Voynich-Manuskript Physiker hält mysteriöse Mittelalter-Schrift für Schabernack

Seit Jahrhunderten versuchen Forscher, den Inhalt des mysteriösen Voynich-Manuskripts zu entschlüsseln - bislang vergeblich. Jetzt hat ein Physiker aus Österreich die rätselhafte Geheimschrift analysiert. Sein Ergebnis: purer Nonsens.

Von


Sprache ist verräterisch. Der Literat erkennt einen Autor mitunter an wenigen Sätzen. Computerprogramme können sogar Prosatexte anhand ihres statistischen Fingerabdrucks bestimmten Schriftstellern zuordnen: Der eine fabriziert gern lange Sätze und greift auch gern mal zu Wörtern, die aus überdurchschnittlich vielen Buchstaben bestehen. Andere Autoren pflegen einen eher lakonischen Stil: Sie reihen viele kurze Wörter zu eher kürzeren Sätzen aneinander – entsprechende Software enthüllt dies sofort.

Sprache verrät jedoch nicht nur viel über den Autor. Mitunter kann das, was Wissenschaftler aus einem Text herausholen, sogar so eine Art zufälliges Rauschen sein. So gerade geschehen beim Voynich-Manuskript, einer der rätselhaftesten mittelalterlichen Handschriften, die der amerikanische Antiquar Wilfried Voynich 1912 in einem italienischen Jesuitenkolleg gefunden und gekauft hatte. Wahrscheinlich ist das Werk zwischen 1450 und 1520 entstanden, wie Experten aufgrund der Kleidung und des Haarschnitts von im Buch abgebildeten Menschen vermuten.

Über den Inhalt des mysteriösen Manuskripts rätseln Wissenschaftler seit seiner Entdeckung: Es schien offenbar in einer fremden Sprache verfasst zu sein, neben aus dem arabischen und dem lateinischen entlehnten Buchstaben erscheinen im Text auch völlig unbekannte Schriftzeichen. Hinzu kommen diverse Illustrationen - angefangen bei Pflanzen und Motiven aus der Astronomie bis hin zu badenden Frauen. Was steckte bloß dahinter? Ein aufwendig verschlüsselter Text, dessen wahren Inhalt die Inquisition nicht erfahren durfte? Alchemie? Eine bislang unbekannte Kunstsprache? Oder gar, wie mancher mutmaßte, eine Nachricht Außerirdischer?

Komplexe Verschlüsselung oder aufwendiger Schabernack?

Andreas Schinner von der Johannes-Kepler-Universität Linz hält diese Thesen sämtlich für falsch. Es handle sich vielmehr um das Werk eines Schelms, berichtet er in der Fachzeitschrift "Cryptologia" (Bd. 31, S. 95), freilich um das eines äußerst raffinierten. Der Text enthalte lediglich bedeutungsloses Geschwafel.

Aufgrund seiner enorm komplexen Sprache hatten Wissenschaftler lange ausgeschlossen, dass es sich bei dem Manuskript lediglich um einen Nonsens-Text handelt. Vielmehr, so die These, müsse die unverständliche Sprache auf einen unbekannten Code zurückgehen.

"Es deutet vieles daraufhin, dass es sich um das Produkt eines Algorithmus handelt", sagte Schinner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Physiker stützt seine These auf drei verschiedene Untersuchungen des handgeschriebenen, mehr als hundert Seiten umfassenden Werks. Zuerst prüfte Schinner die Häufung von Wörtern und sehr ähnlichen Varianten innerhalb des Textes. Dann gebrauchte er die unverständliche Sprache als Quelle für einen sogenannten Random Walk, um Muster im Text erkennen zu können. Und schließlich suchte er nach wiederkehrenden Vorsilben, die eine besondere Bedeutung haben könnten, wie etwa das Wort "und".

"Man greift sich ein Wort aus dem Text und sucht nach ähnlichen Worten", beschreibt Schinner eine seiner Methoden. Die größte Wahrscheinlichkeit, ein solches Wort zu finden, sei unmittelbar beim nächsten Wort. Die bizarre Aneinanderreihung identischer oder ähnlicher Worte war zuvor schon anderen Forschern aufgefallen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.