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Vogelgrippe: Zu früh, um Katzen zu verstoßen

Viele Deutsche bringen ihre Hauskatzen ins Tierheim. Sechs H5N1-infizierte Katzen in Deutschland und Österreich sind der Grund. Dabei sind drei von ihnen wieder Virus-frei, alle sechs Infektionen stellen Ausnahmen dar. Forscher untersuchen die genauen Umstände der Ansteckung.

Viele Bundesbürger geben ihre Katzen in Tierheimen ab, meldet der Deutsche Tierschutzbund. Offenbar hat das wenig mit der Nähe zur Insel Rügen zu tun, dem einzigen Ort in der Republik, an dem sich überhaupt Katzen mit dem Vogelgrippe-Erreger H5N1 infiziert haben. Bislang ganze drei.

Wieder Virus-frei: Eine der Katzen aus dem Grazer Tierheim "Arche Noah"
AP

Wieder Virus-frei: Eine der Katzen aus dem Grazer Tierheim "Arche Noah"

Doch die genügen, um auch im Süden des Landes Ängstlichen ihre Kätzchen zu vergällen. "Die Tierheime werden überschüttet", melden die Tierschützer. Besonders Bürger in Baden-Württemberg und Bayern trennten sich von ihren Haustieren.

Anscheinend genügen die Hinweise von Experten und Politikern nicht, dass Hauskatzen nicht gefährdet seien, außerhalb der Vogelgrippe-Beobachtungszonen schon gar nicht, und dass das Risiko für den Menschen nicht größer geworden sei.

Nur sechs Katzen sind der Auslöser der Verunsicherung: Mit den rund siebeneinhalb Millionen Hauskatzen in deutschen Haushalten haben sie alle wenig gemein. Die Rügener Tiere waren alle drei Streuner. Die drei Katzen mit positiver H5N1-Diagnose aus einem Grazer Tierheim wurden in Ställen gehalten, die gleich neben denen infizierter Vögel standen.

Dennoch haben sie sich offenbar nur so schwach angesteckt, dass das Virus ihnen nichts anhaben konnte. "Wir haben festgestellt, dass auch die dritte Katze keine Viren mehr ausscheidet", sagte der Sprecher der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), Oskar Wawschinek, zu SPIEGEL ONLINE. Bereits gestern war der Erreger bei den beiden anderen Tieren nicht mehr festzustellen gewesen. Alle drei Katzen sind putzmunter und zeigen keine Krankheitssymptome.

Katzenkot viel geringer belastet als Geflügelexkremente

Die Wissenschaftler des österreichischen Gesundheitsministeriums testen nun alle übrigen 170 Katzen, die mit den drei infizierten Tieren zusammen in eine Quarantänestation gebracht worden waren. Man wolle wissen, ob und wie die Tiere ihre Artgenossen angesteckt haben könnten. Die Chancen, dass die Mitinsassen der drei offenbar wieder H5N1-freien Katzen gänzlich unbehelligt von dem Vogelgrippe-Erreger sind, stehen nicht schlecht. Zwar scheiden infizierte Katzen das Virus nicht nur über Kot, sondern auch über Nasen- und Augensekret aus. "Aber die Dosis des Virus etwa in den Exkrementen von Katzen ist viel geringer, als es bei infiziertem Geflügel der Fall wäre", sagte Thijs Kuiken zu SPIEGEL ONLINE.

Der Virologe der niederländischen Erasmus-Universität in Rotterdam ist einer der wenigen Wissenschaftler, die experimentelle Erfahrung mit Katzen und Vogelgrippe haben. 2004 wies er zusammen mit dem H5N1-Spezialisten Albert Osterhaus nach, dass Katzen prinzipiell als Wirte für das Virus in Frage kommen - und dass sie sich auch untereinander anstecken können.

Mit Erregern aus Vietnam infizierten sie Versuchstiere. Gesunde Katzen, die mit ihnen in Kontakt gerieten, steckten sich ebenfalls an. "Wir haben aber auch eine hohe Dosis benutzt", schränkt Kuiken ein, "weil wir wollten, dass sich die Versuchstiere auf jedem Fall infizieren." Welcher Virendosis es bei Katzen bedarf, ist ungewiss. Zu den Grazer Katzen sagte Kuiken: "Das ist nicht überraschend." Nicht jede Katze, die dem Virus ausgesetzt würde, stecke sich an. Und nicht jede Infizierte sterbe.

So muss auch bei jedem Katzenkadaver mit H5N1-Diagnose geklärt werden, ob auch eine Grippeerkrankung vorlag - und ob dies die Todesursache war. Bei dem ersten H5N1-Kater von Rügen scheint dies der Fall gewesen zu sein. Er sei "relativ stark" infiziert gewesen, sagte die Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) Elke Reinking zu SPIEGEL ONLINE. "Es sieht stark danach aus, als ob er tatsächlich an Vogelgrippe verstorben ist." Die Lungen des Tieres hätten Veränderungen aufgewiesen, wie sie für eine Grippeinfektion symptomatisch seien. Er habe aber einen leeren Magen gehabt, so dass der vermutete Infektionsweg nicht belegt werden könnte - dass der Streuner sich an einem toten Vogel gütlich getan habe.

Veterinäre des Rostocker Landesuntersuchungsamtes suchen in den Kadavern der beiden jüngst mit H5N1 diagnostizierten Katzen nach Hinweisen auf deren letzte Mahlzeiten.

Anfang Januar hatten die Forscher der Erasmus-Universität um Albert Osterhaus und Thijs Kuiken festgestellt, dass bei Katzen das Vogelgrippevirus auch über den Magen-Darm-Trakt in den Körper eindringen kann. Bis dahin war vermutetet worden, bei Säugetieren dringe H5N1 bloß über die Atemwege in den Körper ein.

Hauptsache hygienischer Umgang

Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) hatte nach Bekanntgabe der beiden neuen H5N1-Fällen bei Katzen davon gesprochen, das Risiko sei nun "nicht mehr abstrakt" und "näher an den Menschen herangerückt".

FLI-Sprecherin Reinking wollte dem nicht widersprechen, relativierte aber: "Es ist insofern näher gerückt, als man in Deutschland mit Katzen in engerem Kontakt lebt als mit Geflügel." Eine Katze, drei Katzen, Virologe Thijs Kuiken sieht ein Risiko eher auf einer abstrakten Ebene: "Je größer die Zahl der Spezies, in denen das Virus sich vermehren kann, desto größer ist auch die Gefahr von Mutationen" - eine Perspektive, die eher Virologen beunruhigen sollte, als die rund 15 Prozent der Haushalte in Deutschland, in denen eine oder mehrere Katzen leben. "Das Risiko ist nach wie vor das Gleiche", sagte Reinking. Für alle Bürger außerhalb der Beobachtungszonen heißt das: sehr gering.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
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Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
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Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

FLI-Präsident Thomas Mettenleiter warnt vor dem Kontakt mit streunenden Tieren, andere Katzen dürften nach wie vor gestreichelt werden. Der Tipp des Wissenschaftlers für die Bevölkerung ist recht schlicht: "Man sollte die normalen Hygieneregeln beim Umgang mit seinem Tier einhalten. Also Händewaschen, wenn man Kontakt mit der Katze oder dem Katzenklo hatte." - Man sollte erwarten, dass Menschen dies nicht nur in Tierseuchenzeiten tun.

Stefan Schmitt/AFP/dpa

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