Vogelgrippe: Verdacht auf H5N1-Übertragung von Mensch zu Mensch

Die Weltgesundheitsorganisation schließt nicht aus, dass es in China eine Übertragung des gefährlichen H5N1-Virenstamms von Mensch zu Mensch gegeben hat. Der Vater eines Mannes, der an dem Vogelgrippe-Virus gestorben war, ist nun ebenfalls erkrankt.

Eine Sprecherin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Peking sagte, der Vater zeige seit Montag Symptome, am Mittwoch sei bestätigt worden, dass er das H5N1-Virus in sich trage. Der Mann wird in einem Krankenhaus überwacht. Sein Sohn war am 2. Dezember im Alter von 24 Jahren an der Viruserkrankung gestorben. "Weil die Möglichkeit von Mensch-zu-Mensch-Übertragung nicht ausgeschlossen werden kann, werden wir diesen Fall genau beobachten", so die Sprecherin. Wenn das Virus sich so verändert habe, dass es leicht von einem Menschen an andere übertragen werden kann, "wären wir besorgt", sagte Joanna Brent von der WHO.

Vogelgrippe-Vorsorge in China: Übertragung von Mensch zu Mensch?
REUTERS

Vogelgrippe-Vorsorge in China: Übertragung von Mensch zu Mensch?

Bislang gebe es aber keine Belege dafür, dass der Mann sich tatsächlich bei seinem Sohn angesteckt habe. Vater und Sohn lebten in der östlichen Provinz Jiangsu. Brent zufolge könnten sich auch beide beim gleichen Vogel angesteckt oder das Virus getrennt von zwei verschiedenen Wirten bekommen haben.

Die Gesundheitsbehörden beobachten der WHO zufolge 68 weitere Menschen, die in engen Kontakt mit dem Sohn gekommen waren. Keiner von ihnen zeigt bis jetzt Anzeichen einer Infektion mit H5N1. Brent sagte, dies mache es unwahrscheinlich, dass sich das Virus bereits leicht von einem Menschen zum nächsten fortpflanze.

Vermutete Übertragungen von einem mit H5N1 infizierten Menschen zu anderen hat es in der Vergangenheit bereits einige Male gegeben, etwa in Hongkong, Vietnam und Indonesien. In keinem der Fälle wurde der Übertragungsweg jedoch zweifelsfrei nachgewiesen. Eine weitere Verbreitung von Mensch zu Mensch gab es anschließend in keinem der Fälle.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.
Die Sorge der WHO-Wissenschaftler besteht vor allem in der Möglichkeit, dass sich das Virus in einem menschlichen Wirt so verändert, dass es sich ebenso leicht von Mensch zu Mensch übertragen lässt wie es von einem Vogel zum nächsten springt. Der H5N1-Virenstamm ist extrem aggressiv und könnte dann zu einer globalen Pandemie führen, die Millionen Menschen das Leben kosten könnte. Die Ausbreitung der Vogelgrippe unter Tieren hat sich durch verstärkte Gegenmaßnahmen in vielen der betroffenen 60 Länder allerdings eindämmen lassen. Besonders in Indonesien, Teilen von Bangladesch, Vietnam, Ägypten, Nigeria und China ist das Virus unter Geflügeln und Wildvögeln aber nach wie vor ein großes Problem.

Befällt ein Virus des derzeitigen H5N1-Stammes einen Menschen, geschieht das üblicherweise durch sehr intensiven Kontakt mit Vögeln oder Vogelkot. Etwa die Hälfte der Menschen, die sich infiziert, stirbt an dem Virus.

cis/AP

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