Vogelgrippe: Impfkampagne könnte fatal sein

Europa streitet über die Reaktion auf die Vogelgrippe: Wie sieht der Kompromiss zwischen Wirtschafts- und Biobauern-Interessen aus? Impfen oder Keulen? Eine Impfkampagne könnte verheerende Folgen haben - denn heutige Seren helfen dem H5N1-Virus, sich unbemerkt auszubreiten.

Im Herbst gehen viele Deutsche zum Hausarzt, um sich gegen Grippe impfen zu lassen. Seit die gefährliche Tierseuche in Deutschland angekommen ist, erwägen Frankreich und die Niederlande jetzt dasselbe für ihre Geflügelbestände. Doch die Impfung verspricht eine trügerische Sicherheit: Experten befürchten, dass sie die Ausbreitung von H5N1 in Europa sogar noch begünstigen würde.

Hähne auf Geflügelhof: Geimpfte Tiere dienen dem Virus zur Maskerade
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Hähne auf Geflügelhof: Geimpfte Tiere dienen dem Virus zur Maskerade

Franzosen und Niederländer haben bereits entsprechende Anfragen bei der EU-Kommission eingereicht, wie ein EU-Sprecher in Brüssel bestätigte. In Den Haag sagte der niederländische Landwirtschaftsminister Cees Veerman, man habe beantragt, zunächst die Hühner von Hobbyzüchtern zu impfen. Anschließend solle ein Plan für die Freilandhühner kommerzieller Betriebe vorgelegt werden. Es handelt sich dabei um rund 5,5 Millionen Tiere. In Frankreich sollen zunächst freilaufende Gänse im Westen des Landes geimpft werden.

Doch die scheinbar nahe liegende Lösung birgt gleich mehrere schwerwiegende Nachteile. "Mein Problem mit dem Impfstoff ist, dass er die Infektion nicht verhindert", sagt Hafez Mohamed Hafez, Leiter des Instituts für Geflügelkrankheiten an der Freien Universität Berlin, zu SPIEGEL ONLINE. Zwar schütze das Serum Geflügel davor, an Vogelgrippe zu erkranken und zu sterben. "Aber geimpfte Tiere können sich eben auch noch infizieren und das Virus ausscheiden", sagt Hafez. Mit anderen Worten: selbst geschützt aber eine Ansteckungsgefahr für andere.

Geimpfte Tiere können das Virus weiterverbreiten

Auch in Deutschland wären besonders Biobauern bereit, dieses Risiko einzugehen: Die Stallpflicht zwingt sie zu einer Haltungsform, die ihrer Überzeugung und ihren Qualitätsstandards widerspricht. Großbetriebe hingegen fürchten sich vor Massentötungen, wie sie automatisch auf jeden Infektionsfall auf einem Hof folgen. Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner hat bereits vorgerechnet, dass sich die Einnahmeausfälle im Extremfall auf mehrere Hundert Millionen Euro summieren könnten.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Bis vor kurzem galten solche Argumente nicht. "Bislang gab es die Haltung, dass wir uns bei Vogelgrippe verabschieden", sagt Experte Hafez. "Das heißt Keulung des gesamten Bestandes gleich nach dem ersten Auftreten des Virus'." Das war EU-weit verbindlich. Impfungen waren nur erlaubt, um die unmittelbare Verbreitung in einem Bestand einzudämmen - der dann aber auch getötet werden musste.

Doch eine neue EU-Richtlinie (Direktive 2005/94/EC) hat das Prozedere flexibilisiert. Sie ist gerade einmal zwei Monate alt und stellt die Entscheidung weitgehend ins Belieben der Mitgliedsstaaten. Am Montag trifft sich der EU-Agrarrat.

"Impfung ist keine Lösung", hatte Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer noch vergangen Mittwoch im Bundestag erklärt. Dass er in Brüssel keine geschlossene Zustimmung der Partner hören wird, ist  bereits jetzt klar. In Anbetracht des aufziehenden Streits ist es wahrscheinlich, dass ein Bauer impfen wird, während wenige Hundert Meter weiter jenseits der Grenze die Keulkommandos anrücken.

Lehren der letzten Geflügelpest

Drei Jahre ist es her, seit in den Niederlanden eine Vogelgrippe-Epidemie wütete. Das Virus vom Typ H7N1 war für Menschen weniger gefährlich als H5N1, doch für Geflügel war H7N1 eine Seuche. Die Niederländer reagierten damals prompt und töteten 30 Millionen Tiere. Bis heute macht das Virus dort keine Probleme mehr. In Italien hingegen impfte man 2003 einige Bestände. "Bis heute kann man nicht sagen, dass sie virusfrei sind", sagt Hafez. Auch ein Ausbruch in Deutschland konnte durch Massenschlachtungen eingedämmt werden.

Der trügerische Schutz, den die Impfung verspricht, bringt auch einen wirtschaftlichen Nachteil mit sich: Fleisch und Eier von geimpftem Geflügel lassen sich nicht exportieren. Schon, weil die Kontrollen so aufwendig sind.

Um geimpfte von infizierten Tieren überhaupt unterscheiden zu können, impfte man bisher Geflügel mit der abgeschwächten Variante eines anderen Erregers. Die Italiener nahmen H7N3. Fachleute sprechen vom "Marker": Das Immunsystem war vor allen H7-Varianten geschützt, die Tierärzte erkannten aber am N3, dass kein Killervirus, sondern ein Serum für die Antikörperbildung verantwortlich war. Wenigstens theoretisch.

Doch das Problem ist, dass der Unterschied im Protein Neuraminidase - nach dem das N seine Nummer erhält - im Labor nur schwer festgestellt werden kann. "Die Untersuchungsämter sind nur darauf eingestellt, Influenza festzustellen. Die genaue Variante wird erst in den Labors auf der Insel Riems oder im EU-Referenzlabor in England bestimmt", sagt Hafez. Ein Verfahren, das Tage in Anspruch nimmt.

Angst vor heimlicher Ausbreitung

"Die Impfung maskiert das Virus", sagt der Experte. Epidemiologen fürchten sich genau davor: Dass das hochgefährliche H5N1 sich unbemerkt in geimpften Beständen ausbreiten kann. Wie ein Ping-Pong-Ball könnten Infektionen dann zwischen Wild- und Nutztieren hin- und zurückspringen, wie es heute schon in Teilen Südostasiens der Fall ist. Ein Virus, das ein solches Reservoir findet, gilt als nicht mehr ausrottbar.

Bis ein neuer Impfstoff verfügbar ist, werden nach Meinung von Experten noch mindestens zwei bis drei Jahre vergehen. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran", sagte der Präsident des Bundesforschungsinstitutes für Tiergesundheit, Thomas Mettenleiter. Im Friedrich-Loeffler-Insitut (FLI) werden sogenannte rekombinante Seren entwickelt. Weltweit arbeiten Wissenschaftler an solchen Medikamenten. Bei ihnen wäre der Marker-Effekt viel leichter zu erkennen - und sie könnten durch einfaches Versprühen schnell in großen Tierbeständen verteilt werden. "Bislang muss man noch jedes Tier einzeln anfassen", sagt der Veterinär Hafez.

Dennoch: Die Nachbarstaaten wollen die Impfung. Falls H5N1 auf Nutztierbestände überspringen sollte, wird wohl auch bei deutschen Bauern, Ökobauern und Tierschützern die Forderung nicht lange auf sich warten lassen, lieber zur Spritze zu greifen als zur Sense.

"Wenn wir entscheiden zu impfen, brauchen wir auch das Serum dazu", sagt Hafez. "Im Moment ist in Deutschland gar kein Impfstoff zugelassen."

Stefan Schmitt/AP/dpa

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