Vogelgrippe Insel der Viren

Auf der Ostseeinsel Riems arbeiten Forscher an einem Impfstoff gegen die Vogelgrippe - abgeschottet von der Außenwelt und unter strengen Sicherheitsmaßnahmen. Sie sind Teil des weltweiten Wettrennens gegen das H5N1-Virus, das schon bald zu einer globalen Gefahr werden könnte.

Von Tobias Lill, Insel Riems


Die tödliche Gefahr lauert ganz in der Nähe. Hinter Stacheldrahtzaun, massiven Mauern, Sicherheitsschleusen und dicken Glasfenstern. Die Wildgänse im Schilf ahnen nichts, schnattern unentwegt, und auch die kleine Entenfamilie am Ufer watschelt gemütlich den Strand entlang.

Labor des Friedrich-Loeffler- Instituts: Aufbereitung von Proben aus der Wildvogel-Überwachung
FLI

Labor des Friedrich-Loeffler- Instituts: Aufbereitung von Proben aus der Wildvogel-Überwachung

Die Gefahr hat einen Namen: H5N1. Im unweit einiger Nistplätze gelegenen Friedrich-Loeffler-Institut experimentieren Forscher mit dem Vogelgrippe-Virus. Doch die vielen Wasservögel am Strand haben nichts zu befürchten. Europas führendes Forschungszentrum gilt als absolut sicher. Das Virus ist gut verwahrt, mit modernsten Filtern von der Außenwelt abgeschottet.

Die Wissenschaftler forschen an einem neuartigen Impfstoff gegen die Vogelgrippe. Er soll, anders als die bisher gängigen Präparate, gesunde Vögel nicht nur immunisieren, sondern es zugleich ermöglichen, geimpfte Tiere von infizierten zu unterscheiden.

Derzeit impfen die Ärzte jedes Tier einzeln, in Zukunft könnten sie die erforderliche Dosis einfach dem Trinkwasser beimischen. Der Prototyp wurde bereits erfolgreich getestet, bis zur Massentauglichkeit dürften aber noch einige Jahre vergehen.

Rund 450 Mitarbeiter beschäftigt das FLI, den Großteil auf Riems. Seit 1910 werden auf der Insel - in sicherer Entfernung zur nächsten Stadt Greifswald - Erreger von Tierseuchen erforscht. 2004 belief sich das Budget des Instituts auf über 21 Millionen Euro.

Die Mitarbeiter testen in Spitzenzeiten täglich über hundert Proben von Vögeln auf Influenzaviren. Einer der Tiermediziner, die sich am Institut auf die Vogelgrippe spezialisiert haben, ist Timm Harder. Er sitzt in einem kleinen Labor, das man nur in Schutzkleidung betreten darf.

Anfragen aus Indien und Saudi-Arabien

"Wir haben auch Anfragen aus dem asiatischen Raum, etwa aus Indien, Saudi-Arabien oder eben der Türkei", sagt der Forscher. Dann deutet er auf einen schwarzen Plastikkasten, der im Hintergrund surrt. Harder erklärt: "Mit diesem Analysegerät erhalten wir innerhalb von eineinhalb Stunden erste Ergebnisse." Das Schicksal diverser Hühnerpopulationen wurde schon in diesem unscheinbaren Gerät entschieden.

Sicherheit gibt es aber erst nach mehrtägigen Tests. Zu Harders Arbeitsplatz gehört deshalb auch eine kleine, fensterlose Kammer. Dort ist es immer warm, denn an der Wand stehen die Brutschränke, in denen virenverseuchte Vogelembryos die ersten und zugleich letzen Stunden ihres kurzen Lebens verbringen.

Das Virus tötet in fünf Tagen

Harder öffnet die Tür zum Brutschrank, entnimmt eine Palette mit Hühnereiern und richtet eine Lampe auf eines davon. Er deutet auf ein kleines, mit Wachs verschlossenes Einstichloch. "Hier injizieren wir aufbereitetes Material aus den uns zugeschickten Proben", erklärt der Forscher.

Die Schale schimmert orangefarben. Einige gut durchblutete Gefäße werden sichtbar. Der Embryo bewegt sich. Noch lebt er. "Die Eier werden fünf Tage bebrütet", erklärt Harder. Länger braucht das Vogelgrippe-Virus nicht, um einen Embryo zu töten. Noch hat Harder keine tödlichen Proben aus Deutschland injizieren müssen.

"Um das Risiko eines Vogelgrippe-Virus', das von Mensch zu Mensch überspringt, möglichst einzudämmen, ist es wichtig, die weitere Verbreitung in der Geflügelpopulation zu minimieren", erklärt Thomas Mettenleiter, der Präsident des FLI. Je mehr Tiere infiziert werden, desto höher ist das Risiko, dass irgendwann ein Virus so mutiert, dass es von Mensch zu Mensch überspringen kann.

Von seinem Schreibtisch aus hat der Wissenschaftler einen traumhaften Blick auf die Weite der Ostsee. "Es ist einer der schönsten Arbeitsplätze", schwärmt er. Aber eigentlich hat er im Augenblick andere Sorgen: "Es ist nicht auszuschließen, dass die Vogelgrippe zur Pandemie wird." Mettenleiter hat tiefe Augenringe. "Derzeit sind Zwölf-Stunden-Arbeitstage die Regel", sagt er.

Isoliert auf der Insel

Die Insellage des FLI ist ein Überbleibsel aus der Anfangszeit des vergangenen Jahrhunderts, als Institutsgründer Friedrich Loeffler emsig nach einem Impfstoff für die Maul- und Klauenseuche suchte. Zuvor lag die Forschungseinrichtung auf dem Festland - aber örtliche Bauern machten das Institut für verendetes Vieh verantwortlich und erzwangen schließlich den Umzug übers Wasser.

Damit das FLI auch für die Seuchen der Zukunft gerüstet ist, sollen in den nächsten fünf Jahren 150 Millionen Euro in den Ausbau des Instituts investiert werden. Noch liegt die Fläche brach, auf der bald hochmoderne Ställe und Hochsicherheitslabore entstehen sollen, so dass hier in Zukunft auch mit besonders ansteckenden auch für den Menschen gefährlichen Erregern geforscht werden kann.

Außerdem soll Riems wieder "eine richtige Insel" werden, wie es Mettenleiter formuliert. Seit 1971 verbindet ein in DDR-Zeiten ohne Rücksicht auf das sensible Ostsee-Ökosystem aufgeschütteter Damm das Institut mit dem Festland. Dieser soll möglichst bald geöffnet werden, um so einen ausreichenden Wasseraustausch im flachen Bodden zu ermöglichen.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Auch auf die Menschen der Region nahm die SED-Führung wenig Rücksicht. Sie erklärte einen riesigen Bereich - samt einigen von Mitarbeitern bewohnten Häusern - kurzerhand zum Sperrgebiet. "Auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen mussten die Anwohner ausgiebige Kontrollen über sich ergehen lassen", sagt ein Greifswalder. Noch heute warnen Verbotsschilder mit Aufschriften wie "Tierseuchen-Sperrbezirk" und "Zugang nur für Befugte".

Vor 1971 war die Insel nur mit einer Seilbahn zu erreichen. "Fünf Wissenschaftler oder eine Kuh hatten damals darauf Platz", erinnert sich der örtliche Busfahrer. In Zeiten der Vogelgrippe-Angst hat sich die Wahrnehmung der einheimischen Bevölkerung gegenüber dem Eiland grundlegend verändert.

Früher nannten die Bauern des Umlands Riems die "Seuchen-Insel", zu BSE-Zeiten die "Wahnsinns-Insel". Jetzt schwärmen die Greifswalder vor allem über die "vielen sicheren Jobs" und den "Forschungsstandort Mecklenburg-Vorpommern".



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