Verkehrskollaps Wie ein Deutscher Moskau retten will

Moskau gilt als dreckigste Stadt Europas, der Straßenverkehr steht kurz vor dem Kollaps. Ein deutscher Ingenieur verspricht jetzt die Rettung: Er will Autos über Hausdächer fahren lassen und Moskau in eine grüne Idylle verwandeln. Die Stadtverwaltung erwägt ernsthaft den Bau einer Teststrecke.

Von Simone Schlindwein, Moskau


Wieder einmal steckt Walodja Stefanow mit seinem BMW im Moskauer Feierabendverkehr fest. Den Sportwagen hat der Geschäftsmann zum Büro umfunktioniert, der Laptop steht auf dem Beifahrersitz. "Telefonate führe ich fast alle vom Auto aus", sagt Stefanow und zuckt mit den Schultern. Sein Blick fällt auf das BMW-Werbeplakat über der Uferstraße. "Sei jeden Tag der Erste", verspricht der deutsche Automobilhersteller. Stefanow lacht bitter. Seit 20 Minuten ist er keinen Meter vorwärts gekommen.

Stau gehört in Moskau zum Alltag. Das russische Statistik-Institut IRN hat ausgerechnet, dass jeder Autofahrer monatlich elf Stunden im Verkehr feststeckt. In vier Jahren, so die Befürchtung der Stadtregierung, bricht der Verkehr in der Millionenmetropole vollends zusammen.

Doch jetzt gibt es jemanden, der behauptet, er könne den Kollaps nicht nur verhindern, sondern die Stadt gar in eine Grünanlage verwandeln - in der dann drei Mal so viel Autos fahren könnten wie bisher. Roland Lipp heißt dieser Mann, ein Professor der Ingenieurswissenschaften aus Brandenburg. In einem Café im verstopften Zentrum Moskaus kritzelt er seelenruhig Linien auf ein Papier. "Ich kann die Stunde vorhersagen, wann in Moskau keiner mehr im Stau stehen wird", verheißt er und zeigt auf seine 130-seitige Studie.

Autofreie Grünanlage Moskau?

In seinen Skizzen stellt Lipp die Stadt auf den Kopf. Unten flanieren Fußgänger durch Parkanlagen und sitzen in Straßencafés. Oben, auf den Dächern der Bürogebäude und Shoppingzentren, fahren Autos. In den Etagen unter der Dachstraße befinden sich kilometerlange Parkgaragen. Von dort aus erreichen die Menschen per Fahrstuhl ihre Büros und Wohnungen in den unteren Geschossen.

"Straßenhaus" nennt Lipp seine Kästen, die an futuristische Konzepte aus den fünfziger Jahren erinnern. Glaubt man dem Erfinder, wie er sich selbst bezeichnet, dann ließen sich damit 15 Millionen Euro Staukosten täglich einsparen: Der Benzinverbrauch würde sich um 44 Prozent verringern. Autofahrer wie Stefanow könnten ohne anzuhalten mit 40 bis 80 Stundenkilometern durch die Metropole düsen. "Stellen Sie sich das einmal vor!", schwärmt Lipp.

Um Lipps Gedankenexperiment zu folgen, ist viel Phantasie nötig. Er will in seiner neu entwickelten Stadtstruktur alle rechten Winkel abschaffen. Die Fahrbahnen hat er als Einbahnstraßen auf mehreren Ebenen mit kreisrunden Abfahrten konzipiert. So soll alles im Fluss bleiben. Denn Kreuzungen und Ampeln erhöhen bei hoher Verkehrsdichte das Staurisiko, erklärt Lipp.

Ist die Stadtstruktur schuld?

Das bestätigt der russische Physiker Igor Lubaschewskij von der Akademie der Wissenschaften: Moskau verwandle sich zu Stoßzeiten "in einen einzigen Stau", wie er sagt. Schuld daran sei die radiale Stadtstruktur. Im Zentrum der Zwölf-Millionen-Stadt konzentrieren sich die Büros und Läden. Die meisten Menschen leben in Wohnblöcken am Stadtrand. Deswegen führen die Hauptverkehrswege wie Zeiger einer Uhr von innen nach außen. Ringstraßen sollen den Verkehr um das Zentrum herumleiten. Doch wo sich Hauptverkehrsstraßen und Ringstraßen treffen, staut es sich.

Ganz ähnlich sieht das auch der Brandenburger Ingenieur. Vier Jahre lang hat er Megastädte wie New York, Chicago, Tokio, Shanghai und Hongkong erforscht. Als er dann auf der 14-spurigen Leningrader Chaussee im Moskauer Zentrum im Stau stand, kam ihm die Idee: Der Verkehr müsse oberhalb der Stadt abfließen.

Sein Moskau der Zukunft soll den Großstädtern mehr Lebensqualität bieten. Russlands Kapitale gilt als die schmutzigste Stadt Europas. Mediziner raten den Bewohnern, nicht an viel befahrenen Straßen spazieren zu gehen und die Fenster geschlossen zu halten.

Auch dieses Problem will Lipp lösen. Der Ingenieur hat sich für seine Dachstraßen ein Luftreinigungssystem patentieren lassen. Die Fahrbahnbegrenzung saugt über Öffnungen Feinstaub ab und leitet ihn über ein Röhrensystem unter der Straßendecke durch Filter. Schallschutzwände dämpfen den Lärm um 58 Prozent - so hat es Lipp ausgerechnet.

Mit seinen Straßenhäusern, so rühmt sich Lipp, will er auch den Immobilienmarkt sanieren. Moskaus Immobilienpreise zählen zu den höchsten Europas, denn der Bauplatz ist knapp. Wo heute noch Autobahnen die Stadt zerfurchen, könnten sich in Zukunft Reihen von Straßenhäusern wie Würmer durch die Stadt ziehen. "Wenn die Stadtregierung das genehmigt, dann stehen die Investoren Schlange bis nach Wladiwostok", hofft Lipp. "Und die Dachstraßen bauen sie dann gleich mit obendrauf."

Pilotstrecke soll Machbarkeit beweisen

Dieses Argument hat Bürgermeister Jurij Luschkow hellhörig gemacht. Im vergangenen Jahr hat er eine Arbeitsgruppe einberufen, in der auch Lipp regelmäßig zugegen ist. Gemeinsam mit den deutschen Firmen Siemens und Knauf präsentierte er im Februar das Konzept dem Stadtparlament. Eine Anfrage bei der Stadtverwaltung läuft. Jetzt wartet Lipp gespannt auf die Entscheidung.

Die Baupläne für die 1,6 Kilometer lange und 90 Meter breite Pilotstrecke hat er schon griffbereit in der Aktentasche. "Bayerische Meile" nennt er den Straßenzug. Zwei Auf- und Abfahrtstraßen schlängeln sich am Rand der Fünf-Etagen-Häuser spiralförmig in die Höhe.

Nikita Kuschkin, Sprecher von Siemens in Russland, zweifelt allerdings noch an der Bewohnbarkeit von Häusern, über deren Dächer Autos rollen. "Dafür gibt es keine hundertprozentige Garantie", sagt er. Doch das Projekt sei interessant.

"Das ist keine Zukunftsmusik", sagt Lipp mit verschmitztem Lächeln. In sieben bis acht Jahren könne er Moskau in eine idyllische Megacity verwandeln. "Den wichtigsten Menschen habe ich schon auf meiner Seite", sagt er und schaut durch verrußte Fensterscheiben auf die achtspurige Straße, wo der Verkehr mittlerweile vollständig zum Stillstand gekommen ist. "Und das ist der Moskauer Bürger an sich."



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