Viren-Versand Spanische Grippe kommt per Post

Erst vor wenigen Wochen haben US-Forscher den Erreger der Spanischen Grippe wiederbelebt. Jetzt wollen sie das Virus, das 1918 bis zu 50 Millionen Menschen getötet hat, an andere Labore verschicken - per Paketdienst.


Es war eine wissenschaftliche Glanzleistung, die selbst unter Experten Furcht vor einer Katastrophe auslöste. Im Herbst 2003 haben US-Forscher in einem Militärlabor den Erreger der Spanischen Grippe rekonstruiert, die 1918 in aller Welt wütete und bis zu 50 Millionen Todesopfer forderte. Vor zwei Monaten hat das Team um Jeffrey Taubenberger seine Ergebnisse veröffentlicht - und erntete von Forschern Lob, aber auch harsche Kritik.

Influenzaviren: Spanische Grippe kommt per Post

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Das Virus wird seitdem von den Centers for Disease Control (CDC) behütet. Die US-Seuchenbehörde hatte zunächst beteuert, den H1N1-Erreger nicht an andere Labore herauszugeben. Nur ein Wissenschaftler besitze streng reglementierten Zugang zu dem Erreger, hieß es.

Doch diese Zusage gilt offenbar nicht mehr: Wie das Forschungsmagazin "Nature" jetzt berichtet, will die Behörde das Virus nun an fremde Laboratorien schicken - per Paket, durch private Frachtunternehmen. Prinzipiell könnten alle Einrichtungen, die über eine entsprechende Sicherheitseinstufung verfügen, den Erreger bestellen.

CDC-Sprecher Von Roebuck hat laut "Nature" bestätigt, dass der Erreger der Spanischen Grippe seit dem 20. Oktober auf der Liste der zu versendenden Viren stehe. Für eine Lieferung kämen alle Labore in Frage, die mindestens über Sicherheitslevel 3 verfügten. Bei Sicherheitsstufe 4, der höchsten Einstufung, müssen Wissenschaftler dem Bericht zufolge Ganzkörperanzüge tragen. Mitarbeiter von Level-3-Laboren müssen Atemmasken tragen und vor dem Verlassen der Einrichtung duschen.

Folgen einer Freisetzung unklar

Roebuck betonte, dass bislang noch kein Labor das rekonstruierte Virus angefordert habe. Das Interesse unter Forschern dürfte aber ausgeprägt sein - ebenso wie die Angst vor einer Freisetzung des extrem aggressiven Erregers. Jens Kuhn von der Harvard Medical School etwa sagte, dass das Virus niemals hätte rekonstruiert werden sollen. Je mehr Menschen und Einrichtungen mit ihm arbeiteten, desto größer sei die Gefahr einer Freisetzung.

Unklar ist, was in einem solchen Fall geschehen würde. Manche Forscher warnen vor einer weltweiten Seuche mit vielen Toten, andere halten das H1N1-Virus für weniger gefährlich. Der Influenza-Impfstoff, der jährlich von der Weltgesundheitsorganisation neu aufgelegt und von Ärzten weltweit verabreicht wird, enthält zwar auch einen H1N1-Anteil. Ob der aber eine Seuche verhindern würde, ist fraglich.

"Es handelt sich in diesem Fall um einen sogenannten Totimpfstoff", erklärt Lothar Wieler, Mikrobiologe an der Freien Universität Berlin. "Er enthält nur die Proteine, nicht aber das Erbgut des Virus, so dass es sich nicht vermehren kann."

Viren-Versand alltäglich

Das sei zwar sicherer als die Verabreichung eines Lebendimpfstoffs, führe aber auch dazu, dass die T-Zellen des Immunsystems kaum aktiviert würden. Gerade sie sind aber für das "Gedächtnis" des Immunsystems wichtig, erläutert Wieler. "Es ist deshalb äußerst fraglich, wie gut der H1N1-Anteil im jährlichen Impfstoff vor einer lebensfähigen Version des Erregers schützen würde." Ähnlich äußerte sich vor kurzem auch Georg Pauli vom Berliner Robert-Koch-Institut im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Laut "Nature" soll das kanadische National Microbiology Laboratory in Winnipeg demnächst Konstrukte mit der DNA des H1N1-Virus erhalten. Frank Plummer, Wissenschaftsdirektor des Labors, betonte, dass der Versand von Viren wie etwa Ebola alltäglich sei. Zudem würden die Erreger in mehrfach gesicherten Behältern transportiert, die sogar schon Flugzeugabstürze überlebt hätten. "Sie sind sehr, sehr sicher", sagte Plummer.

Der Berliner Forscher Wieler zeigte sich derweil nicht überrascht davon, dass die CDC-Forscher den Erreger der Spanischen Grippe nun doch verschicken wollen: "Mit der Rekonstruktion war das Virus auf dem Markt." Die Eröffnung des Postversands sei nur eine Frage der Zeit gewesen. Wieler: "Wer A sagt, muss auch B sagen."

Markus Becker

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