Vogelgrippe auf Rügen Behörden fühlen sich überfordert

Das Amt Nordrügen schlägt Alarm. Zum Einsammeln toter Vögel stünden nur vier Mitarbeiter und ein Auto zur Verfügung, hieß es. Deshalb sollen jetzt Land und Bund im Kampf gegen die Vogelgrippe helfen. Auch der Einsatz von Arbeitslosen zum Bergen toter Tiere wird erwogen.


Schwerin - Nach den ersten Vogelgrippe-Fällen auf der Insel Rügen zeigt sich, dass die Behörden vor Ort die Gegenmaßnahmen kaum aus eigener Kraft bewältigen können. Karl-Heinz Walter, Leiter des Amtes Nordrügen, hat deshalb Unterstützung vom Kreis, vom Land und vom Bund angefordert. Zum Einsammeln der zahlreichen toten Vögel stünden nur ein Fahrzeug und vier Mitarbeiter zur Verfügung, sagte er.


Weil es an Helfern zum Einsammeln der Kadaver mangelt, will die Kreisverwaltung Rügen auch Arbeitslose rekrutieren. Man habe bereits mit den Arbeitsagenturen Kontakt aufgenommen, sagte eine Sprecherin der Verwaltung. Auch der Krisenstab sei um Unterstützung gebeten worden.

Bärbel Höhn (Grüne) kritisierte Vorgehen der Rügener Behörden. Die Vorsitzende des Verbraucherschutz-Ausschusses des Bundestags sagte im ZDF, das Anlaufen der Maßnahmen am Dienstagabend sei missglückt.

Sie wies darauf hin, dass am Fundort der infizierten Schwäne weitere tote Tiere erst am Mittwochnachmittag eingesammelt wurden. "Es kann nicht sein, dass möglicherweise infizierte Tiere dort über längere Zeit herumliegen."

Nahe des Fundorts der infizierten Schwäne an der Wittower Fähre waren auch am Donnerstagmorgen noch mehrere verendete Vögel auf dem Eis unweit des Ufers zu sehen. Die Kadaver waren laut Augenzeugen weiter frei zugänglich. 

Die Rügener Kreisverwaltung und das Schweriner Landwirtschaftsministerium räumten Fehler im Kampf gegen die Vogelgrippe ein. Angesichts der seit Monaten bekannten Bedrohung hätte eher reagiert werden müssen, erklärten sie heute.  

H5N1-Infektion bestätigt

Das Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit bestätigte heute, dass es sich bei dem in toten Vögeln gefundenen Virus um die auch für Menschen gefährliche Variante H5N1 handelt.  In den toten Schwänen auf Rügen war bereits in Schnelltests das Virus nachgewiesen worden. Mit den Ergebnissen der detaillierten Untersuchungen besteht nun endgültige Gewissheit, dass die Seuche Deutschland erreicht hat, sagte der Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer in Berlin.

Der Amtsbezirk Nordrügen misst nach Angaben seines Leiters rund 600 Quadratkilometer und hat zahlreiche Wasserflächen. Rügen ist von Boddengewässern zerschnitten und hat deshalb besonders lange Küstenlinien. Hinzu kommen lange, teils schwer zugängliche Küstenabschnitte mit Steilufer und unübersichtliche Schilffelder. Walter hat deshalb um die Entsendung eines Hubschraubers gebeten, der beim Auffinden toter Vögel helfen soll. Er schätzte, dass mindestens noch 100 Kadaver zu bergen seien.

Vogelgrippe
Infografik:
Die globale Ausbreitung der Vogelgrippe

"Wenn das so weiter geht, sind wir noch nächste Woche oder in 14 Tagen damit beschäftigt", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. In viele Bereiche seien die Bergungskräfte noch gar nicht vorgedrungen. Zudem meldeten zahlreiche Urlauber telefonisch tote Tiere, könnten die Fundorte aber nur ungenau lokalisieren.

Die Schweriner Landesregierung will zusätzliche Tierärzte auf die Insel entsenden. Sie sollen die Behörden bei den Untersuchungen der Geflügelbestände unterstützen.

Bei Kontakt mit mit möglicherweise an Vogelgrippe erkrankten Vögeln müssen strenge Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Notwendig seien ein Einwegoverall mit Kapuze, Gummistiefel, Handschuhe, Schutzbrillen und spezielle Atemschutzmasken, sagte Stefan Dreller vom Berufsgenossenschaftliche Institut für Arbeitsschutz. Viele sogenannte OP-Masken gewährten keinen ausreichenden Schutz, betonte Dreller und verwies auf eine aktuelle Studie des Institutes. "Es gibt gute und schlechte OP-Masken. Viele derartige Masken erfüllen die Mindestanforderungen nicht."

hda/dpa/AFP



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