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Virusinfektion: Bundesregierung befürchtet weltweite Ausbreitung der Schweinegrippe

In den USA steigt die Zahl der Infektionen, in Europa gibt es neue Verdachtsfälle: Der Schweinegrippe-Erreger A/H1N1 hat sich in weiteren Ländern ausgebreitet. Gesundheitsministerin Schmidt schließt eine weltweite Erkrankungswelle nicht mehr aus, sieht Deutschland aber gut gerüstet.

Genf - Wird sich die in Mexiko aufgetretene Schweinegrippe weltweit ausbreiten? Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt schließt dies nicht aus. "Dieses Risiko kann heute niemand genau kalkulieren. Es kann eine weltweite Grippewelle geben. Ich mache mir Sorgen, hoffe aber, dass meine Sorgen grundlos bleiben", sagte die SPD-Politikerin der "Bild"-Zeitung.

"Wir sind gut vorbereitet. Bund und Länder, Ärzte, Krankenhäuser und Rettungsdienste wissen genau, was sie im Ernstfall zu tun haben. Es gibt einen ausgearbeiteten Pandemieplan, der auch funktioniert, wie die Abstimmung der letzten Tage zeigt."

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erhöhte wegen des erheblich verschärften Risikos für eine weltweite Ausbreitung der Krankheit indes ihre Alarmstufe. Ab sofort gelte Alarmstufe 4 statt bisher Alarmstufe 3, sagte der amtierende WHO-Generaldirektor für Gesundheitssicherheit und Umwelt, Keiji Fukuda, in Genf nach einer Sondersitzung einer Expertengruppe.

Die Erhöhung auf die vierte Alarmstufe zeige, dass das Risiko einer Pandemie, also einer sich über Ländergrenzen hinweg ausbreitenden Infektionskrankheit, bedeutend gewachsen sei. "In einem Zeitalter, in der die Menschen mit Flugzeugen so schnell die ganze Welt bereisen, gibt es keine Region, in die sich der Virus nicht ausbreiten könnte", warnte Fukuda. Reisebeschränkungen würden aber wenig nützen.

Dennoch rieten Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou ebenso wie die US-Regierung von nicht unbedingt notwendigen Reisen nach Mexiko ab.

Ein Verdacht auf Schweinegrippe in Deutschland bestätigte sich zunächst nicht. Wie die Stadt Bielefeld am Montagabend mitteilte, fiel ein Schnelltest bei zwei Mexiko-Reisenden negativ aus. Aus Sicherheitsgründen sollte es weitere Tests geben, detaillierte Laborergebnisse sollten Dienstagnachmittag vorliegen. Berichte über drei angebliche Verdachtsfälle in Bielefeld hätten nicht bestätigt werden können, teilte die Stadt weiter mit.

In Spanien jedoch wurde nach Angaben des Gesundheitsministeriums das Schweinegrippe-Virus bei einem 23-Jährigen nachgewiesen, der kürzlich von einer Reise aus Mexiko zurückgekehrt war. Weitere 26 Verdachtsfälle, alle Mexiko-Rückkehrer, stünden unter Beobachtung.

In Großbritannien waren zwei Menschen, die aus Mexiko zurückgekehrt waren, infiziert, wie das schottische Gesundheitsministerium mitteilte. Die beiden Patienten im schottischen Airdrie seien aber auf dem Weg der Besserung. Verdachtsfälle in Europa wurden noch in Frankreich, Irland, Schweden, Dänemark, Tschechien und in der Schweiz überprüft. Bei sechs Patienten in Belgien wurde der Verdacht ausgeräumt.

In Mexiko stieg die Zahl der mutmaßlich an Grippe Gestorbenen laut Gesundheitsminister José Angel Córdova auf 149. Bei 20 Toten wiesen die Behörden den Erreger A/H1N1 bereits nach. Mehr als 1600 Menschen wurden den Angaben zufolge wegen mutmaßlicher Schweinegrippe behandelt. Die Regierung ordnete die Schließung aller Schulen und Universitäten bis zum 6. Mai an. Córdova erklärte, dass die Schweinegrippe mittlerweile offenbar ein wenig an Gefährlichkeit verliere. So seien am Samstag sechs Todesfälle gemeldet worden, die vermutlich auf die Schweinegrippe zurückzuführen sind, am Sonntag fünf und am Montag drei Todesfälle.

Der Erreger breitete sich unterdessen auch in weiteren Ländern aus. In den USA stieg die Zahl der bestätigten Schweinegrippe-Fälle auf 44, nachdem aus Kalifornien vier weitere Infektionen gemeldet wurden. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden war kein Patient ernsthaft gefährdet. US-Präsident Barack Obama sagte, der Ausbruch in fünf US-Bundesstaaten sei "beunruhigend", rief aber zur Ruhe auf. In Kanada wurden sechs Schweinegrippe-Fälle nachgewiesen.

Weitere Verdachtsfälle gab es in Israel, Peru, Chile, Kolumbien, Neuseeland, Australien und Südkorea. Venezuela und die Dominikanische Republik riefen vorsorglich einen Gesundheitsnotstand aus.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.

jjc/AFP/dpa

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