Vogelgrippe in Deutschland Stallpflicht aus Angst vor der Seuche

In Mecklenburg-Vorpommern gilt ab sofort eine Stallpflicht für Geflügel. Nachdem bei den toten Schwänen auf Rügen H5N1 festgestellt wurde, soll der Erreger nun an der Ausbreitung gehindert werden. Gefahr für Verbraucher bestehe nicht, solange das Virus nicht in die Bestände gelange.


Deutschland droht eine Tierseuche. Sollte das Virus, das Experten im Blut der toten Höckerschwäne fanden, in Geflügelfarmen und auf Bauernhöfe gelangen, müssten Tausende Tiere getötet werden. Deshalb müssen in ganz Mecklenburg-Vorpommern Hühner und anderes Geflügel ab sofort im Stall gehalten werden. Märkte und Ausstellungen sind verboten, ebenso mobiler Geflügelhandel. Das teilte Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) in Schwerin mit. Mit den Mitteln der Seuchenhygiene sollen Deutschlands Nutztiere vor H5N1 geschützt werden.

"Mit ein bisschen Glück und der Aufstallpflicht können wir diese Tierkrankheit vermeiden", sagte Reinhard Kurth, der Leiter des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Kurth hatte bestätigt, dass die auf Rügen tot gefundenen Schwäne an Vogelgrippe des Typs H5N1 gestorben seien. "Wir müssen davon ausgehen, dass sich der Verdacht bestätigt hat. Wir haben persönlich als Experten keine Zweifel mehr." Bei zwei von vier toten Schwänen war ein H5N1-Schnelltest positiv ausgefallen.

Landwirtschaftsminister Backhaus forderte die Bevölkerung auf, totes Geflügel den Veterinärbehörden zu melden - und den Kontakt damit unbedingt zu meiden. Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) hatte zuvor schon eine deutschlandweite Stallpflicht ab Freitag angekündigt. Der Minister appellierte an alle Nutztierhalter, "ihre Tiere in den Stall zu sperren. Das kann man auch tun, bevor eine Verordnung in Kraft tritt". Sein bayerischer Ressortkollege Werner Schnappauf sagte, wenn das Virus nur bei einem einzigen Tier auftrete, müsse der gesamte Bestand getötet werden.

Verzehr von Geflügel ungefährlich

Zugleich warnte RKI-Präsident Kurth vor Panikmache. Für Verbraucher sei "überhaupt kein Gefährdungspotential" zu erkennen. Es sei weiterhin "absolut ungefährlich", beispielsweise Geflügel zu essen, da die Nutztierbestände "virusfrei" seien. Kurth sagte: "Erst mal Ruhe bewahren, keine Panik. Dazu ist kein Anlass." Die Seuche wüte in Südostasien und nicht in Europa.

Vogelgrippe
Infografik:
Die globale Ausbreitung der Vogelgrippe

Allerdings ist es weniger die jetzige Variante von H5N1, die Experten als große Gefahr für die Bevölkerung sehen. Vielmehr fürchten sie, dass das Virus so mutieren könnte, dass es sich leicht von Mensch zu Mensch verbreitet. Eine solche Mutation wird umso wahrscheinlicher, je weiter sich das Virus ausbreitet und mit Menschen oder Säugetieren wie etwa Schweinen in Kontakt gerät.

Fachleute rätseln, wo die mit H5N1 infizierten Tiere hergekommen sein könnten. Ob es sich bei den an der Wittower Fähre gefundenen Schwänen um einheimische oder zugezogene Tiere handelt, könne nicht eindeutig beantwortet werden, sagte der Vogelkundler Ullrich Dost, der lange Jahre Artenschutzbeauftragter auf Rügen war.

In diesem Gebiet sammeln sich nach seinen Angaben in kälteren Wintern oft bis zu 40.000 Stück Wassergeflügel der verschiedensten Arten. Anhand von Beringungen sei erwiesen, dass der Zuzug von Schwänen vorrangig von Osten aus Polen, dem Baltikum und Russland komme, sagte Dost.

Gegenwärtiger Stand der Forschung ist, dass bislang kein Zugvogel gefunden wurde, der zwar H5N1 in sich trug, aber nicht daran erkrankt war. An Vogelgrippe erkrankte Vögel gelten indes als zu schwach für eine weite Reise. Dennoch hatten besonders die Ausbrüche in der Türkei und jüngst in Afrika Befürchtungen geschürt, dass Zugvögel den Erreger der auch für Menschen gefährlichen Erkrankung nach Europa einschleppen könnten.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Schwäne selbst sind keine klassischen Zugvögel. Sie bleiben häufig vor Ort oder legen allenfalls kürzere Strecken zurück. Nach Angaben von Ulrich Köppen von der Beringungszentrale Hiddensee haben die Höckerschwäne wie viele andere Wasservögel auf Rügen überwintert. Die Schwäne könnten entweder aus dem östlichen Ostseebereich um Finnland und das Baltikum oder aus dem ostdeutschen Binnenland nach Rügen gezogen sein, wo sie im Winter offenes Wasser vorfinden.

Beratungen in Berlin und Brüssel

Verbraucherschutzminister Seehofer berief für heute den nationalen Tierseuchenkrisenstab ein, um die Situation mit den zuständigen Landesministern zu erörtern. Daran nimmt neben seinen Länderkollegen auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) teil.

Urlauber hatten die toten Tiere bereits am 8. Februar entdeckt. Rund um die Fundstelle wurde nach Angaben der Agrarministerien in Berlin und Schwerin eine Schutzzone im Umkreis von drei Kilometern und eine Überwachungszone im Umkreis von zehn Kilometern eingerichtet. In der Schutzzone werden 21 Tage lang alle Betriebe festgestellt, die Geflügel halten, die Tiere werden desinfiziert, und es herrscht ein Bewegungsverbot.

Normalerweise gilt in Vogelgrippe-Verdachtsfällen, dass Diagnosen erst durch einen zweiten Test im europäischen Referenzlabor bestätigt werden müssen. Dann gelten sie als offiziell. Die deutschen Experten sagten aber, bei den Schwänen aus Rügen könne man jetzt schon von dem Erreger ausgehen. "Es ist leider so, die Schwäne sind mit H5N1 aus Asien infiziert", sagte RKI-Chef Kurth. Daher müsse das für Donnerstag erwartete Ergebnis aus dem EU-Labor in Großbritannien für eine Diagnose nicht abgewartet werden. Die Bundesregierung hat die EU-Kommission über die Vogelgrippe in Deutschland informiert.

stx/AP/dpa/Reuters

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