Vermeintliche Horrormeldung Zweifelhafte Studie zu Spermienschäden durch Handys

Handys beeinträchtigten die Spermienproduktion und könnten gar unfruchtbar machen, berichtete ein Wissenschaftler im Kollegenkreis. Über Nacht ging die Nachricht um die Welt. Wie dieses Forschungsergebnis zustande kam - und wie zweifelhaft es ist: das verlor sich in den meisten Berichten.

Von Stefan Schmitt


Ashok Agarwal ist ein tüchtiger Fruchtbarkeitsforscher. Auf seiner Publikationsliste stehen derzeit 234 wissenschaftliche Fachartikel. Die Einträge 199 bis 234 datieren aus diesem Jahr. Veröffentlichungen sind harte Währung im wissenschaftlichen Karrierereigen, ebenso wie Vorträge bei Fachkonferenzen. Beim diesjährigen Jahrestreffen der American Society for Reproductive Medicine in New Orleans saß Agarwal gleich zweimal auf dem Podium.

Spermien: Langes Sitzen, Rauchen, Trinken gefährdet die Qualität - von Handys kann man das noch nicht behaupten
AFP PHOTO EPA/PA/HM

Spermien: Langes Sitzen, Rauchen, Trinken gefährdet die Qualität - von Handys kann man das noch nicht behaupten

Doch weltweite Berichterstattung erntete der Androloge, vulgo Männerarzt, mit einem kleinen Auftritt am Montagabend - bei einer Posterpräsentation. Poster sind das Kleingeld des wissenschaftlichen Betriebs. Auf eine bunte Pappe im DIN-A1-Format verdichtet stellen Forscherteams neue Erkenntnisse dar, oft Zwischenstände laufender Projekte. Über Tausend solcher Poster pinnten die Fruchtbarkeitsärzte in New Orleans an die Wände des Ernst N. Morial Convention Center. Auf 27 davon war auch "A. Agarwal" vermerkt, als Autor oder Mitautor. Aber auf dieses eine, Nummer 398, stürzte sich die Presse - nicht ganz überraschend.

Poster 398 - Zusammenhang zwischen Mobiltelefongebrauch und menschlicher Unfruchtbarkeit, hieß das Plakat. Und nach einem Knüller roch die beobachtende Studie, die Agarwal und fünf Kollegen von der renommierten Cleveland Clinic im US-Bundesstatt Ohio vorstellten: Je mehr die Versuchsteilnehmer mit dem Handy telefoniert hätten, desto schlechter seien ihre Spermien - sowohl nach Anzahl, Lebensfähigkeit und Beweglichkeit, als auch von der Form her. Ein Tritt zwischen die Beine aller männlichen Handynutzer, immerhin sollen nach Industrieangaben seit letzten Winter über zwei Milliarden Menschen ein Mobiltelefon besitzen.

Vom Poster in die Schlagzeilen

Am Montag hatte Agarwal sein Poster aufgehängt, am Dienstagmorgen überschlugen sich die Schlagzeilen weltweit:

"Mobiltelefone mit Spermientod verbunden" ("Melbourne Herald", Australien), "Vorsicht! Intensives Mobiltelefonieren könnte Sie unfruchtbar machen" ("Newindpress", Indien), "Studie bringt Mobiltelefonieren mit Unfruchtbarkeit in Zusammenhang" (Abc, USA). Nur die Minderheit der Medien distanzierte sich wenigstens durch einen Konjunktiv wie "Mobiltelefone könnten Samen schädigen" ("Globe and Mail", Kanada). Ein skeptisches Fragezeichen setzten die wenigstens hinter die vermeintliche Knallermeldung: "Beeinträchtigen Handys die Spermaqualität?" (AND, Südafrika)

Wie die Ergebnisse Agarwals - sein Spezialgebiet: Spermienqualität und Fruchtbarkeitsbehandlung - zustande gekommen waren, verliert sich völlig im Hintergrund. Die 361 Männer, deren Sperma sein Team untersucht hatte, waren ausgerechnet Patienten eines Zentrums für Unfruchtbarkeitstests.

Die Forscher hatten die Samenproben-Spender gefragt, wie lange sie am Tag mobil telefonierten, und vier Gruppen gebildet: Männer ohne Handy und solche mit weniger als zwei, weniger als vier und krassen über vier Stunden Mobiltelefonaten - pro Tag.

Die Unterschiede, von denen die Wissenschaftler berichten, klingen beeindruckend: In der Extremgruppe betrug die durchschnittliche Spermienzahl 50 Millionen pro Milliliter Sperma. Bei den Nicht-Nutzern waren es hingegen 86 Millionen. Über ein Drittel weniger! Diese Zahl war es, die mit den Schlagzeilen weiterschwappte. Dass die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Wert von 20 bis 200 Millionen Spermien pro Milliliter als normal und gesund definiert, entwertet das Ergebnis Agarwals schon sehr: Selbst die Handyjunkies in seiner fragwürdigen Stichprobe gelten da bei weitem nicht als unfruchtbar.

Was für einen Lebensstil hat ein Handy-Junkie?

"Die Leute nutzen Handys ohne über Konsequenzen nachzudenken, als wären es Zahnbürsten", sagte Agarwal der britischen Zeitung "Guardian". "Aber Mobiltelefone könnten eine verheerende Auswirkung auf die Fruchtbarkeit haben." Könnte, nicht muss. "Das muss natürlich noch bewiesen werden", gestand auch Agarwal ein. Denn Untersuchungen wie die seines Teams - sogenannte Korrelationsstudien - sind notorisch anfällig für Fehler und Fehlinterpretationen.

Man könnte über das Gruppendesign räsonieren: Was sagt es über einen Mann aus, wenn er mehr als vier Stunden am Tag telefoniert? Vielleicht, dass er einen stressigen Managerjob hat. Das ist schlecht für den Blutdruck. Vielleicht, dass er übermäßig viel Zeit in Konferenzsesseln, Auto- oder Flugzeugsitzen verbringt. Das wärmt das Gemächt und ist - nachweislich - schlecht für die Spermienproduktion. Weiter hergeholt, aber nicht von der Hand zu weisen wäre, dass diese Männer vielleicht auch mehr Alkohol und Nikotin konsumieren. Von diesen Nervengiften weiß man, dass sie die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können. Doch Agarwal macht die - unspektakuläre - Verschlechterung der Spermien unter seinem Mikroskop an einer einzigen Dimension fest.

Vom Handy weiß man, dass es lokal das Körpergewebe erwärmen kann, höchstens um ein Paar Grad Celsius, weswegen Forscher auch scherzhaft vom "Wollmützeneffekt" sprechen. Wohlgemerkt: Das bezieht sich auf die Ohrmuschel und bestenfalls den Schädel. Um so die Spermienbildung zu beeinflussen, müsste man mit anderen Körperteilen telefonieren.

Agarwal ist nicht der Erste, die vermeintliche Horrorbotschaft ist ein Wiedergänger. Fortgesetzter Handygebrauch könne für männliche Unfruchtbarkeit sorgen: Im vergangenen Jahr sorgte ein ungarischer Forscher damit für Aufsehen, und konnte seine Behauptung doch nicht so recht belegen. Ebenso wenig wie sein österreichischer Kollege, der gerade einmal 13 Probanden untersucht hatte.

Achtung, Handynutzer? Da müsste man vor vielem warnen

Fest steht: mit der Spermienqualität geht es in den Industriestaaten bergab. Das zeigen zahlreiche Untersuchungen in vielen Ländern, darunter Deutschland, seit Jahren. Die Gründe dafür werden heftig diskutiert. Umwelteinflüsse - wie etwa Gifte - stehen ebenso unter Verdacht wie Einflüsse des Alltagsverhaltens - wie häufiges Sitzen oder allzu enge Jeans. Wissenschaftler versuchen gleichsam die Spermatogenese, also den Prozess der Spermienbildung im Hoden, genau zu verstehen, wie auch mögliche Störfaktoren. Das ist kompliziert - und noch lange nicht enträtselt.

Zum wissenschaftlichen Fortschritt gehört es auch, Teilergebnisse zu veröffentlichen - und sogar Irrtümer und Misserfolge. Das ist statthaft, solange die Methode einer Untersuchung beschrieben wird. Damit die Fachkollegen sie nötigenfalls zerpflücken können, so wie die Gutachter der Fachzeitschriften tun, bevor ein Aufsatz gedruckt wird. Viele solcher begutachteter Arbeiten formen dann irgendwann gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis, etwa: Handys beeinträchtigen die Spermatogenese - falls es wirklich so sein sollte.

Doch unter den 35 Arbeiten, die Ashok Agarwal in diesem Jahr schon veröffentlicht oder zur Begutachtung eingereicht hat, fehlt bisher ausgerechnet jene Untersuchung, die gerade Schlagzeilenkarriere macht.



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