Macht der Vorurteile Es ist schwer, kein Rassist zu sein

Ob gegen "Nafris" oder Skinheads - Vorurteile sind stärker, als wir glauben. Sie formen unser Denken und Handeln. Und zwar automatisch und unbewusst, sagt die Forschung. Wehren kann man sich dagegen kaum. Oder doch?

Skinhead (in Bayern): Vorurteile beeinflussen unser Denken und Handeln
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Skinhead (in Bayern): Vorurteile beeinflussen unser Denken und Handeln

Eine Kolumne von


In der S-Bahn, mit der ich oft in die Hamburger Innenstadt fahre, sitzen manchmal Leute in auffälliger Aufmachung. Sie haben sehr kurze oder gar keine Haare auf dem Kopf, manche sind am Hals tätowiert, sie tragen Springerstiefel und Bomberjacken. Wenn ich mit ihnen in einem Waggon alleine bin, fühle ich mich immer ein bisschen unwohl.

Vor ein paar Monaten saß ich in einem weitgehend leeren S-Bahn-Zug mit einer Fünfergruppe so zurechtgemachter Menschen, als jemand zustieg, den die Kölner Polizei vielleicht als "Nafri" einstufen würde. Womöglich kam er aus einer Flüchtlingsunterkunft, die in dieser Gegend liegt, vielleicht war er auch gebürtiger Hamburger, wer weiß. Ich empfand die Situation jedenfalls als potenziell gefährlich. Überflüssigerweise, denn die Skinheads unterhielten sich friedlich weiter und würdigten den Zugestiegenen keines Blickes.

Das hier ist kein Text über Zivilcourage. Es ist einer über Vorurteile.

Tatsächlich haben die S-Bahn-Skinheads noch nie etwas getan, das meine Vorurteile ihnen gegenüber rechtfertigen würde. Vielleicht sind sie gar keine Neonazis, sondern antirassistisch eingestellte Sharp-Skins, die Ska und Reggae lieben, keine Ahnung. Trotzdem machen sie mir Angst. Ich kann nichts dagegen machen.

Der Skinhead und der Bumerang-Effekt

Das ist der Kern des Stereotyps, wie die Sozialpsychologie das nennt: Man kann sich kaum dagegen wehren. Wir alle tragen eine ganze Enzyklopädie von sozial erlernten Vorurteilen mit uns herum. Die Fachliteratur ist, was dieses Themenfeld angeht, ziemlich düster: Es gibt namhafte Forscher, die seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet arbeiten und der Meinung sind, dass solche Stereotype nicht nur automatisch und unbewusst aktiviert werden, sondern dass daran auch wenig zu ändern ist.

Experimente zeigen, dass Vorurteile manchmal sogar stärker wirken, je mehr man sie auszublenden versucht. In einer klassischen Studie des schottischen Sozialpsychologen Neil Macrae und seiner Kollegen bekamen die Versuchspersonen ein Bild von einem Skinhead gezeigt und sollten anschließend einen kurzen Text über den mutmaßlichen Alltag des Mannes schreiben. Die Hälfte der Versuchspersonen bekam den Auftrag, dabei bitte stereotype Gedanken über Skinheads zu vermeiden.

Diese Gruppe, die Stereotyp-Unterdrücker, demonstrierte anschließend unter diversen Bedingungen besonders ausgeprägte Anti-Skinhead-Vorurteile. Zum Beispiel setzten sie sich in einem Warteraum möglichst weit weg von einem Stuhl, auf dem angeblich eben noch der bewusste Skinhead gesessen hatte. Wer seine Vorurteile zu unterdrücken versucht hatte, lebte sie anschließend unbewusst umso stärker aus. Sozialpsychologen nennen das den "Bumerang-Effekt".

Der kognitive Geizkragen in uns

Bei alledem sind Stereotype nichts grundsätzlich Schlechtes. Wir brauchen sie sogar dringend, schließlich helfen sie uns, mit unserer unglaublich komplexen Umwelt zurechtzukommen. Vorurteile sind Heuristiken, gedankliche Abkürzungen, Faustregeln, die uns das Denken abnehmen.

Wenn eine Frau weinend am Boden liegt und daneben ein kräftiger Mann und eine ältere Dame stehen, gehen wir intuitiv davon aus, dass nicht die ältere Dame für die Situation verantwortlich ist. Weil die Stereotypen nun einmal besagen, dass Gewalt eher von kräftigen Männern als von älteren Damen ausgeht.

Vorurteile helfen dabei, das soziale Miteinander zu vereinfachen und Denkenergie zu sparen. Psychologen haben dafür den lustigen Begriff des "kognitiven Geizkragens" erfunden. Das Gehirn will sich Arbeit sparen. Solange es Menschen gibt, werden sie solche Abkürzungen nutzen.

Aber solche Abkürzungen führen oft zu falschen Schlüssen - der britische "Guardian" hat das einmal in einem wunderbaren Werbespot vorgeführt, schon wieder mit einem Skinhead: Hier geht es zu dem kurzen Clip auf YouTube.

Natürlich gibt es zwischen dem Mann mit den schwarzen Haaren und den Skinheads in meinem Waggon einen zentralen Unterschied: Die letzteren haben sich dafür entschieden, so auszusehen, die bewusste Entscheidung getroffen, bei anderen die entsprechenden Stereotype zu aktivieren. Abgrenzung ist der Kern jeder Subkultur, das Vorurteil ein Spiegelbild dieser Abgrenzung.

In Deutschland lebende Nordafrikaner dagegen haben sich ihre Herkunft, ihr Aussehen, nicht ausgesucht. In Nordafrika leben insgesamt knapp 180 Millionen Männer, Frauen und Kinder. Die allermeisten von ihnen sind selbstverständlich weder Taschendiebe noch Vergewaltiger, genauso wenig wie die Menschen in anderen Teilen der Welt. Das gilt natürlich auch für die Nordafrikaner, die in Europa leben. Das wissen vermutlich auch Kölner Polizisten.

Trotzdem aktivieren Nordafrikaner bei Kölner Polizisten - und nicht nur bei diesen - mutmaßlich gewisse Vorurteile. Bei den Beamten vermutlich sogar stärker als bei vielen anderen, denn deren persönliche Stichprobe nordafrikanischer Männer enthält mit hoher Wahrscheinlichkeit eine große Zahl echter oder mutmaßlicher Straftäter. Sich diesem mächtigen Vorurteil entgegenzustellen, würde jedem einiges abverlangen.

Das Grundgesetz weiß um unsere Schwächen

Ob der konkrete Polizeieinsatz auf der Domplatte am 31. Dezember verhältnismäßig war, ob dort Racial Profiling am Werk war oder nicht, kann und will ich nicht beurteilen. Aber um den konkreten Fall geht es hier auch gar nicht.

Ein vorurteilsfreier Umgang mit dem Bürger gehört, wie andere schwierig zu bewältigende Aufgaben auch, zu den Dienstpflichten von Beamten. Diskriminierung heißt ja nichts anderes als Ungleichbehandlung aufgrund von Vorurteilen. Und die ist in Deutschland aus gutem Grund verboten.

Wie löst man dieses Dilemma auf? Keine Sorge, es gibt Hoffnung.

Unter bestimmten Bedingungen sind Menschen der Fachliteratur zufolge zumindest besser in der Lage, die eigenen Stereotypen hintanzustellen und sich die jeweilige Person erst einmal genauer anzusehen (siehe z.B. hier). Man muss dazu motiviert sein, Zeit und die nötigen kognitiven Ressourcen zur Verfügung haben - also nicht gestresst sein - und sich vor allem des eigenen Vorurteils erst einmal bewusst sein. Bedingungen, die auf Polizisten auf der Kölner Domplatte am 31. Dezember angesichts der Vorgeschichte vermutlich eher nicht zutrafen.

Ein vermutlich noch stärkerer Schutz gegen die automatische Aktivierung von Stereotypien sind die langfristigen Ziele der jeweiligen Person: Wenn jemand den tief verwurzelten Wunsch in sich trägt, kein Rassist oder Sexist zu sein, dann kann das die Aktivierung von Vorurteilen bremsen oder zumindest deren Wirkung verändern, wie etwa der US-amerikanische Sozialpsychologe Gordon Moskowitz in diversen Experimenten gezeigt hat.

Was folgt daraus? Eine Gesellschaft ohne Vorurteile ist wohl unmöglich, dazu sind diese mentalen Abkürzungen zu tief in uns verwurzelt. Man kann Menschen aber das Ziel vermitteln, eben keine Rassisten oder Sexisten zu sein, in der Schule, in Fortbildungen oder auf anderen Wegen. Das kann helfen, den kognitiven Geizkragen im Zaum zu halten, der uns eben allzu oft in die Irre führt.

Es ist mental anstrengend, kein Rassist zu sein. Aber es wird einfacher, wenn die ganze Gesellschaft dabei mithilft.

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insgesamt 183 Beiträge
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Seite 1
fanasy 08.01.2017
1. Ein guter Ansatz
für ein friedliches Miteinander. Die Frage sei erlaubt: Wie oft darf man enttäuscht werden, BIA wieder sie mentale Abkürzung greift?
Pfaffenwinkel 08.01.2017
2. Was will uns der Autor eigentlich sagen?
Ja, es ist schwierig, alle Vorurteile, die wir mehr oder weniger haben, aus dem Kopf zu bekommen. Dieser Reifungsprozess dauert eben.
koech 08.01.2017
3. Gehts noch?
Jeder Mensch ist per se Rassist und Sexist? Wie kommen Sie denn auf das schmale Brett? Diese Denkabkürzung sollte bestimmt nicht als Zusammenfassung unter so einem durchaus interessanten Beitrag stehen... Ich halte das nämlich für Ihr größtes Vorurteil, sollten Sie dran arbeiten Herr Stöcker!
Akonda 08.01.2017
4. Das hört sich an.....
....als wäre es uns in die Wiege gelegt, ein Rassist zu sein. Es ist doch aber eher eine Sache der Übernahme von Vorurteilen, oft schon aus dem Elternhaus, später dann von Freunden oder Bekannten oder auch aus den Medien, die ja durchaus nicht immer sachlich berichten. Man könnte beispielsweise damit beginnen, die modischen oder verbalen Auswüchse der eigenen Kinder weitmöglichst zu ignorieren oder tolerieren als Zeiterscheinung auf dem Weg zum Erwachsensein. Wir vergessen nur leider, dass auch wir vielleicht irgendwann aus dem Rahmen gefallen sind - vorübergehend wenigstens. Was ja eigentlich das Verständnis für die jungen Menschen wecken sollte. Die meisten derartigen "Erscheinungen" verlieren sich über kurz oder lang von selbst. Allerdings müsste dazu ein gesunder Familienverband vorhanden sein, und das ist wohl immer seltener der Fall.
murksdoc 08.01.2017
5. Vorurteil
Ihr Vorurteil gegen die Kölner Polizisten ist, diese hätten aus rassisitischen Motiven gehandelt. Dabei wurde weiter differenziert. Als zusätzliches Kriterium wurde eingeführt: "Die die zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort waren". Dadurch wurde auch nicht das Vorurteil: "Die sind schlecht" oder: "Die sind schlechter als wir" aufgerufen, sondern es wurde ein Motiv unterstellt, von dem man annimmt oder sogar weiss, dass es gesellschaftlich unerwünscht ist und zwar bei Ethnien jeglicher Art und Herkunft. Also hat man die, die dieses Motiv haben könnten, versucht, von denen zu trennen, die es nicht haben. So wie der Skihead nämlich freiwillig ein bestimmtes Outfit wählt, haben die, die nach Köln gefahren sind, freiwillig entschieden, dort hinzufahren, Silvester wird schliesslich auch an anderen Orten gefeiert. Und weil man ein Motiv nicht auf der Stirn spazieren trägt musste man durch Kontrollen die herausfinden, die bereits negativ durch die einschlägige Motivation bei uns aufgefallen waren. Dass das nicht 100% der gesamten Gruppe waren, ist jedem klar, auch dem Kölner Polizisten. "Rassismus" ist zu glauben, dass die, die versuchen, zu differenzieren, dieses aus niedrigen rassistischen Motiven tun.
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