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Völkerwanderung: Sturm der Barbaren

Von Andreas Laschober

Während der Völkerwanderung wanderten Völker - so die landläufige Auffassung. Historiker zeichnen heute ein viel genaueres Bild jener Epoche. Sie war das Ende des weströmischen Reichs und stellte in Europa die Weichen Richtung Mittelalter.

Der große Sturm beginnt bereits mit einem Chaos. Auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien drängen sich 376 n. Chr. Tausende verzweifelte Goten vor der Grenze des Römischen Reichs. Was für die Fürsten der Barbaren bis dahin undenkbar war, ist nun bittere Realität: Ihre Gesandten bitten flehentlich um Einlass in die Provinzen Moesien und Thrakien.

Sich dem Imperium zu unterwerfen, scheint den Fremdlingen das geringere Übel zu sein. Denn in ihrem Rücken stehen die Hunnen, drohen Hungersnöte und der Tod. Vor wenigen Jahren erst sind diese Reiterkrieger aus den weiten Steppen Asiens vorgedrungen und haben auf ihrem Zug nach Westen das gotische Reich nördlich des Schwarzen Meers vernichtet. Der römische Herrscher Valens, Kaiser im Osten von 364 bis 378, steht vor einer schweren Entscheidung. Wie jeder gebildete Römer weiß er: Als im Jahr 110 v. Chr. die germanischen Stämme der Kimbern und Teutonen in der Gegend der Ostalpen vor Roms Grenzen standen und ähnlich wie jetzt die Westgoten Siedlungsgebiet auf römischem Boden forderten, wurden sie von den Legionen des Imperiums sofort bekämpft und letztlich ausgelöscht.

Europa im Jahr 526 n. Chr.: Von den vielen germanischen Reichen, die mit dem Untergang Westroms (476) entstanden, hatte letztlich nur das fränkische Bestand. Unter Karl dem Großen wurde es im 8. Jahrhundert zum Fundament des mittelalterlichen Europa.
epoc / EMDE-Grafik

Europa im Jahr 526 n. Chr.: Von den vielen germanischen Reichen, die mit dem Untergang Westroms (476) entstanden, hatte letztlich nur das fränkische Bestand. Unter Karl dem Großen wurde es im 8. Jahrhundert zum Fundament des mittelalterlichen Europa.

Seitdem sind aber beinahe fünf Jahrhunderte vergangen - und vieles am Umgang zwischen Römern und Fremdlingen hat sich geändert. Längst kämpfen germanische Söldner für Rom, oft genug gegen eigene Stammesgenossen.

An den Grenzen zur Germania Magna, rechts des Rheins und nördlich der Donau, blüht der Handel zwischen den römischen Garnisonen und den Einheimischen. Klingende Münze ersetzt immer öfter das blanke Schwert; vor allem das römische Gallien wird zum Integrationsraum, in dem Barbaren Zugang zu den Lebensformen des Imperiums finden. Doch ganz vergessen hat Rom die Begegnungen mit den Kimbern und Teutonen nie. Eine sonderbare Mischung von Furcht auf der einen und Überheblichkeit auf der anderen Seite blieb die grundlegende Haltung allen Barbaren gegenüber.

Nach wie vor gefällt es Rom, wenn sich die Wilden in Stammeskriegen selbst aufreiben. So hatte Tacitus bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. beschworen: "Es bleibe, so flehe ich, und bestehe fort bei diesen Völkern, wenn nicht Liebe zu uns, so doch gegenseitiger Hass; denn bei dem lastenden Verhängnis des Reichs kann das Geschick nichts Besseres mehr darbieten als die Zwietracht der Feinde."

Und nach wie vor zeigt Rom allen Barbaren, die sein Territorium gefährden, die Grenzen der Koexistenz mit militärischer Gewalt auf. Denn keiner soll sich anschicken, uneingeladen an den Segnungen des römischen Lebens teilhaben zu wollen. Doch auch Rom wurde von den Barbaren in die Schranken gewiesen. Versuche, seinerseits die Grenzen des Reichs bis an die Nordsee auszuweiten, scheiterten ein für alle Mal 9 n. Chr. im Teutoburger Wald, als Heerführer Varus drei Legionen gegen den Cherusker Arminius in den Untergang führte. Bestehende Grenzen wurden gegen jeden Eindringling unerbittlich verteidigt.

Nun steht also eine riesige Gruppe potenzieller Unruhestifter auf der Flucht vor den Hunnen an der Donau und bittet um Aufnahme ins Reich. Schließlich öffnet Valens die Grenzen für die Goten. Sie sollen zunächst entwaffnet, versorgt und schließlich als Unterworfene in Thrakien angesiedelt werden. Den Status von wehrpflichtigen Bauern will Valens den Goten zugestehen und erhofft sich davon Verstärkung für die eigenen Truppen; schließlich gibt es auch in seinem Reich für die Hunnen viel zu holen.

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