere zum Abgucken da sind: "Auf einer einsamen Insel würde ein Kind keine mathematischen Fähigkeiten entwickeln", sagt Herrmann.

Dass Menschen im frühen Lebensalter manches noch nicht so gut können wie ihre nahen Verwandten, sei nicht so schlimm, erklärt die Forscherin. Bedeutender sei die Fähigkeit des Menschen, zu lernen und Dinge abzugucken. "Wir können darauf aufbauen, was andere vor uns schon gelernt und geleistet haben, und müssen nicht ständig das Rad neu erfinden", erklärt Herrmann. "Ohne diese Fähigkeiten würden Kleinkinder sich nicht viel weiterentwickeln als die Affen." Glück für die Menschheit. Ihre Tests wollen die Forscher nun mit Bonobos und Gorillas wiederholen.

khü/ddp/dpa

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