Vermeintliche Bevölkerungsexplosion Forscher zählen Römer neu

Wie kam es zum massiven Bevölkerungswachstum im alten Rom kurz vor Christi Geburt? Überhaupt nicht, wie ein mathematisches Modell jetzt nahelegt: Die Römer haben offenbar lediglich ihre Zählmethode geändert. Der Schlüssel zur Lösung des Rätsels sind vergrabene Schätze.

Römische Soldaten (Schauspieler in Bulgarien im September 2009): Wegen Unruhen keine regelmäßigen Schätzungen der Bevölkerungszahl
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Römische Soldaten (Schauspieler in Bulgarien im September 2009): Wegen Unruhen keine regelmäßigen Schätzungen der Bevölkerungszahl


Washington - Seit langem schon debattieren Wissenschaftler darüber, ob die Zahl der römischen Bürger im ersten Jahrhundert vor Christus tatsächlich von 400.000 auf vier Millionen Menschen gestiegen sein konnte. Zeitgenössische Quellen legen das nahe. Doch bei vielen Forschern sorgen die Angaben für ein Stirnrunzeln. Das Problem: In der späten Römischen Republik gab es wegen häufiger Unruhen keine regelmäßigen Schätzungen der Bevölkerungszahl.

Nun zeigt sich, dass hinter der vermeintlichen Bevölkerungsexplosion in Wahrheit nur eine Änderung der Zählmethode unter Augustus steckt. Peter Turchin von der University of Connecticut in Storrs und Walter Scheidel von der Stanford University in Kalifornien glauben, mit einem mathematischen Modell gezeigt zu haben, dass bei Zählungen zusätzlich zu den Männern ab diesem Zeitpunkt auch Frauen und Minderjährige berücksichtigt wurden.

Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" schreiben, berechneten sie die Wirkung kriegerischer Auseinandersetzungen auf die Entwicklung der Bevölkerung. Als Parameter wurden die Zahl der Bürger und die Häufigkeit von Funden vergrabener Münzen hinzugezogen. Diese sogenannten Münzhorte zeigen Kriegszeiten und politische Krisen an - weil Menschen in solchen Zeiten ihren Besitz oft vergraben. Vergrabenes Hab und Gut stehe auch in engem Zusammenhang mit Kriegen in anderen Epochen, etwa den Auseinandersetzungen zwischen Welfen und Staufern oder dem Dreißigjährigen Krieg.

Weitere Parameter in Turchins und Scheidels Modell waren der maximale Zuwachs der Bevölkerungszahl in Friedenszeiten und der dämpfende Effekt von gewaltsamen Auseinandersetzungen. Dieses Modell glichen die Wissenschaftler mit den Zahlen des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts ab, für das präzise Daten vorhanden sind.

Für das Folgejahrhundert konnten die Forscher so einen leichten Bevölkerungsschwund prognostizieren - was für die These spricht, dass es im Jahr 28 vor Christus tatsächlich eine Änderung der Zählmethoden gab. Für die Pax Augusta, die im Jahr 27 vor Christus beginnende Friedenszeit unter der Herrschaft des Augustus, sagt das Modell demnach die wirkliche Entwicklung der römischen Bevölkerungszahl vorher. Und die ist demnach keinesfalls explodiert, sondern lediglich behutsam angestiegen. "Das Ergebnis ist unzweideutig", schreibt das Forscherduo. Angesichts der zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen im Italien des ersten vorchristlichen Jahrhunderts sei ein starkes Bevölkerungswachstum "hochgradig unplausibel".

chs/ddp



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