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Ausgegraben

Volk der Langobarden Heute hier und morgen da

Ausgrabung in Szólád: Spuren schwerer Verletzungen an den Knochen Zur Großansicht
Uta von Freeden RGK/Tivadar Vida

Ausgrabung in Szólád: Spuren schwerer Verletzungen an den Knochen

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Wer waren die Langobarden? Glaubt man den Geschichtsschreibern, waren sie vor allem eins: viel unterwegs. Dies bestätigt nun die Ausgrabung eines Friedhofs in Ungarn.

Zum ersten Mal taucht der Stamm der Langobarden bereits im ersten Jahrhundert vor Christus an der norddeutschen Niederelbe auf. Doch dort hielt es sie nicht mehr lange - im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung machten sich sich auf gen Osten.

Im fünften Jahrhundert berichten römische und byzantinische Schreiber von einem Volk gleichen Namens, das an der mittleren Donau im heutigen Niederösterreich und in Mähren für Unruhe sorgt, im frühen sechsten Jahrhundert haben sie die Provinz Pannonien erreicht, im heutigen Westungarn. Aber erst als sie sich am Ende noch einmal nach Süden wenden und Italien erreichen, beschließen die Langobarden, das Wanderleben aufzugeben und sich endgültig niederzulassen.

Nun sind aber Geschichtsschreiber bekannt für ihre freie Interpretation tatsächlicher Ereignisse. Kann die Anthropologie bestätigen, was die Historiker uns über die Langobarden erzählen? Ein deutsch-ungarisches Forscherteam vom Institut für Archäologie der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest, des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt und dem Institut für Anthropologie der Universität Mainz hat einen ihrer Friedhöfe im ungarischen Szólád näher untersucht.

Frauen starben früher

45 Bestattungen aus dem sechsten Jahrhundert bargen die Ausgräber dort in den Jahren zwischen 2005 und 2010. Nun hat das Team um den Anthropologen Kurt Alt, der an den Universitäten Krems (Österreich) und Basel (Schweiz) arbeitet, die Ergebnisse ihrer Untersuchungen zur Osteologie und Molekulargenetik sowie der Isotopenanalysen des Skelettmaterials im Fachblatt "Plos One" vorgelegt.

Das Leben unterwegs forderte einen hohen Tribut: Über 40 Prozent der Langobarden des Gräberfeldes hat das Erwachsenenalter nicht erreicht. Besonders hart war es für die Frauen. Sie starben in der Regel früher als die Männer.

Vorbereitung einer Rippenprobe auf die Isotopenuntersuchung Zur Großansicht
CEZA Mannheim

Vorbereitung einer Rippenprobe auf die Isotopenuntersuchung

Dafür trugen die Knochen der Männer mehr Spuren schwerer Verletzungen. Vier Schädelfrakturen und acht Knochenbrüche zählten die Forscher, nur zwei davon bei Frauen. Auch die Anzeichen schwerer körperlicher Belastung waren an den Knochen der Männer öfter zu finden als bei Frauen.

Die Art der Brüche und die wertvollen Waffen, die den Männern mit ins Grab gegeben wurden, sprechen für sich: Die Toten hatten zu Lebzeiten oft und heftig kämpfen müssen.

Es war ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der seine Toten auf dem kleinen Friedhof begrub. Aus den Zähnen untersuchten die Forscher mitochondriale DNA und fanden sehr viele unterschiedliche genetische Profile, die heute über ganz Europa und den Nahen Osten verstreut sind. Einige gehörten allerdings auch zu Haplogruppen, die nur noch selten vorkommen.

Ein ganz ähnliches Bild ergibt die Analyse der Kohlenstoff- und Stickstoff- sowie die Strontiumisotope. An ihrem Verhältnis lässt sich ablesen, wovon ein Toter sich ernährte und wo er seine Kindheit verbracht hat. Die meisten der Kinder hatten das gegessen, was auf den Böden in unmittelbarer Nähe von Szólád gewachsen war oder gegrast hatte.

Ganz anders ihre Eltern: Keiner der Erwachsenen stammte tatsächlich zweifelsfrei aus der Region. Interessanterweise glichen die Isotopenverhältnisse der Männer denen der Kinder mehr als die der Frauen. Es war also, folgern die Forscher, bei den Langobarden üblich, dass Frauen für die Heirat ihre Heimat verließen und zu ihren künftigen Ehemännern zogen - oft über große Entfernungen.

Lange hielt es diese Gruppe von Langobarden jedenfalls nicht in Szólád. Der älteste Tote des Gräberfeldes, der in der näheren Umgebung aufwuchs, stand, als er starb, gerade an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Kurz nach seinem Tod - also nach nur rund einer Generation - packten die Menschen erneut ihre Sachen und zogen weiter. Glaubt man den historischen Quellen - nach Italien. "Den genauen Weg ihrer Wanderung können wir natürlich nicht nachweisen", sagt Alt. "Nur eines können wir mit Sicherheit sagen: Sie waren sehr mobil."

9 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
exkeks 07.11.2014
Bollwanger 07.11.2014
Procopius 08.11.2014
bewarzer-fan 08.11.2014
Khaled 08.11.2014
trebbien 08.11.2014
wohlmein 08.11.2014
joha0412 09.11.2014
Koda 10.11.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
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