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Vorurteils-Forschung: Test offenbart geheime Gedanken

Von Nikolas Westerhoff

Mit Reaktionstests wollen Psychologen unsere verborgenen Vorurteile ans Licht bringen. Latenter Rassismus, Schwulenfeindlichkeit oder Ressentiments gegen ältere Menschen sollen so entlarvt werden. Doch das Verfahren ist umstritten.

Jeder hat sie, aber niemand gibt sie gerne zu: Vorurteile. Doch der Wissenschaft sei Dank lassen sich unbewusste Einstellungen mit impliziten Tests messen. Davon jedenfalls sind viele Psychologen überzeugt. Besonders hoch geschätzt ist gegenwärtig der Implizite Assoziationstest (IAT). Das von dem Psychologen Anthony Greenwald 1998 entwickelte Verfahren IAT fußt auf einem ebenso einfachen wie genialen Gedanken: Je schneller eine Person negative Begriffe wie Qual oder Tod beispielsweise mit den Gesichtern von korpulenten Menschen assoziiert, desto negativer bewertet der Proband Dicksein. Die Reaktionszeit dient mit anderen Worten als indirektes Maß für unsere Geisteshaltung. An ihr lässt sich ablesen, ob jemand bestimmte Begriffe oder Bilder als zusammengehörig empfindet oder nicht.

Impliziter Assoziationstest: "Gesinnungs-TÜV" auf den Seiten der Harvard University
Harvard University

Impliziter Assoziationstest: "Gesinnungs-TÜV" auf den Seiten der Harvard University

Ein internationales Forscherteam um die amerikanische Psychologin Mahzarin Banaji von der Harvard University bietet bereits seit einigen Jahren Internettests an, mit denen unbewusste Einstellungen etwa gegenüber Schwarzen, Frauen, Dicken, Homosexuellen oder Ausländern ermittelt werden können. "Project Implicit" nennt sich der Wissenschaftlerverbund.

Rund sechs Millionen Menschen haben sich bislang diesem "Gesinnungs-TÜV" unterzogen. Das Ergebnis: Unter den weißen US-Amerikanern, die am Test teilnahmen, hegten drei von vier Probanden "versteckte" Vorurteile gegenüber Schwarzen – obwohl die meisten von ihnen zuvor per Fragebogen versichert hatten, völlig frei von entsprechenden Ressentiments zu sein.

Sogar knapp die Hälfte aller Schwarzen zeigte sich voreingenommen gegenüber der eigenen Bevölkerungsgruppe. 68 Prozent der Teilnehmer der Harvard-IATs sahen sich mit der Diagnose latenter Schwulenfeindlichkeit konfrontiert und 80 Prozent assoziierten positive Begriffe signifikant schneller mit den Gesichtern von jungen Menschen als mit denen von alten. Auch in Europa wurde der IAT bereits eingesetzt. So versicherten von Klaus Fiedler an der Universität Heidelberg getestete deutsche Probanden fast ausnahmslos, nichts gegen Türken zu haben, wurden dann aber in einem fünfminütigen Schnelltest als ausländerkritisch enttarnt.

Nach Meinung von Mahzarin Banaji werfen solche Testresultate kein gutes Licht auf die geheimen Vorbehalte vieler Menschen. Aber was misst der Test eigentlich genau? Spontane Reaktionen, meint Konrad Schnabel. Der Psychologe von der Humboldt-Universität zu Berlin schätzt die Reaktionszeitmethode: "Der Implizite Assoziationstest ist besonders relevant, wenn es um Eigenschaften oder Einstellungen geht, die man sich nicht so gerne eingesteht. Implizite Verfahren erlauben einen Zugang zu automatischen Prozessen im Gehirn, die nur eingeschränkt kontrolliert werden können".

Es sei praktisch unmöglich, im IAT "politisch korrekt" zu reagieren. Aus Sicht vieler Experimentalpsychologen haben die Tests deshalb zwei Vorteile gegenüber den herkömmlichen Erhebungen mittels Fragebögen: Zum einen ließen sich die Ergebnisse nur schwer willentlich beeinflussen; zum andern sei der Experimentator nicht darauf angewiesen, ob es einem Probanden gelingt, seine inneren Gefühle und Einstellungen in Worte zu fassen.

Stehen Probanden beispielsweise unter Zeitdruck oder haben Alkohol getrunken, dann lässt sich ihr zukünftiges Verhalten tatsächlich gut über die per IAT gemessenen Reaktionszeiten vorhersagen, wie eine aktuelle Studie des Baseler Psychologen Malte Friese belegt.

Nach Ansicht der Harvard-Forscherin Banaji geben Menschen über sich selbst nicht zuverlässig Auskunft. Die Assoziationsmethode zeige nämlich, dass viele von uns voller Vorurteile stecken, auch wenn sie sich dessen gar nicht bewusst seien oder gelernt hätten, ihre gesellschaftlich geächteten Ressentiments zu verbergen.

Beim Rassen-IAT etwa muss die Testperson den Buchstaben "e" auf der Computertastatur so schnell wie möglich drücken, wenn entweder ein negatives Wort wie Qual oder Angst und das Porträt eines schwarzen Menschen erscheint. Die Taste "i" soll gedrückt werden, wenn positive Wörter wie Liebe oder Vergnügen und das Gesicht eines Weißen auftauchen. In einem weiteren Durchgang gilt es dann, eine bestimmte Taste zu drücken, wenn ein weißes Gesicht und ein Negativbegriff erscheinen beziehungsweise ein Schwarzer und ein positives Wort. Auf diese Weise lassen sich allen vier Kombinationen von schwarz/weiß, gut/böse jeweils durchschnittliche Reaktionszeiten zuordnen.

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