Verschwörungstheorien: Die Psychologie der Konspiration

Von Thomas Grüter

Kennedy-Mord, Aliens und Mondlandung, Katholiken, Illuminaten und elfter September: Verschwörungstheorien ziehen sich durch die Geschichte. Sie gelten als verschroben und begegnen uns doch überall - weil jeder Mensch die Basis für den Komplott-Glauben in sich trägt.

"Die EU ist ein Mittel, um die Reformation rückgängig zu machen und den Herrschaftsbereich des Papstes auf Großbritannien auszudehnen", wetterte der Religionslehrer Adrian Hilton am 30. August 2003 in einem Beitrag für die erzkonservative britische Wochenzeitung "The Spectator". Nachdem ihn Anfang 2005 die Konservativen als Kandidat für den Wahlkreis Slough nominiert hatten, erlangte der Artikel landesweit Bekanntheit: Ein Parlamentskandidat als Verschwörungstheoretiker, wie peinlich!

Die Führung entzog Hilton die Kandidatur. Er bringe die Partei in Verruf, befand sie. Doch die Bereitschaft zum Verschwörungsglauben steckt tief in allen Menschen. Bestimmt sie aber ihr Handeln, kann das blutige Folgen haben.

Im Juli des Jahres 1946 ermordete ein entfesselter Mob im polnischen Kielce mehr als 40 Juden. Der Grund dafür waren haltlose Gerüchte, die Holocaustüberlebenden wollten ein christliches Kind aus rituellen Gründen umbringen. Dieses Motiv der sogenannten Ritualmordlegende reicht bis ins zwölfte Jahrhundert zurück. Der englische Mönch Thomas von Monmouth behauptete damals, die Juden hätten einen tot aufgefundenen Jungen rituell gekreuzigt, um das Christentum zu verhöhnen. Die Ritualmordlegende zieht eine blutige Spur von Pogromen durch die Jahrhunderte - bis in heutige rechtsextreme Kreise. Auch im arabischen Raum ist sie weit verbreitet, obwohl es die Ritualmorde niemals gegeben hat.

Verschwörungen: Glauben, Legenden und Theorien

Erfolgreiche Konspirationsstheorien entsprießen einem Verschwörungsglauben - dem dumpfen Verdacht, der eigenen Gruppe drohe Böses durch eine andere Gruppe. Das kann eine Religionsgemeinschaft, ein Volk, ein Staat oder auch nur das Nachbardorf sein. Woran liegt das? Aus Experimenten ist bekannt: Menschen weisen ihrer Umgebung eher positive, Fremden eher negative Eigenschaften zu. Und sie verteilen Attribute gerne pauschal: Deutsche sind ordnungsliebend und humorlos, Iren trinkfest und katholisch. Sozialpsychologen nennen das Gruppenstereotypen. Werden so Bosheit, Unmoral, Aggressivität oder Geheimniskrämerei unterstellt, ist es nicht weit zu Gerüchten über heimliche Sabotageakte: Eine Seuche ist ausgebrochen? Die Bösen haben die Brunnen vergiftet!

Irgendwann schreibt dann jemand eine Hetzschrift oder ein Buch über die Untaten und heimlichen Pläne der Bösen. Selbst wenn das den meisten Menschen zu weit geht, werden sich viele denken: "Irgendwas wird schon dran sein, wir haben denen ja nie getraut". So schaukeln sich Verschwörungs-Glauben, -Legenden und -Theorien gegenseitig hoch. Dumpfes Misstrauen genügt ihnen als Basis und sie benötigen - wie im Beispiel der Ritualmordlegende - keinen Anker in der Wirklichkeit.

In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Unsicherheit regiert das Misstrauen und es blühen die Gerüchte. Die französische und die russische Revolution beispielsweise beseitigten zwei von konservativen Kreisen als gottgegeben angesehene Monarchien. Vertreter der alten Ordnung sahen ein gigantisches Komplott am Werk - und schrieben das in umfangreichen Büchern nieder. Das Ende des real existierenden Sozialismus war übrigens kaum von Verschwörungstheorien begleitet. Das Scheitern der Regime war zu offensichtlich.

Komplott-Glauben ist keine Geisteskrankheit

Historiker und Politologen aus den USA rätseln, wieso gerade in ihrem Land die abstrusesten Verschwörungstheorien blühen - gleich ob zum 11. September, zur Mond-Landung oder dem Mord an John F. Kennedy. Für Sozialpsychologen ist die Erklärung recht einfach: Die US-Gesellschaft teilt sich entlang verschiedener Bruchlinien in Gruppen, die einander zutiefst misstrauen - was fast zwangsläufig zu einer inflationären Vermehrung von Verschwörungstheorien führt.

Daran zu glauben ist kein Anzeichen einer Geisteskrankheit. Von einer paranoiden Persönlichkeitsstörung spricht man erst, wenn die Beziehungen eines Menschen zu seiner Umwelt durchgehend von Misstrauen und Ängsten geprägt sind. Die Verschwörungsideen von Schizophrenen sind meist bizarr, instabil und von außen nicht nachvollziehbar. Gewöhnliche Verschwörungen und ihre kleine Schwestern, die Intrigen, begegnen uns hingegen jeden Tag. In Firmen, Familien, Vereinen, Parlamenten und Regierungen verschwören sich ständig Menschen mit- und gegeneinander.

Aber auch die größten echten Komplotte werden niemals so gewaltig wie ihre erdachten Gegenstücke. Weltverschwörungen zwischen Buchdeckeln haben immer das Zeug zum Bestseller. Die bizarren Theorien über die Urheber der Anschläge auf das World Trade Center erreichten in Europa und Amerika Spitzenauflagen, ebenso Dan Browns romanhafte Wiederbelebung der Illuminati.

Die Weltverschwörer sind übrigens eine erstaunlich homogene Gesellschaft. Gleich ob Jesuiten oder Juden, Freimaurer oder Großkonzerne, sie sind beinahe austauschbar. Nach einer Untersuchung der Feindbilder in amerikanisch-evangelikalen Schriften stellte der US-Historiker David Brian Davis erstaunt fest: "Während Freimaurer, Katholiken und Mormonen in der Wirklichkeit wenig Ähnlichkeit aufwiesen, verschmolzen sie als Feindbild zu einem einheitlichen Stereotyp."

Illuminati - ein Phantom der weltweiten Über-Verschwörer

Nicht einmal existieren müssen die vermeintlichen Gegner: Der echte Illuminaten-Orden, eine deutsche Geheimgesellschaft zur Verbreitung aufklärerischer Ideale, wurde 1785, nur neun Jahre nach seiner Gründung, verboten und erlosch 1790 endgültig. Er hatte nachweislich nur Mitglieder in Deutschland gehabt. Dennoch machten konservative Buchautoren ihn zuerst für die französische und dann für die russische Revolution verantwortlich. 1799 wähnte der amerikanische Prediger Jedidiah Morse ihn auf einem weltweiten Vernichtungsfeldzug gegen "Throne und Altäre".

Die britische Historikerin Nesta Webster sah England in den zwanziger Jahren bedroht von einer abstrusen Allianz aus Illuminaten, Juden und einer alldeutschen Bewegung. Der US-Bestsellerautor Dan Brown macht aus den Illuminaten eine uralte Geheimgesellschaft - und Galileo Galilei zu einem Mitglied. So mutierten die Illuminaten im Laufe der Jahrhunderte immer mehr zum Fluchtpunkt aller Ängste vor dem Bösen hinter der Welt.

Eines haben alle Autoren von Weltverschwörungstheorien gemein. Sie richten ihre Botschaft immer an die Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen: "Unsere Feinde sind verschlagen, böse, mächtig, allgegenwärtig, unsichtbar und wollen unsere höchsten Ideale verderben". Dieses Dämonen-Stereotyp als Feindbild lässt sich in den Schriften von Globalisierungsgegnern ebenso nachweisen wie bei evangelikalen Fundamentalisten oder in den "Enthüllungsbüchern" zur Zerstörung des World Trade Center.

Gelegentlich packt Verschwörungstheoretiker übrigens selbst die Angst vor ihren Gedankengebäuden: Nesta Websters Nerven sollen zeitweilig so angegriffen gewesen sein, dass sie einen geladenen Revolver zur Hand nahm, bevor sie die Haustür öffnete.


Thomas Grüter ist Arzt und arbeitet als Wissenschaftler, Wissenschaftsautor und Software-Unternehmer. Er beschäftigt sich mit Wissenschaftsthemen und damit, das Irrationale wissenschaftlich zu betrachten. Zum Thema Verschwörungstheorien hat er ein Buch im Scherz-Verlag veröffentlicht.

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