Versunkenes Herakleion Archäologen bergen riesige Stele

Taucher haben vor der Küste Ägyptens neue Schätze aus dem Meer gezogen. Wichtigstes Stück ist eine Granitstele, deren Inschrift eines der Rätsel der versunkenen Stadt Herakleion löst.


Granitstele vor der Bergung: Der Zehnte für die Göttin Neith
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Granitstele vor der Bergung: Der Zehnte für die Göttin Neith

Alexandria - Neben der mächtigen Granitplatte, die der französische Unterwasserarchäologe Franck Goddio am Donnerstag präsentierte, zählen drei kolossale Statuen, Goldmünzen und Schmuck zu den neuen Fundstücken. Taucher hatten die Schätze aus der antiken Stadt Herakleion in der Bucht von Abukir aus dem Wasser gezogen.

Die fast zwei Meter hohe Stele aus schwarzem Stein ist hervorragend erhalten. Ihre Hieroglyphen-Inschrift aus dem Jahr 380 vor Christus liefert Goddio zufolge den noch ausstehenden Beweis, dass das versunkene Herakleion mit dem antiken Thonis identisch ist - in dem Text ist "Herakleion-Thonis" als Aufstellungsort erwähnt.

Statue aus Herakleion: "Was wir nur aus Texten wussten, taucht nun aus dem Meer auf"
REUTERS

Statue aus Herakleion: "Was wir nur aus Texten wussten, taucht nun aus dem Meer auf"

"Wir können wegen des hohen Gewichts des Fundstückes davon ausgehen, dass der genannte Ort auch der Fleck ist, an dem die Stele gefunden wurde", erklärte Manfred Clauss, Professor für Alte Geschichte an der Universität Frankfurt, der in Alexandria zu einem Symposium eingeladen war.

Goddio hatte die Überreste Herakleions im vergangenen Jahr entdeckt und damit für eine archäologische Sensation gesorgt. Die Hafenstadt an der Mündung des inzwischen verlandeten kanopischen Nilarmes war vor der Gründung Alexandrias 331 vor Christus das Eingangstor Ägyptens. Später verlor sie an Bedeutung und versank wahrscheinlich nach mehreren Erdbeben und Sturmfluten im Meer.

Die neuen Funde sind für die Archäologen von großem Interesse: "Aus literarischen Quellen wissen wir bisher nur, dass es die Stadt überhaupt gibt, sonst nichts", sagte Clauss. Auch der Leiter des Ägyptischen Museums Berlin, Dietrich Wildung, zeigte sich begeistert: "Was wir vorher nur aus Texten wussten, taucht nun tatsächlich aus dem Meer auf."

Auf der Granitstele ist ein Dekret des Gründers der 30. Dynastie, Nektanebos I., eingemeißelt. Der Gesetzestext fordert von allen Händlern, die den Hafen benutzen, zehn Prozent Zoll ein. Die meist in Naturalien entrichteten Einnahmen wurden für den Tempel der Göttin Neith verwendet.

"Die Stele ist fast völlig identisch mit der Stele von Naukratis, die vor über 100 Jahren etwa 50 Kilometer weiter südlich gefunden wurde", erklärte Wildung. Auch an diesem Handelsplatz musste der Zehnte als Zoll entrichtet werden. Der einzige Unterschied zwischen den Inschriften ist eine kleine Textpassage, in der festgelegt wurde, wo der Steinblock aufgestellt werden soll. Bei der nun gefundenen Stele ist es die Mündung des kanopischen Nilarmes.

Nachdem die Tauchgänge bisher von Jahr zu Jahr geplant wurden, steht nun fest, dass Goddio noch mindestens drei weitere Jahre in der Bucht von Abukir forschen wird. Alle Stücke sollen ab 2003 in einer internationalen Wanderausstellung gezeigt und danach möglicherweise in die neue Große Bibliothek von Alexandria übergeführt werden, die bereits dieses Jahr eröffnet werden soll.



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