Vorfahren Fossilien lassen menschlichen Stammbaum wackeln

In Afrika sind fossile Knochen aufgetaucht, die nicht ins Bild der menschlichen Evolution passen wollen. Zwei Frühmenschen-Arten, die Forscher bisher in einer Linie gesehen haben, existierten offenbar parallel. Gab es einen unbekannten gemeinsamen Vorfahren?


Wer waren unsere Vorfahren und wie lebten sie? Es sind gleich zwei verwirrende Interpretationen, mit denen sich Paläoanthropologen in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" melden: Östlich des Turkana-Sees in Kenia fand eine Expedition Teile eines Schädels und eines Kiefers in der Erde Ostafrikas. Jetzt sind sie fertig untersucht - und stellen die Forscher vor Rätsel.

Den 1,44 Millionen Jahre alten Kiefer schreibt das Team um Fred Spoor vom University College London dem Homo habilis zu, der als früher Vorfahr des Menschen gilt. Aus dem Homo habilis entwickelte sich der Homo erectus - dachten Wissenschaftler zumindest bisher. Nur: Die Datierung der Spoor-Gruppe lässt vermuten, dass die beiden Arten nicht nacheinander, sondern möglicherweise parallel existierten.

Homo erectus tauchte wohl erstmals vor 1,9 Millionen Jahren in Afrika auf und hielt sich extrem lang: Erst vor etwa 40.000 Jahren ereilte ihn das Ende. Wenn aber laut der Spoor-Datierung vor 1,44 Millionen Jahren auch der Homo habilis im Gebiet des heutigen Kenia lebte, dann müssen die beiden Arten eine halbe Million Jahre nebeneinander existiert haben. Ins Bild einer einzigen Entwicklungslinie hin zum modernen Menschen passt das nicht.

Die Autoren formulieren es in "Nature" (Bd. 448, S. 688) höflich: Der neue Fund mache die bisherige Annahme "unwahrscheinlich". Vermutlich seien beide Urmenschen-Arten vor zwei bis drei Millionen Jahren aus einem gemeinsamen Vorfahren entstanden, hätten unterschiedliche ökologische Nischen besetzt und dadurch direkte Konkurrenz vermieden. So gebe es Hinweise darauf, dass Homo habilis mehr pflanzliche Nahrung zu sich genommen habe, Homo erectus hingegen mehr Fleisch.

Koexistenz - und Vielweiberei?

Glaubwürdigkeit erhält der Beitrag des Koobi Fora Research Project nicht zuletzt durch ein prominentes Mutter-Tochter-Team: Meave und Louise Leakey waren Teil der Forschergruppe - sie stammen aus der vielleicht berühmtesten Dynastie von Paläoanthropologen überhaupt. Mutter Meave fand im Jahr 1999 - ebenfalls am Turkana-See - Reste des rund 3,5 Millionen Jahre alten sogenannten flachgesichtigen Keniamenschen (Kenyanthropus platyops) aus der Übergangszeit von Menschenaffen zu Hominiden.

Das Team fand bei seiner Expedition im Jahr 2000 ein weiteres Fossil aus der Entwicklungsgeschichte des Menschen, das nicht weniger verwirrt: 1,55 Millionen Jahre ist der Schädel eines Homo erectus aus der Ileret-Gegend wohl alt - und es ist der kleinste Schädel dieser Art, der je gefunden wurde. Klar tritt der Größenunterschied zutage, wenn man das Fundstück neben andere Schädeldecken derselben Art hält. Um die Reste eines Kindes handelt es sich aber offenbar nicht. Vielmehr glauben die Wissenschaftler, dass es zwischen ausgewachsenen Homo erectus solche großen Unterschiede gab - und zwar zwischen den Geschlechtern.

Vergleicht man die Skelette moderner Menschen, fällt zwar in den Proportionen ein Größenunterschied zwischen den Hüftknochen von Frauen und Männern auf, die Schädel sind aber in etwa gleich groß. Was der Erectus-Fund zeige, kenne man heute unter anderem von Gorillas, schreiben Spoor und seine Kollegen. Bei diesen Menschenaffen haben männliche Tiere sehr viel größere Schädel als weibliche. Dieses Merkmal bringen Forscher mit Polygamie in Zusammenhang. Bei den Gorillas haben die Männchen einen Harem mit mehreren Weibchen. Daher, so spekulieren die Autoren, könnte auch der Frühmensch Homo erectus seinerzeit Vielweiberei gepflegt haben. Möglich also, dass der Vorfahr sich doch stärker vom Homo sapiens unterschied, als bislang gedacht.

stx/dpa



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