Verräterische Spiegelungen Die Augen-Ausspäher kommen

Diese Technik interessiert auch die Geheimdienste: Forschern des Max-Planck-Instituts in Saarbrücken schauen derzeit ihren Probanden besonders tief in die Augen. Denn in der Pupille spiegelt sich das, was der Mensch gerade liest.

Von Gordon Bolduan


Wieder schlüpft Michael Backes in die Rolle des Spions, wieder beugt er sich über ein Teleskop auf einem massiven Dreibein, das im Flur der zweiten Etage des Saarbrücker Max-Planck-Instituts für Informatik steht. Während er das Gesicht einer Frau anvisiert, die nur wenige Meter entfernt auf dem Gang an einem Laptop arbeitet, deuten seine Mundwinkel ein leichtes Lächeln an, geben seinem Gesicht einen spitzbübischen Ausdruck.

Der Professor für Kryptografie und Sicherheit an der Universität des Saarlandes will wissen, woran die Dame in diesem Augenblick arbeitet. Dazu spioniert er ihr rechtes Auge aus. Behutsam stellt er das Teleskop auf die Pupille scharf und montiert auf das Fernglas eine Kamera, die er von den Astro-Informatikern ausgeliehen hat. Die Institutsforscher mussten bei dieser kollegialen Hilfe keine moralischen Bedenken bezeugen, denn der Angriff dient der Forschung, auch die Ausgespähte weiß Bescheid. So hat Backes zusammen mit den Informatikern Hendrik Lensch und Markus Dürmuth nachgewiesen, dass sich Buchstaben in einer Schriftgröße von 36 Punkt aus Spiegelungen in der Pupille rekonstruieren lassen, wenn sie von einem Monitorbild in der Auflösung von 1024 mal 768 Pixel stammen und aus zehn Metern abfotografiert werden.

Bereits Mitte November vergangenen Jahres hatte seine Gruppe gezeigt, wie sich Monitorbilder durch ihre nur wenige Millimeter großen Reflexionen auf Kaffeekannen, Tassen, ja sogar PET-Flaschen auslesen lassen. Während ein deutscher Geheimdienst Backes zu den Details ausfragte, musste sich der Professor von anderen Sicherheitsexperten anhören, dass man reflektierende Gegenstände ja einfach vom Schreibtisch wegräumen könne. Das stachelte ihn an, sein Forscherinteresse dem nicht entfernbaren Auge zu widmen.

Doch hier ist die Aufgabe schwieriger. Nicht nur, dass die Reflexionen dort wesentlich kleiner sind, die Pupille bewegt sich auch ständig, was die lang zu belichtenden Fotos unscharf macht. Mit der 6000 US-Dollar teuren Kamera und einem neuen 1800 Euro teuren Schmidt-Cassegrain-Teleskop können Backes und Co. die Belichtungszeit auf zwei Sekunden reduzieren. Das Unterfangen wird damit lösbar, doch der Aufwand bleibt hoch. "Bis man einen wirklich guten Schuss hat, kann es ein paar Stunden dauern", berichtet Markus Dürmuth, der mit Backes an der Spionagetechnik forscht. Um jegliche Störung zu vermeiden, wird die Kamera sogar über ein Laptop ausgelöst, das meist in einem anderen Raum steht. Aber auch solche Sorgfalt rettet die Forscher nicht vor den störenden Verwischungen. Sie bemühen daher ein als Dekonvolution bekanntes Verfahren aus der Bildverarbeitung. "Was immer in meiner Kamera ankommt, ist irgendwie verfälscht.

Wenn ich weiß, wie die Verfälschung aussieht, dann kann ich mein ganzes Bild rückwärts rechnen, so dass sie nicht auftritt", erklärt Backes vereinfacht die Idee dahinter. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Forscher das Verhalten des Lichts auf das Kamerasystem dem Rechenverfahren als "Point-Spread-Funktion" angeben können. Backes und Co. vermessen dazu Punkt-Lichtquellen in der Nähe des Auges. Dafür genügen bereits Leuchtdioden, die den Status von elektronischen Geräten anzeigen.

Obwohl bei größeren Distanzen nicht nur der Durchmesser des Teleskops wachsen muss, sondern sich auch der Preis der Ausrüstung vervielfacht, sieht Backes diese Angriffsmethode als reale Bedrohung an. "Wenn ich jetzt dafür nicht nur 5000 Euro ausgebe, sondern 500.000, dann kriege ich mit Sicherheit das Auge aus 20 oder 30 Metern", mutmaßt der Professor. Karlheinz Buchzik, der seit 1979 Firmen in Sicherheitsfragen berät und auch als Experte dem "Verband für Sicherheit in der Wirtschaft Baden-Württemberg" angehört, relativiert diese Aussage. "Ich halte es nicht für praxisrelevant. Da ist die Auswertung offen zugänglicher Quellen immer noch effektiver. Doch wenn es um eine bestimmte Größenordnung geht, also ein Staat diese Spionage betreibt, will ich das nicht ausschließen", erklärt der ehemalige Kriminalpolizist. Nichtsdestotrotz hat sich Backes auch schon Gedanken gemacht, wie spionagegefährdete Betriebe sich im Falle des Falles und trotz unzureichender Schutzfolien an Fenstern und Monitoren schützen könnten. Details gibt er nicht preis, denn die Idee versucht er gerade patentieren zu lassen. Sein spitzbübisches Lächeln lässt die Antwort jedoch erahnen.


© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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