Vorwürfe gegen Pfizer: Pharma-Riese hält Arzneistudien zurück

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Pharmakonzerne verheimlichen Studien, deren Ergebnisse ihnen nicht passen - was sich selten beweisen lässt. Nun hat ein großes unabhängiges Prüfinstitut erfahren müssen: Pfizer rückt Daten über ein Antidepressivum hartnäckig nicht heraus. Ein Lehrstück über den Kampf um Arzneiqualität.

Hamburg - Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) ist der Pharmaindustrie seit seiner Gründung vor fünf Jahren ein Dorn im Auge. Es prüft im Auftrag von Ärzten und Krankenkassen unter anderem den Nutzen von neuen Medikamenten und vergleicht sie mit bereits auf dem Markt befindlichen. Denn um eine Zulassung für ein Medikament zu erhalten, muss der Hersteller nur nachweisen, dass es wirkt.

Ob es wirklich besser oder nur gleich gut ist wie ein vorhandenes Präparat, ist der Zulassungsbehörde oft egal. Das will dagegen das IQWiG herausfinden, indem es weltweit die vorhandenen Studien über ein Medikament auswertet und die Ergebnisse vergleicht.

Pfizer-Logo: Nur Daten zur Verfügung gestellt, die sich aus Sicht des Unternehmens eignen
AFP

Pfizer-Logo: Nur Daten zur Verfügung gestellt, die sich aus Sicht des Unternehmens eignen

Vor zwei Jahren hat das Institut den Auftrag erhalten, den Nutzen mehrerer Depressionsmedikamente zu vergleichen. Eines davon war das Pfizer-Produkt Edronax mit dem Wirkstoff Reboxetin. Pfizer unterzeichnete im Dezember 2007 gegenüber dem IQWiG eine Erklärung - in Paragraf 4 heißt es da: "Auf der ersten Stufe stellt das Unternehmen dem IQWiG Übersichten aller bei ihm vorhandener Studien zu dem zu bewertenden Präparat zur Verfügung."

Hinweise auf mindestens 16 Studien

Doch als das IQWiG um eine solche vollständige Übersicht bat, verweigerte Pfizer diese. Monatelang baten die Medikamentenprüfer den Pharmakonzern darum, eine vollständige Liste aller veröffentlichten und unveröffentlichten Studien zu Edronax zur Verfügung zu stellen - vergeblich.

Warum Pfizer dem IQWiG manche Studien vorenthielt, mochte der Pharmakonzern auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE nicht beantworten. Pfizer-Sprecher Martin Fench teilte per E-Mail mit: "Wir haben dem Institut diejenigen Daten zur Verfügung gestellt, die sich aus unserer Sicht für eine Nutzenbewertung von Edronax auch im Vergleich zu anderen Arzneimitteln eignen. Eine Verpflichtung, für das IQWiG alle verfügbaren Daten zusammenzutragen, besteht nicht und ergibt sich auch nicht aus der mit dem Institut abgeschlossenen Vereinbarung."

Das IQWiG hatte bei der Recherche in weltweiten Medizin-Datenbanken Hinweise gefunden, dass Edronax in mindestens 16 Studien getestet wurde. Von neun dieser 16 Studien fehlen allerdings entscheidende Informationen. Sechs dieser Studien sind nach Angaben des IQWiG überhaupt nicht in einer auswertbaren Fassung veröffentlicht, und in drei weiteren wurde entweder ein großer Teil der Patienten unterschlagen oder nur Daten über "sexuelle Dysfunktion", also Erektionsstörungen, veröffentlicht.

Ob es darüber hinaus weitere unveröffentlichte Studien über Edronax gibt, wollte Pfizer SPIEGEL ONLINE nicht beantworten.

"Auswertung hochgradig verzerrt"

Das IQWiG sieht deshalb keine Belege für einen Nutzen von Edronax. Schließlich standen dem Institut nur für etwa 1600 Patienten auswertbare Daten zur Verfügung, während an den unpublizierten Studien mindestens 3000 weitere Patienten teilgenommen hätten. "Die Auswertung der verfügbaren limitierten Daten wäre potentiell hochgradig verzerrt und damit keine valide Entscheidungsgrundlage für den Gemeinsamen Bundesausschuss", heißt es in dem heute veröffentlichten 470 Seiten starken Vorbericht des Prüfinstituts über die Antidepressiva. IQWiG-Chef Peter Sawicki sagt: "Durch das Verschweigen von Studiendaten nimmt der Hersteller Patienten und Ärzten die Möglichkeit, sich informiert zwischen verschiedenen Therapieoptionen zu entscheiden."

Für Edronax gaben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2007 mehr als sechs Millionen Euro aus. Neuere Zahlen liegen nicht vor. Die Pharmakologen Hasso Scholz und Ulrich Schwabe stufen Edronax in ihrem "Taschenbuch der Arzneibehandlung" als klassisches Analogpräparat ein, das "keinen oder nur marginalen Unterschied" zu anderen Präparaten zeigt, allerdings etwa doppelt so teuer ist wie der ebenfalls vom IQWiG getestete Wirkstoff Mirtazapin.

Bemerkenswert ist auch, dass Pfizer für Edronax in Deutschland eine Zulassung hat, in den USA aber keine. Pfizer wollte SPIEGEL ONLINE weder beantworten, warum das Medikament in den USA nicht zugelassen ist, noch ob die Firma davon ausgeht, dass Edronax aufgrund des fehlenden Nutzenbelegs durch das IQWiG nun von den Krankenkassen in Deutschland nicht mehr bezahlt wird.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. schlechter Ruf
Betonia 10.06.2009
Zitat von sysopPharmakonzerne verheimlichen Studien, deren Ergebnisse ihnen nicht passen - was sich selten beweisen lässt. Nun hat ein großes unabhängiges Prüfinstitut erfahren müssen: Pfizer rückt Daten über ein Antidepressivum hartnäckig nicht heraus. Ein Lehrstück über dem Kampf um Arznei-Qualität...
Die Pharmakonzerne tun aber auch wirklich alles, um ihren miserablen Ruf zu bestätigen. Zählt wirklich immer nur der Profit?
2. Das macht mir Angst
Born to Boogie 10.06.2009
Pharmakonzerne scheinen eine Macht zu besitzen, vor der ich wirklich etwas Angst habe.
3. Normal
Kurt W. 10.06.2009
Zitat von sysopPharmakonzerne verheimlichen Studien, deren Ergebnisse ihnen nicht passen - was sich selten beweisen lässt. Nun hat ein großes unabhängiges Prüfinstitut erfahren müssen: Pfizer rückt Daten über ein Antidepressivum hartnäckig nicht heraus. Ein Lehrstück über dem Kampf um Arznei-Qualität. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,629632,00.html
Pharmakon heißt auch Gift. Wer Pharmakonzernen vertraut, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO will möglicherweise in Kürze eine Pandemie wegen der Schweinegrippe ausrufen. Dann werden wir alle ZWANGSGEIMPFT! Mit einem unbekannten aber wirkungsvollen Pharmakon! Nur wirkungsvoll wogegen? Ein Lehrstück über die Macht der Pharmakonzerne!
4. Das alte Lied
Michael KaiRo 10.06.2009
Industrie und Pharma-Konzerne über alles - Endkunden und Patienten interessieren doch gar keinen Politiker / keine Regierung. Erst letztens die Meldung vom Rosé-Wein, der durch Mischung von Weiß und Rot entstehen soll - zwecks besserer Profite. Die Pfizer-Krake gehört eh schon seit langem zerschlagen - aber daran traut sich keiner ran - erst recht nicht die USA. Ganz im Gegenteil: Wie war das noch mit Celebrex kontra Lipobay Beide haben in etwa die gleichen Risiken - trotzdem musste Bayer IHR Medikament Lipobay vom Markt nehmen - sturmreif geschossen von der US-Drug-/Food-Behörde. Dito. Vioxx von Merck - auch hier wieder wird ein Mittel zugunsten der Krake Pfizer sturmreif geschossen. "Wirtschaft ist Krieg" - so die hinlänglich bekannte Ansicht der Engländer und den USA.
5. Die Beweislast
guylux 10.06.2009
Zitat von sysopPharmakonzerne verheimlichen Studien, deren Ergebnisse ihnen nicht passen - was sich selten beweisen lässt. Nun hat ein großes unabhängiges Prüfinstitut erfahren müssen: Pfizer rückt Daten über ein Antidepressivum hartnäckig nicht heraus. Ein Lehrstück über dem Kampf um Arznei-Qualität. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,629632,00.html
dass ein Medikament gleich gut oder besser ist als diejenigen der Konkurrenz , müsste beim Hersteller liegen . Falls nicht erbracht , sollen die Krankenkassen das Medikament vor der Liste der Medikamente streichen für die sie dem Patienten Geld rückerstatten . Dies besonders wenn das Medikament auch noch teuerer ist !
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