Vogelgrippe: Mutation macht Virus widerstandsfähiger

Schlechte Nachrichten von der WHO: Das Vogelgrippe-Virus ist durch Mutationen gefährlicher für Hühner und Mäuse geworden - und widerstandfähiger. Auch vor einer wachsenden Gefahr für Menschen warnte der Leiter des Influenza-Programms. Je länger die Tierseuche andauere, desto größer werde die Gefahr für eine Grippe-Pandemie.

Berlin/Brüssel - Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Virus zunehmend tödlicher für Hühner und Mäuse werde und nun etwa drei Mal so lang - sechs Tage - bei warmen Temperaturen im Freien überdauern könne, hieß es am Montag auf der Internet-Seite der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Allerdings gebe es keinen Beleg dafür, "dass das Virus seine Fähigkeit verbessert hat, leicht von einer Person zur nächsten übertragen zu werden".

Der Leiter des WHO-Influenza-Programms, Klaus Stöhr, warnte am Montagabend jedoch, dass mit der Dauer der Vogelgrippe auch die Gefahr einer Pandemie unter Menschen wachse. Je länger das Virus existiere, desto mehr Chancen gebe es, auf den Menschen überzugehen. "Wenn dieses Virus sich verändert, haben wir nichts in der Hand, um den weltweiten Zug hinauszuzögern", sagte Stöhr dem Fernsehsender N24. Nach drei Monaten wären alle Kontinente davon betroffen. Deutschland sei im weltweiten Vergleich besser auf die Seuche vorbereitet als andere Länder. Dennoch sei nun "Klotzen wichtiger als Kleckern", um eine Übertragung des Virus von Wild- auf Nutztiere zu verhindern.

Die Vorsitzende des Agrarausschusses im Bundestag, Bärbel Höhn (Grüne), sagte dem Sender, im Falle einer solchen Grippe-Pandemie müsse man sogar eine Absage der Fußball-Weltmeisterschaft erwägen. "Sagen wir mal, das Virus ist da, und es gibt so Riesenveranstaltungen, dann wäre ich schon dafür zu sagen, lasst uns überlegen, die ausfallen zu lassen."

Bundeswehr-Tornados suchen infizierte Vögel

Die Ausbreitung der Vogelgrippe wird auf Rügen inzwischen mit allen Mitteln bekämpft. Tornados der Luftwaffe sind zu Aufklärungsflügen aufgestiegen, um auf der Ferieninsel an der Seuche verendete Tiere aufzuspüren. Am Boden begannen mit ABC-Schutzanzügen und -masken ausgestattete Bundeswehrsoldaten mit dem Einsammeln toter Vögel. Die inzwischen für die Einsatzleitung zuständige Regierung von Mecklenburg-Vorpommern will mit Hilfe der Soldaten die Lage auf der Insel in den Griff bekommen, erklärte Landesagrarminister Till Backhaus (SPD).

THW-Mitarbeiter am Greifswalder Bodden: Suche nach toten Vögeln
DPA

THW-Mitarbeiter am Greifswalder Bodden: Suche nach toten Vögeln

Mittlerweile helfen alleine auf Rügen über 300 Soldaten. 59 ABC-Abwehrspezialisten der Bundeswehr sind an drei Kontrollstellen beim Desinfizieren von Fahrzeugen und Booten im Einsatz. Weitere 250 Soldaten sammeln tote Vögel ein. Die Tornados sollen weitere tote Tiere insbesondere in unwegsamem Gelände ausfindig machen.

Backhaus forderte die zuständigen Behörden auf, die gesamte Küste Mecklenburg-Vorpommerns bis zehn Kilometer tief ins Landesinnere unter Beobachtung zu stellen. Derzeit sei die Lage weiterhin "sehr ernst" und noch nicht im Griff. Mittlerweile gibt es nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums 81 bestätigte Vogelgrippe-Fälle.

Auf Rügen und dem benachbarten Festland hatte sich die Situation zuvor verschärft. Nach dem Landkreis Rügen hatten auch die Landkreise Ostvorpommern und Nordvorpommern Katastrophenalarm ausgelöst, nachdem dort am Sonntag erste H5N1-Infektionen bei Wildvögeln bestätigt worden waren. Durch den Katastrophenalarm können in diesen Regionen Soldaten zur Unterstützung herbeigerufen werden.

Keulung gesunder Vögel angeordnet

Um ein Übertragung der bislang nur unter Wildvögeln verbreiteten Vogelgrippe auf Nutztiere zu verhindern, haben die Behörden in einem großen und vier kleinen Betrieben auf Rügen 2463 Stück gesundes Hausgeflügel töten lassen. In fünf weiteren kleinen Betrieben wurde die Schlachtung angeordnet. Es handelt sich laut Backhaus vor allem um Geflügelhalter, deren Tiere etwa durch die Nähe zu Fundorten kranker Wildvögel einem erhöhten Risiko ausgesetzt waren.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Insgesamt gibt es nach Angaben des Schweriner Landwirtschaftsministeriums 400.000 Stück Hausgeflügel auf Rügen. Im Januar waren allein im Nordosten der Insel 69.000 Wildvögel gezählt worden, darunter viele Schwäne, aber auch Möwen, Gänse, Kormorane, Enten und Bussarde.

Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer verteidigte das vorsorgliche Keulen von Geflügel. Dies sei beispielsweise zu empfehlen, wenn wie auf Rügen Geflügel in den vergangenen Wochen Kontakt zu Schwänen gehabt haben könnte. Es müsse "besonnen, aber konsequent" gegen die Tierseuche vorgegangen werden, sagte Seehofer.

Eine vorsorgliche Impfung von Nutzgeflügel lehnte Seehofer dagegen ab. Derartige Maßnahmen könnten dazu führen, dass sich das Virus verdeckt weiterverbreite. Geimpfte Tiere könnten den tödlichen Erreger H5N1 übertragen, ohne dass die Krankheit bei ihnen ausbreche. Außerdem sei es mit den gegenwärtig verfügbaren Impfstoffen schwierig, geimpfte Tiere von infizierten Tieren zu unterscheiden. Auch sei ungeklärt, ob geimpfte Tiere aus dem Handel genommen werden sollten oder nicht.

Vogelgrippe befeuert Föderalismus-Debatte

Die Kritik an der Reaktion der Behörden auf Rügen hat unterdessen eine Debatte über die Kompetenzen von Bund und Ländern beim Katastrophenschutz ausgelöst. "Der Fall zeigt, dass der Föderalismus bei der Krisenbekämpfung überfordert ist", sagte der stellvertretende Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Ernährung und Verbraucherschutz, Manfred Zöllmer, dem Berliner "Tagesspiegel".

Es sei notwendig, in vergleichbaren Fällen mehr Kompetenzen auf den Bund zu verlagern, sagte der SPD-Politiker mit Blick auf die geplante Föderalismus-Reform. Auch der Mikrobiologe Alexander Kekulé forderte, die föderalen Strukturen zu überdenken. "Wir brauchen dringend eine Bundeszuständigkeit für biologische Gefahren", sagte der Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle-Wittenberg der Zeitung.

Seuche kommt in Nigerias Hauptstadt an

In anderen Teilen der Welt breitet sich die Vogelgrippe derweil ungebremst aus. In Nigeria wurden am heutigen Montag Vogelgrippe-Herde in drei weiteren Bundesstaaten sowie in der Hauptstadt Abuja gemeldet. Damit sind insgesamt bereits sieben Regionen des westafrikanischen Landes von der Epidemie betroffen.

In Malaysia ist zum ersten Mal seit gut einem Jahr wieder das Virus H5N1 aufgetreten. Im Zentrum des asiatischen Landes sei der auch für Menschen gefährliche Erreger bei mehreren toten Hühnern festgestellt worden, teilte das Landwirtschaftsministerium in Kuala Lumpur mit. Es handele sich um einen Einzelfall. Menschen seien nicht betroffen.

mbe/AFP/AP/dpa/rtr/ddp

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