Verurteilter Schädelforscher Der Professor, an dem nichts stimmt

Das Urteil ist gefällt: Der Anthropologe Reiner Protsch von Zieten hat 278 Schimpansenschädel unterschlagen und verkauft, Urkunden gefälscht - macht 18 Monate Haft auf Bewährung. Jetzt steht er, gefangen in Lebenslügen, vor den Trümmern seines Berufslebens.

Aus Frankfurt am Main berichtet


Eine gewisse Vorsicht scheint also doch geboten zu sein, zumindest solange man noch nichts Näheres weiß. Wenn sich einer mit prächtigen Namen schmückt und einem doppelten Dr.-Titel - Achtung! Da gab es doch schon mal den schrillen "Dr. Dr. Clemens Bartholdy" aus Norddeutschland, der in Wirklichkeit ein einfacher Herr P. war und jahrelang Behörden, Mediziner und die Justiz narrte. Auch ihm reichte der einfache akademische Titel nicht. Dieser P. trieb, als gelernter Postbote, nach der Wende sein Unwesen als Oberarzt einer psychiatrischen Klinik im Osten Deutschlands. Er war ein Hochstapler der Extra-Klasse. Kaum vorstellbar, dass er sich nicht eines Tages wieder mit einer neuen Felix-Krulliade zurückmeldet.

Verurteilter Anthropologe: Reiner Protsch von Zieten wollte 278 Schimpansenschädel aus Uni-Besitz an einen US-Kollegen verkaufen
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Verurteilter Anthropologe: Reiner Protsch von Zieten wollte 278 Schimpansenschädel aus Uni-Besitz an einen US-Kollegen verkaufen

Frankfurt am Main hat nun auch seinen Herrn P. Er brachte es im Gegensatz zu dem Mann aus dem Norden tatsächlich weit, sehr weit sogar. Professor Dr. Dr. Reiner Rudolf Robert Protsch von Zieten, 70, Anthropologe an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, leitete seit 1973 als Lehrstuhlinhaber und geschäftsführender Direktor das Institut für Anthropologie und Humangenetik für Biologen am Fachbereich Biologie und Informatik - ohne Abitur, ohne Habilitation. Beinahe hätte er nach über 30 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit die Pensionsgrenze erreicht und eine recht auskömmliche Altersversorgung verzehren können.

Doch 2004 flog eine erste Unregelmäßigkeit auf, und dann wurde es immer schlimmer. Das bittere Ende fand am Freitag vor der 26. Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Frankfurt am Main statt.

Protsch von Zieten wurde wegen veruntreuender Unterschlagung in sechs Fällen sowie Urkundenfälschung und -unterdrückung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Sein Ansehen als Wissenschaftler - zerstört. Seine persönliche Integrität - beschädigt. Seine Pensionsansprüche - perdu. Er steht als 70-Jähriger, gefangen in seinen Lebenslügen, vor den Trümmern seines Berufslebens und seines Selbstbildes. Zu reparieren ist da nichts mehr.

Frei erfundene Altersangaben, Plagiatsvorwürfe

Reue plagt den Frankfurter Herrn P. nicht. Dass es vor Gericht zu einem abgekürzten Verfahren kam und einer Absprache zwischen den Beteiligten, die dem Angeklagten weitere Peinlichkeiten ersparte, lag nicht an dessen Einsicht, sondern an der Klugheit seiner Verteidiger, allen voran Steffen Ufer aus München, der zu retten versuchte, was fast schon nicht mehr zu retten war. Und es lag an der Kammer, die es "ein Gebot der praktischen Vernunft" nannte, sich nur mit einem kleinen Ausschnitt der überaus schillernder Biografie des Professors und ihren "strafrechtlichen Kulminationspunkten" zu befassen. Außerdem habe man dem Angeklagten eine "öffentliche Sezierung seiner Person über Monate" ersparen wollen.

Die Geschichte nahm vor Jahren ihren Anfang. Nach einem Hinweis eines Professors gegenüber der Universitätsleitung wurde P. nach Abmahnung und Anhörung am 17. März 2004 Hausverbot erteilt. Strafanzeige wurde erstattet. Eine "Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten der Universität Frankfurt" wurde gegründet. Und was die herausfand bezüglich des wissenschaftlichen Werdegangs des Ordinarius und seiner Tätigkeit an der Universität, erschreckte nicht nur das Untersuchungsgremium.

Man bestritt seine fachliche Kompetenz etwa bei der Datierung von Knochenfunden. Methoden, als deren Erfinder er sich ausgab, stammten von anderen Forschern. Was er unter seinem Namen als neue Erkenntnis veröffentlichte, hatten Kollegen schon längst herausgefunden. An P.s Institut wurde offenbar auch nicht oder nicht ausreichend dokumentiert; der Verdacht auf Fälschungen, auf frei erfundene Altersangaben kam auf. Plagiatsvorwürfe wurden erhoben, Manipulationen und Täuschungen nachgewiesen. Worin man auch stocherte, man stieß auf Lug und Trug.

Doch darum ging es vor Gericht nicht. Sondern P. wurde verurteilt, weil er zum Beispiel versucht hatte, die berühmte PAN-Sammlung von mehr als 270 Schimpansenschädeln - Eigentum der Frankfurter Universität - auf eigene Faust für 70.000 Dollar zu verkaufen. Besonders dreist sei dabei gewesen, so das Gericht, dass P. zur Vorlage bei der Staatsanwaltschaft auch noch ein Dokument fälschte, das ihn als den rechtmäßigen Eigentümer der Sammlung ausweisen sollte. Zum Glück kam es nicht zu dem Geschäft. Materieller Schaden entstand also nicht.

"Unsinnig, sinnlos und unverständlich"

Auch in anderen Fällen richtete P. eher immateriellen Schaden an. Er hat, wie Verteidiger Ufer es nannte, "sein Terrain" markiert, indem er von seinen Hilfskräften an zahlreichen Knochenfunden die alten Inventarnummern abkratzen und durch seine Initialen ersetzen ließ. Alles, was damals nicht niet- und nagelfest war in dem Frankfurter anthropologischen Institut, schien P. als sein Eigentum betrachtet zu haben, sogar das Affenskelett im Hörsaal.

Institutsstempel wurden aus Büchern entfernt und durch seinen eigenen ersetzt (etwa beim deutsch-englischen Wörterbuch für Ärzte). Mit Leihgaben der Universität Halle-Wittenberg verfuhr er ähnlich. Alles, was ihn interessierte, gehörte ihm. 2003 gab er "Dauerleihgaben", angeblich aus seinem persönlichen Besitz, an das Jüdische Museum in Berlin, die seit Jahrzehnten der Frankfurter Universität gehörten - gegen eine Spendenbescheinigung und seine Namensnennung anlässlich der Ausstellung.

Verteidiger Ufer nannte Herrn P.s Taten "unsinnig, sinnlos und unverständlich". Er kritisierte den psychiatrischen Sachverständigen Norbert Leygraf, der sich, als echter Professor, "mit dem Institut Universität verbrüdert" und nicht erklärt habe, was einen Menschen zu solch sinnlosem Verhalten bewege. Doch Leygraf sollte sich zur Schuldfähigkeit P.s äußern, an der kein Zweifel besteht. Ein verrückter Professor ist P. jedenfalls nicht.

Warum ein Mensch aber derart geltungsbedürftig wird, dass er seine Biografie wie eine Räubergeschichte erzählt mit dem geheimnisvollen Adeligen als leiblichem Vater im Hintergrund, der angeblich schon über das Kind seine Hand hielt, um es auf Großes im Leben vorzubereiten - dies zu erklären, ist nicht die Aufgabe eines forensischen Sachverständigen. P.s bürgerlicher Vater war jedenfalls ein Willi Protsch, einst bei der SA und der SS, später Obersteuersekretär in Heidelberg, ein harter Mann, der für den Wunsch des Jungen Reiner Rudolf Robert, etwas ganz Besonderes zu sein, wenig Verständnis hatte. Ob P.s Mutter während der Ehe tatsächlich heimlich eine Liaison mit einem adeligen Zieten während der Ehe unterhielt? Ob P. zu recht "von Zieten" heißt? Wer weiß.

"Bindungsfähig und ziemlich kompromissbereit sein"

Egal, worum es geht: Es stimmt nichts bei P. Er gab psychische Störungen gegenüber Leygraf an, die diesem unbekannt waren. Er klagte über Beschwerden, die Leygraf nicht erkennen konnte. Angaben von Hausärzten widersprechen sich. Er erzählt einen Lebenslauf, wonach er gleichzeitig im Gymnasium in Heidelberg war, auf einer amerikanischen Highschool und bei der Luftwaffe. Auch Vietnam-Veteran will er gewesen sein und so fort. Alles in allem laut Leygraf "eine deutlich narzisstisch-histrionische Persönlichkeitsakzentuierung", aber keine Störung im Sinne einer Schuldminderung.

Denn in seinem Scheinleben hat sich P. offenbar gut eingerichtet. Er ist seit 35 Jahren verheiratet - "dafür", so Leygraf, "muss einer schon bindungsfähig und ziemlich kompromissbereit sein". Ein gestörter Mensch hielte es nirgends lange aus, nicht einmal an einem Universitätsinstitut. Eine Störung mache sich "in allen Bereichen" bemerkbar.

Dass P. allerdings in Frankfurt am Main als junger, zwar eloquenter, aber wissenschaftlich nicht ausgewiesener Spund, mit nichts als einem amerikanischen Doktortitel versehen, sofort Professor wurde und eine C-4-Stelle bekam, ist ihm kaum vorzuwerfen. Er hat genommen, was sich bot. Wenn es nun mit der Akquise von Forschungsmitteln Probleme gibt, hat die Universität das selbst zu verantworten.

Ein Aperçu zum Schluss. Während der Urteilsverkündung wurde P.s Auto abgeschleppt. Er hatte es auf einem Behindertenparkplatz abgestellt. Es lag ein entsprechender Ausweis hinter der Scheibe - aber "der gilt bei uns nicht", sagte ein Polizeibeamter. Es stimmt wirklich gar nichts.

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