Vogelgrippe: Hubschrauber suchen nach Tierkadavern

Hubschrauber kreisen über Schilfgürteln, Sperrzonen werden eingerichtet: Inzwischen sind vier Bundesländer von der Vogelgrippe betroffen. Die in Frankreich infizierten Puten sollen sich über Stroh angesteckt haben.

Berlin - Nach Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg wurden heute die ersten zwei Vogelgrippe-Fälle in Brandenburg gemeldet. Ob der Höckerschwan und die Ente allerdings mit der besonders gefährlichen Asia-Variante des Erregers H5N1 infiziert sind, steht noch nicht fest. Die Wildvögel wurden in der Nähe der Stadt Schwedt im Landkreis Uckermark an der polnischen Grenze gefunden.

Unteruhldingen am Bodensee: Ein verendeter Kormoran wird geborgen
DPA

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Damit stieg die Zahl der in Deutschland identifizierten Fälle auf 119, davon 114 in Mecklenburg-Vorpommern. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck mahnte zur Besonnenheit und kündigte für Sonntag einen Besuch in der Uckermark an. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Drei Kilometer im Umkreis der Fundstellen wurden zum Sperrgebiet erklärt, zudem richteten die Behörden einen zehn Kilometer großen Beobachtungskreis ein, der auch polnisches Territorium erfasst. Zum Kreis Uckermark gehört auch der Nationalpark Unteres Odertal mit seinem reichen Vogelbestand.

Platzeck erklärte, angesichts der seit Wochen und Monaten zu beobachtenden Entwicklung sei das Auftreten der Seuche in Brandenburg nur eine Frage der Zeit gewesen. Die Ministerien und die örtlichen Behörden hätten die Zeit gut genutzt. "Die Tierseuche trifft uns nicht unvorbereitet", erklärte Platzeck.

In Mecklenburg-Vorpommern wurde bei drei weiteren Vögeln die Seuche nachgewiesen. Auf Rügen, in Schleswig-Holstein und am Bodensee ging die Suche nach verendeten Vögeln weiter. Hubschrauber, Wasserschutzpolizei und Feuerwehrleute an Land sind im Einsatz.

Die Vogelgrippe
Virus
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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Verteidigungsminister Franz-Josef Jung informierte sich auf Rügen über den Einsatz der Bundeswehr. Seit Anfang der Woche hätten die Soldaten über 2800 Vögel eingesammelt, von denen mehr als 2300 getestet worden seien, sagte der CDU-Politiker. Inzwischen hätten auch Hubschrauber von Polizei und Bundeswehr sämtliche Küstenabschnitte und Boddengewässer auf der Suche nach toten Tieren abgeflogen. An ihrer Bergung werde mit Hochdruck gearbeitet. Erschwert würden die Arbeiten immer wieder durch das Eis.

Die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn warf den deutschen Behörden eine Mitschuld bei der schnellen Ausbreitung der Vogelgrippe vor. Weil tagelang auf Testergebnisse gewartet worden sei, seien die notwendigen Vorkehrungen unterblieben, sagte sie der "Welt am Sonntag".

Unterdessen wurde der Vogelgrippe-Erreger erstmals auf einer Geflügelfarm in der Europäischen Union nachgewiesen. Auf der betroffenen Putenfarm im Osten Frankreichs waren 400 Tiere an der Vogelgrippe verendet. Der Rest der 11.000 Tiere sei getötet worden, teilten die Behörden mit.

Die Puten sind vermutlich über Stroh mit dem H5N1-Virus infiziert worden, das mit Kot von kranken Enten verdreckt war. Das Stroh des Putenzüchters in Versailleux im Departement Ain werde im Freien aufbewahrt und nur durch ein Dach vor Regen geschützt, sagte ein Sprecher der Gendarmerie. So sei es möglich, dass an Vogelgrippe erkrankte Enten in das Stroh gelangt sein könnten, fügte der Sprecher unter Verweis auf die Ermittlungen der Veterinäre hinzu.

in Baden-Württemberg, wo gestern der H5N1-Erreger in einer toten Tafelente festgestellt wurde, erklärte Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU), dass vor allem das Überspringen des Erregers vom Wild- auf das Hausgeflügel verhindert werden müsse. Die 19 Geflügelhalterbetriebe im Sperrbezirk dürfen drei Wochen lang kein Geflügel, Fleisch und Eier sowie Vögel anderer Arten herausbringen oder erhalten. Die Trinkwasser-Versorgung der 2,5 Millionen Menschen, die ihr Wasser vom Grund des Bodensees erhalten, ist laut Hauk nicht gefährdet. Das Wasser werde wie üblich mit Chlor und Ozon gereinigt, Krankheitserreger blieben im Sandfilter hängen.

Hauk rechnet nach eigenem Bekunden damit, dass in den kommenden Wochen vermehrt tote Wasservögel gefunden werden, wenn die Zugvögel an den Bodensee zurückkehren. "Es besteht ein gewisses Risiko, dass Zugvögel auf ihrer Route aus Afrika das Virus zu uns bringen könnten", sagte er.

Die EU-Kommission kündigte für betroffene Landwirte finanzielle Unterstützung an. Die Hälfte der Kosten für die Vernichtung getöteter Nutztiere sowie für Reinigung und Desinfizierung der Ställe könne von der EU-Kasse übernommen werden, sagte ein Behördensprecher. Auch den Ankauf gesunden Geflügels aus den Schutzzonen um einen betroffenen Betrieb, aus denen keine Tiere ausgeführt werden dürfen, würde die EU zur Hälfte übernehmen. Den Rest der Kosten müssten in solchen Fällen die jeweiligen Mitgliedstaaten übernehmen.

cvo/reuters/ap/dpa/ddp

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