Sie können sich schlecht konzentrieren, sind hibbelig und impulsiv: Die Zahl der Kinder, bei denen die Aufmerksamkeitsstörung ADHS diagnostiziert wird, steigt rasant. US-Forscher haben nun die Ergebnisse einer Untersuchung vorgestellt, bei der es sich nach Angaben der Wissenschaftler um die erste epidemiologische Langfrist-Studie zum Thema handelt. Sie zeige, dass ADHS nach der Kindheit keinesfalls einfach verschwindet, sondern für viele Betroffene auch im Erwachsenenalter eine schwere Belastung ist.
Das Team um William Barbaresi von der renommierten Harvard Medical School in Boston untersuchte insgesamt 5718 Kinder, die zwischen 1976 und 1982 in Rochester (US-Bundesstaat Minnesota) geboren wurden. 232 ADHS-Kinder nahmen bis zum Schluss an der Studie teil, im Durchschnitt waren sie dann 27 Jahre alt. Ein Drittel von ihnen war im Kindesalter wegen der Störung behandelt worden.
Im Fachmagazin "Pediatrics" dokumentieren die Forscher in der teilweise von der Pharmaindustrie finanzierten Studie drei wesentliche Zusammenhänge:
"Die Amerikaner sind uns voraus"
Barbaresi und seine Kollegen werben dafür, ADHS wie eine chronische Erkrankung zu betrachten. "Es ist besorgniserregend, dass nur eine Minderheit der Kinder mit ADHS das Erwachsenenalter erreicht, ohne unter ernsthaften Folgen zu leiden", heißt es in der Studie. Die Behandlung von Kindern müsse verbessert werden, ebenso wie die medizinische Langzeitbehandlung bis ins Erwachsenenalter.
Michael Rösler von der Universität des Saarlandes geht davon aus, dass die Situation in Deutschland sogar noch schlechter ist, da die Therapie der Störung in den USA weiter fortgeschritten ist: "Die Amerikaner sind uns da voraus." Erst seit den achtziger Jahren sei hierzulande bekannt, dass an ADHS erkrankte Kinder auch im Erwachsenenalter häufig noch unter der Störung litten.
"Noch nicht einmal jeder zehnte Betroffene erhält eine Behandlung", sagt Rösler. Normalerweise werde hierzulande ungefähr jeder Dritte mit einer psychischen Erkrankung behandelt. Verschiedene - allerdings weniger aufwendige - Untersuchungen hätten gezeigt, dass auch in Deutschland 60 Prozent der Kinder mit ADHS im Erwachsenenalter noch Symptome hätten.
Offen ist allerdings, ob ADHS im Kindesalter der Grund für psychische Störungen im Erwachsenenalter ist, oder ob beides von gemeinsamen Ursachen begünstigt wird. Experten sprechen hier vom Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation. Zudem warnen Kritiker immer wieder vor einer Dramatisierung der Lage: Zahlreiche ADHS-Diagnosen könnten schlicht falsch sein und das Bild verzerren. Allzu oft werde bei Kindern ein Verhalten, das in einem bestimmten Alter nicht ungewöhnlich sei, als ADHS interpretiert. Unnötige Therapien unter Einsatz von Medikamenten steigerten die Gefahr, Kindern Schäden zuzufügen.
jme/dpa
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