Vogelgrippe-Gefahr Freibrief für Tauben

Wegen H5N1 in Deutschland muss Geflügel in die Ställe. Nur Tauben sind von der ab heute geltenden Stallpflicht ausgenommen. Forscher sehen keinen Anlass, Stadttauben zu vergiften - selbst wenn diese infiziert wären. Nur Züchter halten ihre teuren Zuchttiere lieber freiwillig unter Verschluss.


Weil bei mittlerweile 13 toten Vögeln von der Insel Rügen der gefährliche Tierseuchen-Erreger H5N1 festgestellt wurde, stehen gefiederte Nutz- und Haustiere ab heute bundesweit unter Hausarrest. Hühner, Truthühner, Perlhühner, Rebhühner, Fasane, Wachteln, Enten, Gänse und Laufvögel dürfen nicht mehr im Freien gehalten werden. Aber was ist mit jenen Vögeln, die wenigstens Stadtbewohner am häufigsten zu Gesicht bekommen, mit Tauben?

Taube in der Innenstadt von Karlsruhe: Als "Ratte der Lüfte" geschmäht, aber kein Überträger für Vogelgrippe
DPA

Taube in der Innenstadt von Karlsruhe: Als "Ratte der Lüfte" geschmäht, aber kein Überträger für Vogelgrippe

Sind Tauben in Innenstädten eine Gefahr, fragten viele besorgte Leser. Marie-Louise Dittmar, Sprecherin von Verbraucherschutzminister Horst Seehofer, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Tauben sind von der Eilverordnung nicht betroffen." Grundlage dafür seien aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.

Forscher am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Ostseeinsel Riems hatten herausgefunden, dass Tauben für die Vogelgrippe deutlich weniger empfänglich sind als andere Vögel. Die weit verbreitete Behauptung, dass die Tiere immun dagegen seien, gilt jedoch nicht mehr.

Nicht immun aber auch nicht ansteckend

Die Wissenschaftler überprüften es im Labor: Vor drei Jahren konnte ein Vogelgrippe-Erreger des Typs H7N7 einer Gruppe Tauben nichts anhaben. In ihrem Blut fanden sich sowohl Antikörper als auch geringe Mengen H7N7-Viren, die Tiere waren also infiziert. Dennoch steckten die Tauben keine Hühner an, zu denen sie direkten Kontakt hatten.

Dasselbe Experiment hat man dieses Jahr mit dem gefährlichen H5N1-Virus wiederholt: Rund ein Drittel der infizierten Tiere erkrankte, drei von sechzehn starben. 

Besonders interessierte Ortrud Werner, die wissenschaftliche Direktorin des nationalen Referenzlabors für Vogelgrippe, eine mögliche Übertragung: Im Kot der kranken Tiere fanden sich nur geringe Mengen des Virus. Keines der Hühner, die damit in Kontakt kamen, steckte sich mit H5N1 an.

Die Wissenschaftlerin erklärte, dass das Verbreitungsrisiko für Geflügelbestände "auf der Basis der bisherigen Daten als gering eingeschätzt wird". Ein Infektionsrisiko durch Tauben für Menschen sei nahezu ausgeschlossen.

Taubenhalter wollen Tiere freiwillig einsperren

Dennoch mahnt Harald Köhnemann, der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Rassetaubenzüchter, die Mitglieder zu erhöhter Vorsicht. Züchter sollten beim Fliegenlassen der Tiere "zurückhaltend" agieren, sagte er. Obwohl sie nicht unter die offizielle Stallpflicht fielen, sollten Zuchttauben möglichst selten aus ihren Käfigen und Volieren herausgelassen werden. Schließlich kehrten in den nächsten Wochen die Zugvögel aus ihren Winterquartieren zurück, erklärte Köhnemann. Auch wenn Tauben an dem Virus nicht erkrankten, könnten sie zum Beispiel den Kot von infizierten Tieren an ihren Krallen weiter tragen und so für eine Ausbreitung des Virus sorgen.

Zuchttauben sind ihren Haltern nicht nur lieb, sondern oft auch teuer: Begehrte Tiere erzielen bei Auktionen vierstellige Preise. Besonders edle Tauben wechselen gar für sechsstellige Beträge den Besitzer. Ein solches Tier lässt man in Zeiten einer Tierseuche nicht leichtfertig fliegen.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Stadttauben hingegen, oft als "Ratten der Lüfte" geschmäht, kann dergleichen Sorgfalt nicht angedeihen. Sollte aufgrund neuer Befunde die Stallpflicht einmal auf ihre edlen Artgenossen ausgebreitet werden, droht ihnen Übles. Das Tierseuchengesetz biete die Möglichkeit bei "Gefahr im Verzug, Tauben oder andere potentielle Krankheitsüberträger zu bekämpfen", betont die Vogelgrippe-Forscherin Werner.

stx/ddp/dpa



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