Verrückte Experimente Wenn Forscher Crash-Test-Dummy spielen

3. Teil: Crashtest: Der schnellste Bremser der Welt


Colonel John Paul Stapp war kein Aufschneider. Sonst hätte er seinem 1955 im Journal of Aviation Medicine erschienenen Artikel einen spektakuläreren Titel gegeben als "Die Wirkung von mechanischer Kraft auf lebendes Gewebe". Das "lebende Gewebe" war nämlich er selbst, und die "Wirkung der mechanischen Kraft" hatte sich in Prellungen, blutunterlaufenen Augen und gebrochenen Knochen geäußert.

1947 flog Chuck Yaeger mit dem Jet X-1 als erster Mensch schneller als der Schall. Im selben Jahr begann sich Stapp als Militärarzt mit der Frage zu beschäftigen, wie es einem Piloten wohl erginge, wenn er bei solchen Geschwindigkeiten sein Flugzeug im Schleudersitz verlassen müsste. Ein gewaltiger Luftstrom würde seinen Körper treffen und ihn augenblicklich abbremsen. Konnte ein Mensch diese Belastung überleben? Stapp beantwortete die Frage mit kühnen Versuchen, zuerst auf der Luftwaffenbasis Edwards in Kalifornien, dann auf jener von Holloman in New Mexico.

Für die ersten Tests 1947 mit dem Raketenschlitten "Gee Whiz" waren Schimpansen vorgesehen. Als sie nicht rechtzeitig eintrafen, stellte sich Stapp als Versuchskaninchen zur Verfügung. Wegen seines eigenwilligen Verhaltens versuchten ihn seine Vorgesetzten immer wieder zurückzuhalten - ohne Erfolg.

Das gewagteste und letzte Experiment, das Stapp beinahe das Augenlicht kostete, fand am 10. Dezember 1954 statt. Um die Mittagszeit ließ sich Stapp von seinen Mitarbeitern im Raketenschlitten "Sonic Wind" anschnallen. Am Ende der einen Kilometer langen Gleise konnte er ein Ambulanzfahrzeug sehen.

Der Schlitten war nicht viel mehr als ein auf Schienen geführter Stuhl, mit neun Raketen im Rücken, die auf einem zweiten Schlitten montiert waren. Sie beschleunigten Stapp so stark, dass das Blut aus seiner Netzhaut wich: 1,5 Sekunden nach dem Start wurde ihm schwarz vor Augen.

3,5 Sekunden später - Stapp war jetzt mit 1017 km/h unterwegs - setzten die Bremsen ein: Eine Art Schaufeln griffen in das lange Wasserbecken zwischen den Schienen am Ende des Gleises und brachten den Schlitten in 1,4 Sekunden zum Stillstand; es war, wie mit 100 km/h in eine Mauer zu fahren - bloß dauerte es 18-mal länger.

Am Anfang des 210 Meter langen Bremswegs kehrte das Augenlicht für einen grellen Moment zurück. Doch die Gefäße hielten dem Druck, mit dem das Blut in die Augen schoss, nicht stand und platzten. Stapps Sicht färbte sich lachsrot, seine Augen rissen an Muskeln und Sehnerv. Sie schmerzten, "wie wenn ein Zahn ohne Betäubung gezogen wird".

Nachdem der Schlitten zum Stillstand gekommen war, befreiten die Helfer Stapp aus seinem Feuerstuhl. Mit den Händen griff er sofort nach den Augenlidern. Er glaubte, er sehe nichts, weil sie geschlossen seien, doch sie waren offen. "Jetzt ist es passiert", dachte er, "ich kann nicht mehr sehen". Stapp war sich des Risikos, bei den Versuchen zu erblinden, durchaus bewusst. Seine Augen hatten schon bei früheren Versuchen unter der Belastung gelitten.

Doch auf dem Weg ins Spital erholte sich seine Sehfähigkeit allmählich wieder. Die Untersuchung zeigte die üblichen blauen Flecken, wo die Gurte verliefen, und kleine Wunden, verursacht durch Sandkörner, die mit der Geschwindigkeit von Gewehrkugeln durch die Kleider drangen.

Anders als bei einigen seiner 28 früheren Versuche hatte er bei diesem keine Knochen gebrochen. Stapp war kurzzeitig einer Belastung von über 40 G ausgesetzt. Er hatte mit mehr als dem 40-Fachen seines Körpergewichts in den Gurten gehangen. Lange Zeit glaubte man, ein Mensch könne nicht mehr als 18 G überleben.

Die Versuche hatten nicht nur ein verbessertes Design von Pilotensitzen und Gurten in Flugzeugen zur Folge, Stapp war auch ein Vorkämpfer für Sicherheitsgurte in Autos. Er führte auf Kosten der Armee die ersten Crashtests mit PKWs durch. Als seine Vorgesetzten dagegen protestierten, rechnete er ihnen vor, dass mehr Militärpiloten bei Autounfällen ums Leben kämen als bei Flugzeugabstürzen. In den Jahren vor seinem Tod 1999 war er Vorsitzender der "Dr. Stapp International Car Crash Conference".

Die kühnen Versuche machten Stapp berühmt. Er trat im Fernsehen auf, und sein Bild erschien auf dem Titel von Time. Kein Wunder, dass sich die Zeitungen Stapps Fehltritt 1956 nicht entgehen ließen: Am 9. März konnte man in den Alamogordo Daily News lesen, dass der "schnellste Mann der Welt" von der Polizei erwischt worden war, als er 60 km/h zu schnell fuhr. Der Friedensrichter hob die Buße auf und erließ eine neue gegen einen fiktiven "Captain Ray Darr", die er aus seiner eigenen Tasche bezahlte.

Stapps Experimente führten zu einem Nebenprodukt, das seine eigene Berühmtheit weit übertraf. Zu Beginn der Versuche 1949 wurde eine von einem Ingenieur namens Edward A. Murphy entwickelte Messsonde falsch am Raketenschlitten montiert. Stapp, der bekannt dafür war, ständig neue Redewendungen zu erfinden, brachte darauf "Murphy's Law" ("Murphys Gesetz") in Umlauf, das bald darauf seinen Siegeszug durch die Populärkultur antrat: "Wenn etwas schiefgehen kann, dann geht es schief."



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