Verwandter des Menschen Unser vegetarischer Cousin

Er wird der Nussknacker-Mann genannt: Doch Paranthropus boisei, unser ausgestorbener Verwandter, aß keine Nüsse, wie eine neue Studie zeigt. Der rätselhafte Vorfahre war scharf auf ganz ungewöhnliche Nahrung.

Corbis

Das erste Skelett von Paranthropus boisei wurde 1959 in Tansania gefunden. Bald danach stellte sich heraus, dass die Art sehr weit verbreitet war. Heute gibt es von unserem homininen Verwandten (siehe Kasten links) mehr bekannte Fossilien als von den Mensch-Vorfahren Homo. Doch vor ungefähr 1,4 Millionen Jahren starb die Spezies aus - aus unbekannten Gründen. Mysteriös war auch lange die Ernährungsweise und sorgte für jahrzehntelange Diskussionen unter den Forschern.

Jetzt will eine Studie von Anthropologen um Thure Cerling von der University of Utah, Salt Lake City Klarheit schaffen. Die Untersuchung an 22 Fossilien, im Wissenschaftsmagazin PNAS veröffentlicht, kommt zu dem Schluss, dass sich die Homininen von Gras ernährten - unter Primaten eine höchst ungewöhnliche Nahrungsquelle.

Seit der Entdeckung von Paranthropus boisei waren Anthropologen besonders von seinem mächtigen Kiefer beeindruckt - der Schluss lag nahe, dass er für besonders harte Aufgaben wie das Zerbeißen von Nüssen nötig war - so bekam die Spezies den Spitznamen Nussknacker-Mann. Doch schon früh gab es Zweifel an der vermeintlichen Nuss-Diät.

In den letzten Jahren bekamen die Zweifler neue Argumente. 2008 veröffentlichte Peter Ungar, Professor für Anthropologie an der University of Arkansas, eine Studie, die aufgrund einer Analyse der Zahnabnutzungen gegen eine Ernährung von harter Nahrung wie Nüssen argumentierte - und auf eine Frucht-Diät spekulierte. Auch das wurde allerdings zweifelhaft, als im selben Jahr eine Untersuchung Hinweise für eine Gras-Ernährung lieferte.

Heiße Spur im Kohlenstoff

Jedoch waren sich die Forscher aufgrund der nur zwei untersuchten Individuen unsicher, ob die Ergebnisse repräsentativ für die ganze Spezies sind. Die Gruppe um Thure Cerling untersuchte nun mit der selben Methode 22 zusätzliche Individuen, zwischen 1,9 und 1,4 Millionen Jahre alt - und kam zum gleichen Schluss.

Dazu untersuchten sie im besonders beständigen Zahnschmelz der Fossilien die Zusammensetzung von Kohlenstoff. Von Kohlenstoff gibt es verschiedene stabile Isotope - Atome mit gleichen chemischen Eigenschaften jedoch unterschiedlicher Masse. Neben dem verbreiteten Kohlenstoff-12 kommt auch ein geringer Teil von schwererem Kohlenstoff-13 vor.

Verschiedene Arten von Pflanzen reichern die beiden Isotope unterschiedlich an. Verantwortlich dafür sind verschiedene Arten von Photosynthese - der Vorgang bei dem Kohlenstoffdioxid mit Hilfe von Lichtenergie in organisches Material umgewandelt wird. Die meisten Pflanzen betreiben eine sogenannte C3-Photosynthese, bei dem als erstes Produkt ein Stoff mit drei Kohlenstoff-Atomen entsteht, dazu gehören die meisten Bäume und Sträucher. Dagegen betreiben viele tropische Gräser C4-Photosynthese, bei der zunächst ein Stoff aus vier Kohlenstoff-Atomen entsteht - als Anpassung an das trockene Klima.

Die beiden Photosynthese-Arten unterscheiden sich bezüglich der Aufnahme der Kohlenstoff-Isotope: C4 Pflanzen weisen so einen deutlich höheren Anteil an Kohlenstoff-13 auf als C3 Pflanzen.

Forscher schwenken um

Aufgrund dieser Unterschiede lässt sich auch nach Millionen von Jahren nachweisen, aus welcher Art von Pflanzen die Nahrung eines Tieres bestand. Das taten die Forscher jetzt mit Zahnschmelz-Proben der 22 Paranthropus boisei. Die Wissenschaftler errechneten eine durchschnittliche Ernährung von 77 Prozent C4-Biomasse - also Gräsern. Die individuellen Werte schwankten zwischen 61 und 91 Prozent.

Die Forscher verglichen dies mit anderen zu der Zeit lebenden Pflanzenfressern und fanden, dass die Werte der Paranthropus boisei denen von Grasfressern wie Pferden, Schweinen und Flusspferden sehr nahe kommen. Dagegen wurde bei Giraffen, bekanntlich mit einer Vorliebe für Baumzweige, ein deutlich höherer Wert von C3-Biomasse in der Nahrung berechnet. Daraus schließen die Anthropologen, dass Paranthropus boisei sich hauptsächlich von Gräsern ernährten - und diese Diät etwa eine halbe Million Jahre beibehielten. Unter Menschenaffen kommt diese Ernährungsweise ansonsten nicht vor.

Die neuen Ergebnisse scheinen nun zur Einigung über die früher umstrittene Diät von Paranthropus boisei zu führen. Katerina Harvati, Professorin für Paläoanthropologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen, an der Studie unbeteiligt, wertet die Ergebnisse als belastbar und findet die Ausweitung der Untersuchung auf andere Fossilien vielversprechend. Auch Anthropologe Ungar glaubt nun nicht mehr an seine Frucht-Diät: Er war an der neuen Studie ebenfalls nicht beteiligt, glaubt aber nun auch an eine Gras-Diät. Bereits 2010 hatte er mit einem der Autoren der vorliegenden Veröffentlichung in einer Studie eine Gras-Diät in Betracht gezogen.

Während bei der Frage nach der Ernährung langsam Übereinstimmung einzieht, muss wahrscheinlich die Ursache für das Aussterben der ehemals weitverbreiteten Art überdacht werden. Eine der Theorien dafür ist, dass sie von unseren Vorfahren, frühen Vertretern der Gattung Homo, verdrängt wurde. Doch immer wahrscheinlicher wird, dass Paranthropus boisei gar nicht mit den Urmenschen um Nahrung konkurrierte - sondern eher mit Zebras und Warzenschweinen.

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