Vormenschen: Dikika-Kind als Kronzeuge der Menschwerdung

Von Christopher P. Sloan

Das drei Millionen Jahre alte Skelett eines Kleinkinds aus Ostafrika wirft neues Licht auf den Beginn der Evolution des Menschen: Mit dem Oberkörper eines Affen und dem Gehapparat eines Menschen zeigt "Lucys Baby", wie der Mensch zur Sprache kam - und zu seinem großen Hirn.

Zeresenay Alemseged hat zwei Kinder. Das eine, der kleine Alula, liegt die meiste Zeit in den Armen seiner Mutter in einem gemütlichen Bungalow der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Das andere, ein dreijähriges Mädchen, war 3,3 Millionen Jahre lang in Sandstein eingeschlossen, bis der äthiopische Wissenschaftler und sein Team es entdeckten und freilegten. Es war die zweite Geburt dieses Kindes aus der Anfangszeit der Menschheit.

Bis dahin passten alle fossilen Funde kleiner Kinder aus jener Ära in ein Babykörbchen. Der neue Fund ist nicht nur das vollständigste bisher entdeckte Kleinkind, sondern sogar das vollständigste Fossil der Spezies Australopithecus afarensis überhaupt. Es gehört zur gleichen Art wie "Lucy", jenes weltberühmte, rund 3,2 Millionen Jahre alte weibliche Skelett, das 1974 in der gleichen Region Afrikas ausgegraben wurde. Im Gegensatz zu "Lucy" hat das Kind auch Finger, einen Fuß und einen vollständigen Rumpf. Und vor allem: Es hat ein Gesicht.

Das kleine Knochenbündel gibt Zeugnis von einer entscheidenden Phase in der Evolution der Hominiden, wie man die Menschen und ihre Vorfahren nennt. Es belegt, wie sich damals in die individuelle Entwicklung allmählich eine ausgedehnte Jugendzeit einschob, eine lang anhaltende Wachstumsperiode, in der unser Gehirn seine enorme Größe erreichen konnte. "Der Fund wird uns viel darüber verraten, wie diese Art lebte und heranwuchs", sagt Bill Kimble, ein Mitglied des Wissenschaftlerteams. "Jetzt können wir zum ersten Mal in der Biografie des Australopithecus afarensis lesen.

Seltsamer Zufall: Das älteste Baby der Welt starb, als es von seiner Mutter noch gestillt wurde – und es lebte sein kurzes Leben in der Region Dikika, was in der Afar-Sprache "Brustwarze" heißt und auf einen charakteristisch geformten Hügel anspielt. Er liegt auf der anderen Seite des Flusses Awash, genau gegenüber von Hadar, der Stelle im äthiopischen Rift Valley, wo auch "Lucy" und viele andere Hominidenfossilien gefunden wurden. Die Gegend leidet unter extremer Hitze, heftigen Überschwemmungen, Malaria und gelegentlichen Schießereien zwischen rivalisierenden Clans, von Löwen und anderen nächtlichen Gästen ganz zu schweigen. Die Fossiliensuche ist hier so schwierig, aber auch so lohnend, wie sonst fast nirgendwo auf der Erde.

Die Afar-Senke, das Tiefland am Nordende des Great Rift Valley im Osten Afrikas, ist seit Jahrzehnten ein beliebtes Expeditionsziel für ausländische Forscher. Dann reiste 1999 Zeresenay – in Äthiopien ist der Vorname der offizielle Name – als Angehöriger einer neuen Generation äthiopischer Paläoanthropologen an der Spitze einer Gruppe einheimischer Fossiliensucher in die Afar-Region.

Bis zum Dezember 2000 bestand ihre Ausbeute aus einer Fülle fossiler Säugetiere, darunter Elefanten, Flusspferde und Antilopen. Menschliche Überreste waren nicht dabei. Aber Zeresenay, der am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig arbeitet, wusste: Hier sind wir richtig. Die Tiere belegten, dass einst Auwälder den Awash gesäumt hatten. Die gleichen schattigen Wälder waren auch der Lebensraum der Menschenahnen.

Die Wälder von Dikika existieren schon lange nicht mehr, und am 10. Dezember, als die Wissenschaftler sich unter der sengenden Sonne erneut auf die Suche machten, gab es nicht ein schattiges Plätzchen. Es war Tilahun Gebreselassie, der als Erster das winzige Gesicht des Dikika-Kindes, nicht größer als das Gesicht eines Affen, aus einem staubigen Hang lugen sah. An der glatten Brauenregion und den kurzen Eckzähnen erkannte Zeresenay sofort: Das war ein kleiner Hominide. Und nicht nur der Schädel war in ausgezeichnetem Zustand, unter dem Kopf verbargen sich im harten Sandstein auch viele Knochen des Oberkörpers. "So etwas findet man nur einmal im Leben", sagt Zeresenay.

Wie das Kind gestorben ist, kann er nicht sagen, aber der Fluss muss den Leichnam sehr schnell unter Kies und Sand begraben haben, so dass er vor Aasfressern und vor der Witterung geschützt war. Meistens muss man Hominidenfossilien aus Hunderten von verstreuten Bruchstücken zusammenkleben. Zeresenay stand vor der umgekehrten Aufgabe: Er musste die miteinander verbackenen Knochen voneinander trennen. Mit einem Zahnarztbohrer entfernte er den harten Sandstein. Penibel arbeitete er sich zwischen winzigen Wirbeln und Rippen voran, um die anatomischen Einzelheiten herauszuarbeiten, "Körnchen für Körnchen" wie er sagt. Die Arbeit hat bisher fünf Jahre gedauert.

Der Lohn dieser Mühe: Details, wie man sie bei Australopithecinen bisher selten gesehen hat, darunter ein vollständiges Milchgebiss und die noch nicht durchgebrochenen Zähne des bleibenden Gebisses. Die winzigen Rippen saßen wie zu Lebzeiten an den richtigen Stellen entlang einer s-förmig gebogenen Wirbelsäule. Ein Finger war noch wie zum Greifen gekrümmt, und wo der Hals gewesen war, machte Zeresenay einen besonders seltenen Fund: das Zungenbein, ein Knochen, der entscheidende Bedeutung für die Entwicklung der Sprache bekommen sollte. Die Entdeckung liefert den ersten Eindruck von der Evolution des menschlichen Kehlkopfes.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Dikika: Das älteste bekannte Kind