Verräterische Erbgutspuren Moderne Menschen paarten sich mit Neandertalern

Wie begegneten sich die frühen modernen Menschen und die Neandertaler? Eine neue Erbgut-Studie bestärkt die Theorie, dass sie sich vor Jahrtausenden paarten. Nur im Genom von Afrikanern finden sich keine Spuren des ausgestorbenen Vetters.

Nachbildung einer Neandertalerin im Museum in Mettmann: Ausgestorbene Verwandte
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Nachbildung einer Neandertalerin im Museum in Mettmann: Ausgestorbene Verwandte


Hamburg - Einige unserer Vorfahren hatten vor mehreren zehntausend Jahren Sex mit Neandertalern. Ein internationales Forscherteam hat auf dem menschlichen X-Chromosom Gensequenzen identifiziert, die vom ausgestorbenen Vetter des Menschen stammen. Diese Neandertaler-Erbstücke finden sich allerdings nur bei Nicht-Afrikanern.

"Dies bestätigt jüngste Erkenntnisse, nach denen die beiden Populationen sich gekreuzt haben", sagt Damian Labuda von der University of Montreal. Bereits 2010 hatten deutsche Forscher den Anteil von Neandertaler-DNA in heutigen Europäern und Asiaten auf ein bis vier Prozent beziffert. Ihre Zahlen beruhten auf einem Genvergleich nach der Entschlüsselung großer Teile des Neandertalergenoms.

In der aktuellen Studie untersuchten die Wissenschaftler die Ausprägung bestimmter Genvarianten auf dem X-Chromosom an rund 6000 Proben von Menschen aus aller Welt. Bereits 2003 hatten Labuda und seine Kollegen festgestellt, dass der Haplotyp B006 nicht zum gängigen Muster der Homo-sapiens-Haplotypen zu passen schien.

Doch erst der jetzige Vergleich mit dem Neandertalergenom ließ eine eindeutige Schlussfolgerung zu. Ihre Daten würden belegen, dass die Neandertaler-Einkreuzung sich sehr früh während der Ausbreitung des Menschen ereignet haben müsse, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Molecular Biology and Evolution". Möglicherweise seien es sogar solche Genzugaben gewesen, die den Erfolg des Homo sapiens bei der Besiedelung der Welt gefördert haben.

Wie viel Neandertaler im heutigen Menschen steckt, wird diskutiert und erforscht, seitdem im Jahr 1856 Steinbrucharbeiter das erste Skelett dieses Frühmenschen im Neandertal bei Düsseldorf entdeckten. Der Homo neanderthalensis lebte schon vor knapp 200.000 Jahren in Europa und Vorderasien und starb vor rund 30.000 Jahren aus. Er gilt nicht als direkter Vorfahre des modernen Menschen, sondern als ein Seitenzweig der menschlichen Stammlinie.

Während sich die Verbreitungsgebiete des anatomisch modernen Menschen und des Neandertalers in Europa vermutlich vergleichsweise kurz überlappten, lebten beide Arten im Nahen Osten wahrscheinlich mehrere zehntausend Jahre im gleichen Gebiet. Das zeigen Fossilienfunde aus der Zeit von vor 60.000 bis 80.000 Jahren. Dass sich in dieser Zeit Neandertaler und Homo sapiens auch miteinander gepaart haben müssen, belegen die Forscher um Labuda jetzt aufs Neue.

wbr/dapd



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