Vorgeschichte Der Mensch wurde früh zum Maler

Lange galten die prächtigen Malereien von Lascaux und Altamira als Höhepunkt der Höhlenkunst. Doch schon frühere Genies erlangten ähnliche Fertigkeiten, wie neue Datierungen aus der Chauvet-Grotte belegen.


Tierdarstellungen in der Chauvet-Höhle
AFP

Tierdarstellungen in der Chauvet-Höhle

Die Entdeckung der Höhle von Chauvet 1994 war eine wissenschaftliche Sensation: In den Felskammern der Grotte in der französischen Ardèche-Region fand man prähistorische Wandmalereien, die Experten auf eine Ebene mit den mit den Tierdarstellungen in den berühmten Höhlen von Lascaux oder dem spanischen Altamira stellten.

Doch die Chauvet-Kunstwerke wurden mehr als 10.000 Jahre früher in der Zeit des Aurignacien angefertigt, berichtet ein französisches Team in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature". Die Wissenschaftler um Hélène Valladas vom Forschungszentrum CNRS in Gif-sur-Yvette berufen sich auf neue Datierungen, die ältere, umstrittene Ergebnisse untermauern.

Valladas und ihre Kollegen hatten das Alter von Holzkohle mit Hilfe der so genannten Beschleunigermassenspektrometrie bestimmt, einem Verfahren, das geringere Mengen des Probenmaterials erfordert als die herkömmliche Radiokarbondatierung. Für Tierdarstellungen aus verschiedenen Kammern der Grotte erhielten sie so ein Alter von rund 30.000 Jahren. Die Malereien in Lascaux und Altamira entstanden dagegen erst im Magdalénien, also vor 17.000 bis 12.000 Jahren.

Diese Altersbestimmung bestätigt erste Datierungen von 1995, die jedoch auf wenigen Proben beruhten und in der Fachwelt kontrovers diskutiert wurden. Manche Kritiker hielten es für denkbar, dass die Malereien von Magdalénien-Menschen mit Holzkohle von alten Feuerstellen angefertigt wurden, andere verwiesen auf die Möglichkeit einer Verunreinigung der Proben.

Mit den neuen Präzisionsmessungen droht die bewährte Theorie, der zufolge die Menschen des Aurignacien zwar gewisse Fertigkeiten im Felsritzen, aber kaum malerisches Talent besaßen, endgültig widerlegt zu werden. Valladas und ihre Kollegen sehen es für erwiesen an, dass schon die damaligen Künstler Felsbilder in der technischen und künstlerischen Qualität der Magdalénien-Malereien schaffen konnte.

Für die Bewertung des steinzeitlichen Kunstschaffens könnte das gravierende Folgen haben, meinen die Wissenschaftler: "Prähistoriker, welche die Entwicklung der vorgeschichtlichen Kunst traditionell als ständigen Fortschritt von einfachen zu komplexeren Darstellungen angesehen haben, müssen nun möglicherweise die existierenden Theorien über den Ursprung der Kunst überdenken", schreiben sie in ihrer Studie.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.