Wie ein Hilfeschrei: Verzerrte Musik rüttelt uns wach

Schiefe Töne haben den Wachrüttel-Effekt, der Klang verzerrter Musik wirkt auf Menschen alarmierend. Wie Forscher berichten, ist die Wirkung mit Hilfeschreien im Tierreich vergleichbar, die als Notruf eingesetzt werden. Deren eindeutige Botschaft: Gefahr im Verzug.

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Musikalischer Missklang: Menschen verbinden Angst und Schrecken mit verzerrten Tönen

Hamburg - Das hört man nicht gern: Verzerrte, schräg klingende Musik rüttelt uns wach und löst Trauer und Ängste in uns aus. Sie habe einen ähnlichen Effekt wie Hilfeschreie im Tierreich, vermuten US-Forscher von der University of California in Los Angeles. Das Team um Daniel Blumstein experimentierte unter anderem mit Musikstücken, die verzerrte Klang-Sequenzen beinhalteten. Die Studie wurde online im Journal "Biology Letters" veröffentlicht.

Für die Untersuchung komponierten die Forscher mit Synthesizern zehn Sekunden lange Musikschnipsel. Darunter waren etwa solche, bei denen eine Sequenz entspannende Musik zu hören war, die dann abrupt in verzerrte Klänge überging. Andere Schnipsel bestanden ganz und gar aus ruhiger "Fahrstuhlmusik".

42 Studenten hörten sich die verschiedenen Stücke an und bewerteten sie. Sie fanden Schnipsel besonders wachrüttelnd, wenn Verzerrungen darin vorkamen. Außerdem verbanden sie diese Stücke eher mit negativen Emotionen wie Trauer und Angst.

Bekannt aus Funk und Fernsehn

Bei einem zweiten Durchgang des Versuchs wurden die gleichen 10-Sekunden-Stücke anderen Studenten in Verbindung mit Videos präsentiert. Die Videos zeigten belanglose Szenen - etwa Menschen, die umherlaufen oder einen Kaffee trinken. Nun verbanden die Studenten die verzerrte Musik zwar auch mit negativen Gefühlen, sie fanden sie aber nicht mehr wachrüttelnd.

Blumstein glaubt, dass der aufmerksamkeitserregende Effekt beim Hören von verzerrter Musik der Wirkung von Tier-Notrufen ähnelt. So würden etwa Murmeltiere verzerrte Schreie von sich geben, wenn Gefahr im Verzug sei und sie Artgenossen warnen wollen. Dass der Wachrüttel-Effekt im zweiten Teil des Versuchs nicht mehr eintrat, erklären die Forscher damit, dass im Video keine Gefahr sichtbar gewesen sei und die Klangwirkung so neutralisiert wurde.

Die besondere Wirkung musikalischer Klänge untersuchte auch ein Team kanadischer und deutscher Forscher. Sie bedienten sich der simplen Feststellung der Musikpsychologie: Langsame Moll-Stücke wirken ernster und trauriger, Lieder in Dur und einem hohen Tempo machen schnell fröhlich. Und: Die Hörer seien sich in der Regel nicht bewusst, wie diese Reize ausgelöst werden.

Die Forscher ermittelten, dass Pophits in den vergangenen fünf Jahrzehnten länger, langsamer und trauriger geworden sind. Zudem seien die "emotionalen Komponenten" der Songs heute vielschichtiger als in den sechziger Jahren.

"Dass die Lieder immer trauriger wirken, heißt aber nicht, dass wir nun alle mit hängenden Köpfen herumlaufen", sagt FU-Soziologe Christian von Scheve, der gemeinsam mit dem Torontoer Psychologen E. Glenn Schellenberg die Studie leitete. Selbst Krisenzeiten wie der Vietnamkrieg oder der 11. September hätten in den Billboard-Charts keine belegbare Phase von reinen Heul-Songs hervorgerufen, wohl aber längere und langsamere Lieder.

nik/dpa

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