Aggressive Verschwörungstheoretiker Geschäftsmodell - Leben zerstören

"Infowars" wirbt für Donald Trump und Wundermedizin - und macht Eltern ermordeter Kinder das Leben zur Hölle. Das hat endlich Folgen. Doch Gründer Alex Jones ist nur einer von vielen: Das Netzwerk reicht bis zu uns.

imago/ ZUMA Press

Eine Kolumne von


"Wenn Ihr die Regeln verletzt und Euer Post gelöscht wird, ist das keine Zensur. Alle Kulturen haben Regeln und wenn man sie verletzt, muss man damit rechnen, aus dem Stamm ausgestoßen zu werden."

Aus den Nutzungsbedingungen von "Infowars.com"

Alex Jones ist der Betreiber eines Webshops für Potenzmittelchen, Gehirntonikum, verschwörungstheoretische Literatur und Ausrüstung für die bevorstehende Apokalypse - mit einem angeschlossenen Unternehmen, das ich lieber nicht "Medienhaus" nennen möchte.

Jones Website "Infowars.com" verbreitete seit vielen Jahren finsterste Verschwörungstheorien: "Alternative" Lesarten von Terroranschlägen - in Wahrheit waren es die Vertreter der Weltverschwörung -, "alternative" Lesarten von Massenmorden in den USA - in Wahrheit hat das alles nie stattgefunden, die Linken wollen uns nur die Waffen wegnehmen.

"Infowars" ist einer der Sammelpunkte der rechtsradikal-nationalistisch-verschwörungstheoretischen Klientel, die sich so unbändig über Donald Trumps Wahlsieg gefreut hat. Letzte Woche verbreitete Jones die Behauptung, Trump-Sonderermittler Robert Mueller sei an einem Kinderschänderring beteiligt.

Selbstverständlich gibt es Überlappungen zwischen "Infowars"-Fans und den Anhängern von "QAnon", der derzeit bizarrsten aller US-Verschwörungstheorien. Dabei geht es um eine Art Weltverschwörung der Kinderschänder, die nur Donald Trump zerschlagen kann. Für Jones ist "QAnon" willkommener Content. Donald Trump ist ein Kumpel.

Sie fürchten sich noch nicht genug?

Jones' Geschäftsmodell aber ist nicht das eines Medienunternehmers. Er hat sich von Werbeerlösen offenbar nahezu vollständig unabhängig gemacht. Ein Autor des "New York Magazine" kam vergangenes Jahr auf einen geschätzten Jahresumsatz von 7,5 bis 12,5 Millionen Dollar - allein für die Nahrungsergänzungsmittel, die Jones unters Volk bringt.

Mit den Verschwörungstheorien, die er und seine Angestellten in Videos, Radiosendungen und Online-Artikeln verbreiten, schafft der Mann den Markt, den er dann selbst befriedigt: Die Weltverschwörer vergiften Luft und Umwelt - hier ist die Super-Schutzpille dagegen. Der Zusammenbruch der Zivilisation naht: Hier sind Wasserfilter, "Infowars"-Notrationen und ein paar Waffen. Sie fürchten sich noch nicht genug? Hier ist ein Buch über die sinistre Verschwörung der modernen Medizin. Und hier noch eins über die Illuminaten, Sie wissen schon, die heimlichen Herrscher der Welt.

"Weil das Produkte verkauft und Geld bringt"

Diese Woche war für Jones keine gute. Apple, YouTube, Pinterest, LinkedIn und Spotify haben Infowars-Inhalte aus ihren Angeboten verbannt, und sogar bei Facebook hat man sich dazu durchgerungen, ein paar "Infowars"-Videos zu löschen. Dafür gibt es gute Gründe: "Infowars" feuert seine verschwörungstheoretisch orientierte Klientel zu aggressiven Aktionen gegen die vermeintlichen Handlanger der vermeintlichen Weltverschwörer an.

Zu Opfern wurden etwa Eltern von Kindern, die 2012 in der Sandy-Hook-Grundschule in Newton, Connecticut von einem Wahnsinnigen erschossen worden sind. Bis heute kursieren Behauptungen, die Kinder habe es nie gegeben und ihre vermeintlichen Eltern seien "Crisis Actors", Schauspieler also, die für die Inszenierung von Fake-Massenmorden eingesetzt würden. Diese These folgt mittlerweile direkt auf jeden größeren Massenmord in den USA, immer aus der gleichen Ecke.

Einige der Betroffenen von Newton sind schon mehrmals umgezogen, um von Jones und anderen Verschwörungstheoretikern angestachelten Quälgeistern zu entkommen. Gegen Jones läuft deshalb ein Prozess.

Zensur ist es immer nur bei den anderen

In einer Klageschrift heißt es, er und seine Leute erfänden "elaborierte und Paranoia-getränkte Verschwörungstheorien, weil das Produkte verkauft und Geld bringt".

Bei Jones und seinen Fans sind Wut und Wehklagen über die Account-Löschungen groß, von "Zensur" und "Säuberungsaktionen" ist die Rede. Lustigerweise enthalten die Geschäftsbedingungen von "Infowars" das obige Zitat. Zensur ist es eben immer nur, wenn es die anderen machen.

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Verschwörungstheoretiker: Geschäftsmodell - Leben zerstören

Die augenscheinlich konzertierte Aktion aller großen Plattformen außer Twitter gegen Jones könnte ein Wendepunkt sein: Vielleicht ist man im Silicon Valley jetzt doch zu dem Schluss gekommen, dass man nicht Leuten beim Geschäftemachen helfen sollte, zu deren Geschäftsmodell es gehört, das Leben anderer Menschen mit Lügen zu zerstören.

So etwas gibt es bei uns nicht? Oh doch.

Auch hierzulande gibt es einen nationalistisch-verschwörungstheoretischen Sumpf, angefeuert von kommerziellen Organisationen wie dem Kopp-Verlag und dem unter Rechtsradikalen beliebten Magazin "Compact".

Mit beiden hat der Journalist Richard Gutjahr in den vergangenen Jahren sehr unangenehme Erfahrungen machen müssen. Er war zufällig an dem Abend in Nizza, als ein islamistischer Massenmörder 2016 mit einem LKW 86 Menschen umbrachte. Als ein 18-jähriger Schüler in München aus rechtsradikalen Motiven nur acht Tage nach dem Massenmord von Nizza neun Menschen erschoss, war Gutjahr ebenfalls in der Nähe.

Als das bekannt wurde, begannen Verschwörungstheoretiker rund um die Welt - bis nach Australien - mit ihrem widerwärtigen Werk: Sie wühlten in Gutjahrs Privatleben und erfanden eine aberwitzige Erzählung, derzufolge die Taten in Wahrheit von Geheimdiensten geplant und durchgeführt worden waren. Gutjahr sei, durch angebliche familiäre Verbindungen, vorher darüber informiert und deshalb jeweils vor Ort gewesen, um daraus publizistisches Kapital zu schlagen. Die Theorien wurden immer extremer. Gutjahr und seine Familie wurden beschimpft, bedroht und belästigt, in Aberhunderten Videos, unzähligen Tweets, Facebook-Posts, mit Paketen an ihre Heimadresse und so weiter.

Ohne einen wütenden Mob keine Geschäfte

Viele der Protagonisten dieser Hasswelle verbreiten auch die Sandy-Hook-Verschwörungstheorie. Und auch "Infowars" mischte mit bei der Hatz gegen die Gutjahrs. Der Vater eines in Newton ermordeten Jungen kontaktierte Richard Gutjahr daraufhin, um ihm Mut zuzusprechen - Lenny Pozner ist einer der Kläger gegen Jones, er hat eine Art Online-Selbsthilfegruppe für die Opfer der Verschwörungstheoretiker gegründet.

Von den Betreibern der Plattformen, die die Verschwörungstheorien und Attacken verbreiteten, gab es dagegen keine Unterstützung, und auch die Staatsanwaltschaft konnte nicht helfen.

Dafür verdiente jemand daran: Gerhard Wisnewski, der schon seit vielen Jahren von Verschwörungstheorien lebt, verfasst für den Kopp-Verlag jährlich ein offenbar recht erfolgreiches "Jahrbuch" über Dinge, die "die Medien" angeblich verschwiegen haben. In der Ausgabe für 2016 gab es auch ein Kapitel, das die Gutjahr-Verschwörungstheorie zum Thema hat.

Eben hat Wisnewski einen Prozess gewonnen, den Gutjahr gegen das Buch angestrengt hatte. Der Ausgang geht vermutlich an Wisnewskis spezielle Methode zurück: Er formuliert Entscheidendes immer als Frage, insinuiert und deutet an, statt zu behaupten. Die persönlichen Attacken übernehmen dann andere. Im Urteil, so das Gericht, ginge es eben nur um das Buch und nicht um die erbarmungslosen Online-Kampagnen.

Gutjahr hat über die Tortur, die er und seine Familie durchleben, mittlerweile zwei online verfügbare Vorträge gehalten. Er geht in die Offensive, beschäftigt einen Anwalt, der gegen die Wortführer unter den Diffamierern vorgeht, auch im Ausland, offenbar mit Erfolg. Er rät allen Betroffenen in ähnlichen Fällen, sich zu wehren, und zwar möglichst frühzeitig.

Nach dem Bannstrahl gegen "Infowars"-Macher Alex Jones stellt sich aber vor allem für die Betreiber der großen Social-Media-Plattformen die Frage, wie sie in Zukunft mit all den anderen kleinen und großen Verschwörungstheoretikern umgehen sollen. Mit denen, die, um Geschäfte zu machen, stets einen wütenden Mob bei der Stange halten müssen, indem sie immer neue Ziele für dessen Aggression liefern.

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insgesamt 190 Beiträge
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Seite 1
miklo.velca 12.08.2018
1. Kommentare auf der Seite
Es genügt schon Kommentare auf der infowars seite zu lesen. Dann "weiß Mann" schon was für kranke Vögel die Anhänger sind. Solche Kommentare findet auch bei Russia Today, auch rt-deutsch. Außerdem ist die Seite von infowars voller Browser-Tracker und Datensammler, wobei sie selber immer von Überwachung theorien.
goldsteinb8 12.08.2018
2. Bei uns ist es auch nicht anders
Da gibt es KenFM. Der hatte bei RBB eine verschwörungstheoretische Sendung und ist heute Internetstar bei linken Aluhüten. Jürgen Fliege vertickt noch sein "Fliege-Wasser". Die Uschi-Glas-Creme machte nicht jung, sondern Krebs. Mir ist immer noch nicht klar wie diese Franco-A-Verschwörung mit der Uraltpistole und dem unter drei Mann geplanten Staatsstreich funktioniert haben soll. Viele laufen mit Aluhut rum oder verteilen Aluhüte.
duff-man 12.08.2018
3. Der Auszug aus den TOS von Infowars ist irrelevant.
Es sind zwei völlig verschiedene Sachen, von einer kleinen Fringe-Webseite gebannt zu werden, vs. von allen großen Tech Konzernen gebannt zu werden. Das sind zwei Paar Schuhe. Was die Tech Konzerne da gemacht haben, ist Zensur. Nur muss es ein Richter bestätigen. In den USA gilt die Redefreiheit.
-su- 12.08.2018
4.
Man muss Jones nicht mögen um zu sehen, was der Hintergrund zu dieser Aktion ist. Es geht darum kritisches Nachfragen zu bestimmten Themen zu verhindern. Wer den Umsturz in der Ukraine kritisch hinterfärgt, wird doch als bezahlter Troll und Putinanhänger beschimpft. Wer die Schuld Russlands an der Vergiftung Skripals (nach den vielen Lügen der britischen Regierung) bezweifelt wird als Verschwörungstheoretiker beschimpft. Journalisten, die sich kritisch mit den Weißhelmen auseinandersetzen, werden u.a. von SPON gezielt auf persönlicher Ebene angegriffen um diese unglaubwürdig zu machen. Darum geht es hier und um nichts anderes. Das was die Medien und die Regierung als richtig behaupten, soll nicht mehr hinterfragt werden.
michael.mittermueller 12.08.2018
5.
Perfekt. Meinungsfreiheit muss endlich bekämpft werden. Denn nur die eigenen Meinung zählt. Und die eigene Moral. Oder das, was man so nennt. Denn man hat auch die Hoheit über die Definition von Begriffen und Wörtern. Danke SPIEGEL, dass hier das einmal klar gestellt wird. Ungefähr so wie im US Kongress, wenn er ein Hearing über Facebook und den Einfluss des Mediums veranstaltet. Wesentlich ist, dass niemand anderes über die Meinungsfreiheit und hier die Meinungshoheit verfügt. Oder über das was man als Wahrheit selbst so definiert. Den Ausschnitt der möglichen Meinungen eben oder die Auslegung, die man zur solchen macht. Selbstzweifel sind hier nicht angebracht, lieber SPIEGEL. Man ist einfach im Recht. Per Definition. Per Se. Durch die eigene Person. Und wenn man solches der Gegenseite vorwerfen kann, um so besser. Denn nur dort sollen Vorurteile und Fehlurteile bekämpft werden. Man selbst steht ja über den Dingen. Ist interessens- und ideologiefrei und wesentlich, neutral. Aber natürlich nur solange man das auch möchte.
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