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Verkehrsforschung: Warum am Winterchaos kaum ein Weg vorbeiführt

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Züge verspätet, Flughäfen geschlossen, Straßen blockiert - Eis und Schnee fordern ihren Tribut. Verkehrsforscher erstaunt das kaum: Bahnen und Airlines operieren vor Weihnachten selbst bei gutem Wetter am Limit. Ein zuverlässigeres System wäre zwar möglich, aber sehr teuer.

Am Limit: Verkehrschaos in Deutschland Fotos
DPA

Warum stellt die Bahn keine Ersatzzüge auf die Schiene, damit Fahrgäste nicht auf um Stunden verspätete ICE angewiesen sind? Weshalb schaffen es Flughafenbetreiber nicht, die Startbahnen bis zum Morgen freizuräumen? Und wie kann es eigentlich sein, dass immer wieder Salz und Auftaumittel knapp werden?

Was Deutschland in den vergangenen Tagen erlebt hat, ist für Verkehrsforscher keine Überraschung. "Wir operieren mit unseren Verkehrssystemen an der Grenze des Machbaren", sagt Thomas Hanschke von der Technischen Universität Clausthal. Die derzeitige Situation sei ein Indiz dafür. Hanschke kennt sich aus mit ausgereizten Verkehrssystemen: Seine Arbeitsgruppe hat unter anderem den Flugplan der Lufthansa aufwendig simuliert, um ihn robuster gegen Störungen zu machen.

Karsten Lemmer, der in Braunschweig beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt das Institut für Verkehrsystemtechnik leitet, sieht die Situation bei Bahnen, Flughäfen und auf Straßen insgesamt sogar positiv: "Die Systeme sind nicht permanent am Limit - nur zu bestimmten Zeiten wie am Freitagnachmittag oder eben vor Weihnachten." Die Verkehrssysteme funktionierten "weitestgehend gut".

Im Straßenverkehr habe sich in den vergangenen Jahren viel verbessert. "Immer mehr Pkw haben ABS und ESP", sagt Lemmer. Es gebe weniger Unfälle bei Glätte und damit weniger Staus. Bei extremer Beanspruchung eines Systems, egal ob Schiene oder Straße, reiche aber die kleinste Störung, um das System zum Kollabieren zu bringen.

Hoher Gewinn versus weniger Kundenfrust

Nach Lemmers Beobachtung haben sich viele Nutzer schnell an die Witterungsverhältnisse angepasst - mit negativen Folgen vor allem für den Zugverkehr. "Autofahrer steigen in die Bahn um, mehr Fahrgäste verlängern die Ein- und Aussteigezeiten, es kommt zu Verspätungen." Damit müsse man leben.

Fakt ist: Extreme Ereignisse wie das aktuelle Winterchaos oder die Aschewolke aus Island sind zumindest in Mitteleuropa eher selten. Flughäfen und Straßenmeistereien hierzulande sind nicht auf Schneemassen eingestellt, wie sie beispielsweise in Skandinavien die Regel sind. Entsprechend groß sind die Probleme, wenn es dann doch mal ordentlich schneit.

Alexander Herzog von der TU Clausthal nimmt zumindest die Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber in Schutz: "Wenn die Landebahn dicht ist oder die Flugzeuge schneller vereisen, als sie von Eis befreit werden können, hilft auch keine Reserve." Große Fluggesellschaften hätten durchaus Ersatzflugzeuge an Knotenpunkten stehen, die ständig verfügbar seien. "Wenn aber zum Beispiel in Frankfurt nur noch eine Handvoll Flugzeuge pro Stunde rein oder raus kann, helfen die auch nicht."

Die Bahn könnte nach Herzogs Meinung hingegen mit mehr Reservezügen die Situation entschärfen. Weil die ICE bei tiefen Temperaturen nicht mehr mit der vollen Geschwindigkeit fahren dürfen, sinkt die Transportkapazität des Systems Bahn insgesamt. Ersatzzüge könnten das ausgleichen, sofern auf den Strecken noch Kapazität für sie da ist. Aber: "Für die Bahn wäre es teuer, zusätzliche Züge auf Verdacht zu kaufen", erklärt Herzog. Die Bahn rechne, wie jedes Unternehmen, betriebswirtschaftlich die Kosten für Reserven gegen die Kosten auf, die durch Ausfälle entstünden und komme wahrscheinlich zu dem Schluss, dass die momentane Lösung für sie die günstigste sei.

Mathematiker hilflos

Das Ganze ist aus Sicht des Verkehrsexperten also weniger ein Problem der Optimierung als vielmehr eine Frage der Prioritäten: "Solange der Bund verlangt, dass die Bahn hohe Profite abwirft und Ausfallsicherheit bestenfalls zweitrangig ist, wird sich daran nicht viel ändern", meint der Clausthaler Forscher. Man müsste hohe Strafen für ausfallende Züge von der Bahn verlangen, damit es sich für sie rechne, sich auch gegen extrem seltene Ereignisse zu wappnen. Das würde sich allerdings in den Ticketpreisen niederschlagen.

Mit Hilfe von Simulation seltener Ereignisse lasse sich prüfen, welche Kosten beispielsweise durch starken Schneefall entstünden, beziehungsweise wie viel es kosten würde, mehr Züge oder mehr Räumfahrzeuge auf dem Flughafen einzusetzen. "Da solche strategischen Abwägungen gut auszurechnen sind, kann davon ausgegangen werden, dass sowohl Bahn als auch Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber hier schon das Optimum gefunden haben - aber eben für sich, nicht in Bezug auf die Verärgerung der Passagiere", sagt Herzog.

Hilfe im derzeitigen Chaos können Mathematiker mit ihrer Warteschlangentheorie kaum liefern. "Dies ist ein sehr schweres Problem", sagt Herzog. "Wenn ich als Flughafen-Manager in der nächsten Stunde zehn Flugzeuge rausschicken kann und hundert warten, welche zehn lasse ich dann starten?" Dabei müsse im Prinzip das gesamte europäische Netz berücksichtigt werden. Meist würden solche Entscheidungen von einer Person vor Ort getroffen, die über große Erfahrungen in solchen Situationen verfüge. Brauchbare Simulationswerkzeuge dafür gebe es kaum. "Und wenn der Simulator sagen kann, was vor zwei Stunden optimal gewesen wäre, bringt einem das auch nichts mehr", sagt der Verkehrsforscher.

Das größte Verbesserungspotential sehen Wissenschaftler vor allem im Informationsfluss: "Die Systeme sind untereinander kaum vernetzt, obwohl dies technisch möglich ist", sagt Thomas Hanschke. Man könne dies sicher besser koordinieren, so dass Kunden frühzeitig Bescheid wüssten, wenn sie vom Flieger in den Zug umsteigen müssten. Auch die Informationspolitik der Bahn ihren Kunden gegenüber müsse verbessert werden.

Zumindest im Straßenverkehr könnten Autos einen solchen Informationsaustausch künftig selbst organisieren. In der Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation sieht DLR-Forscher Lemmer große Chancen: "Dann erfährt man nicht nur sofort, wo ein Stau entsteht, sondern auch, wenn er sich wieder aufgelöst hat." Auf ein solches System müssten Autofahrer aber noch ein Weilchen warten: "Das werden wir auch im nächsten Winter noch nicht haben."

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insgesamt 128 Beiträge
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1. Des Pudels Kern
Meckermann 21.12.2010
---Zitat--- Die Bahn rechne, wie jedes Unternehmen, betriebswirtschaftlich die Kosten für Reserven gegen die Kosten auf, die durch Ausfälle entstünden und komme wahrscheinlich zu dem Schluss, dass die momentane Lösung für sie die günstigste sei. ---Zitatende--- Und genau deshalb sollte man wichtige Infrastruktur nie in die Hände von Wirtschaftsunternehmen geben.
2. Alle reden vom Wetter....
Lady Wanda, 21.12.2010
in meiner Kinderzeit warb die - damals noch - Bundesbahn mit dem Slogan: "Alle reden vom Wetter - wir nicht." Und sie war DAS Non-plus-Ultra an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Aber damals gab es eben noch die robusten Dieselloks und nicht die neurotischen ICE-Primadonnen die schon bei minimalen Temperaturschwankungen Migräne kriegen. Es gab Waggons bei denen der Fahrgast die Tür noch selber öffnen musste und bei denen man die Fenster öffnen und im Sommer eine sanfte Brise durch den Fahrtwind genießen konnte. Was haben wir heute? Jede Menge elektronischen Schnickschnack - Klimaanlagen die in unseren Breiten überflüssig sind wie ein Kropf, Waggons, die lahmgelegt sind, wenn der Türschließ-Mechanismus blockiert undsoweiter - dazu jede Menge Einsparungen beim Service- und beim Wartungspersonal - schließlich muss die Dividende stimmen. Ich sage nur eins: SCHEISS-Privatisierung!
3. Die klügste Lösung
Clawog 21.12.2010
Man braucht nur alles zu verteuern und zu besteuern, was mit dem Verkehr zu tun hat. Dann gibt es keine Probleme mehr, da die Fahrgäste und Verkehrsteilnehmer fehlen.
4. Entsetzlich!
schensu 21.12.2010
Zitat von sysopZüge verspätet, Flughäfen geschlossen, Straßen blockiert - Eis und Schnee fordern ihren Tribut.*Verkehrsforscher erstaunt das*kaum: Bahnen und Airlines operieren vor Weihnachten*selbst bei gutem Wetter am Limit. Ein zuverlässigeres System wäre zwar möglich, aber sehr teuer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,735894,00.html
Hat doch die Natur den Globalisierten ihre Knüppel zwischen die Beine geworfen! Gerade hier gilt: Wir haben das, was wir uns leisten wollen nach Abzug jenes Anteils, der als Rendite gefordert wird. Dass die Renditejäger dann gelegentlich selbst auf den Flug- und Bahnhöfen dieser Welt stranden, rundet das tragikomische Bild letztlich nur ab. Gebt dem Spekulanten, was des Spekulanten ist und seid zufrieden mit dem Rest. Es ist schließlich bald Weihnachten.
5. Geiz ist Geil schlägt zurück
horstma 21.12.2010
Die derzeitigen Zustände an Flughäfen liegen nicht nur am Gewinnstreben der Flughafenmanager, sondern auch daran, daß "Geiz ist geil" inzwischen auch den Flugverkehr voll erfasst hat. Leute prahlen damit, für 19,99€ von A nach B geflogen zu sein, keiner will mehr mehr bezahlen. Die Folge: Die Sitzabstände (auch auf Langstrecken) sind inzwischen fast unzumutbar eng geworden, man wird von demotivierten Flugbegleitern angepflaumt, und... im Winter geht nichts mehr. Wenn das nur die "Geiz-ist-geil-Fans" ausbaden müßten, ginge es ja noch. Das Schlimme daran ist: Auch der, der für guten Service und mehr Zuverlässigkeit bereit wäre, mehr zu bezahlen, kann das garnicht tun, weil alle Passagiere in einen Topf geworfen werden und der Mehrpreis für das Ticket nichts bringt. Der Staat hat dieses Potential erkannt und schröpft uns mit einer neuen Flugsteuer - die natürlich irgendwo versickert, aber nie und nimmer in ein besser funktionierendes System investiert wird.
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