Der Stromboli ist jetzt verkabelt wie ein Patient auf der Intensivstation. Infrarotkameras fühlen die Temperatur, Seismometer den Puls, Gas-Sensoren den Atem. Edelgase können Wochen vor einem größeren Ausbruch durch Mikrorisse im Gestein entweichen.
Nur für die Sicherheit der Insel hätte niemand so viel Geld investiert, sagt Ripepe: "Die Instrumente stehen hier vor allem wegen der Tsunami-Gefahr." Der Aufwand zahlte sich aus. Aus ihren Messungen leiteten die Forscher Grenzwerte ab. Werden sie überschritten, schlagen die Sensoren Alarm. Als der Stromboli Anfang 2007 wieder ungemütlich wurde, war der Zivilschutz rechtzeitig alarmiert. Mitte Februar - der Krater begann sich auszudehnen, der Erdboden zitterte häufiger - erhöhte die Behörde die Warnstufe auf Rot. Am 27. Februar um 14 Uhr detektierten die Geräte Lavaströme und Gerölllawinen an der Flanke des Vulkans, der Zivilschutz löste Tsunami-Alarm aus. Um 18.30 Uhr rutschte tatsächlich ein Teil des Hangs ins Meer, allerdings zu wenig Geröll, um einen Tsunami zu verursachen.
"Es war das erste Mal, dass wir in Europa so eine zuverlässige Vorwarnung hatten", sagt Ripepe. Das Frühwarnsystem ist heute ein Vorbild für Zivilschützer weltweit. Ripepes größter Stolz sind die Infraschall-Messgeräte, die man auch zum Aufspüren heimlicher Atombombentests verwendet. Vulkane schicken ebenso wie Atombomben Druckwellen durch die Luft, sogenannten Infraschall, den der Mensch nicht direkt wahrnimmt. Nur die Fenster der Häuser wackeln, wie von Geisterhand bewegt, wenn der Stromboli mal wieder Druck ablässt. Diese Beobachtung brachte Ripepe auf die Idee, den Schall direkt zu messen.
Asche sammeln - und Daten
Aus den Luftdruckschwankungen können die Forscher aus sicherer Entfernung auf die Intensität eines Ausbruchs schließen. Und das hat offenbar auch die Isländer überzeugt: Seit Mitte Mai steht eines seiner Infraschallmikrofone nun auch am Eyjafjallajökull. Ripepe war diesmal schneller. Horts Radargerät eignet sich nicht so gut für den Gletschervulkan, weil es am Kraterrand stehen muss - und der schmolz täglich dahin.
Die absolute Menge an Asche und Lava, die ein Vulkan ausspeit, kann Ripepe mit seinen Sensoren allerdings noch nicht erkennen. Um diese Zahlen genauer berechnen zu können, sammeln seine isländische Kollegen Asche ein und vergleichen die Menge mit den Messungen der Schallsensoren.
Solche Daten sind wichtiger denn je, seit die Aufsichtsbehörden Grenzwerte für Flüge durch Vulkanasche festgelegt haben. Früher galt Nulltoleranz. "Man musste nur feststellen, ob sich Asche in der Atmosphäre befindet oder nicht", sagt Antonio Costa, der am Vulkanforschungsinstitut in Neapel die Ausbreitung von Aschewolken simuliert. Selbst bei noch so geringen Konzentrationen wurde ein Flugverbot erlassen.
Jetzt gilt das absolute Flugverbot nur noch bei Aschekonzentrationen von mehr als vier Milligramm pro Kubikmeter, die Forscher müssen also künftig Partikelkonzentrationen berechnen. Und dafür brauchen sie verlässliche Abschätzungen der Auswurfmenge pro Minute und der Teilchengrößen. Diese wiederum kann die Radartechnik sehr gut ermitteln. Gemeinsam sind sie wohl doch am stärksten.
Mobile Einsatztruppe für Eruptionen
Ärger gibt es nur mit den Meteorologen: darüber, wie man die Ausbreitung der Aschewolken am besten simulieren kann. Derzeit verwenden die neun Volcanic Ash Advisory Centres für den Flugverkehr gut ein halbes Dutzend Programme, angelehnt an Modelle für die Wettervorhersage. Dem Flugverbot über Europa lag etwa ein Computermodell des britischen Wetterdienstes zugrunde, das nach der Tschernobyl-Katastrophe für die Vorhersage radioaktiven Fallouts entwickelt wurde. "Einige der Modelle", kritisiert Costa, "wurden für die Simulation vulkanischer Aschewolken eingesetzt, ohne sie zuvor gründlich zu testen." Costa hat mit einigen Kollegen einen Brandbrief geschrieben, um die Zunft aufzurütteln. Ihre Forderung: Jede Simulation müsse nicht nur die Konzentration und die Ausbreitung der Asche vorhersagen, sondern auch die Unsicherheit der Berechnung angeben - eigentlich eine Selbstverständlichkeit. In Zukunft solle aus den Vorhersagen der besten Modelle der Durchschnitt ermittelt werden. Costa sagt: "Die Eruption des Eyjafjallajökull wird einen Paradigmenwechsel bewirken."
Matthias Hort träumt schon davon, eines Tages mit einer mobilen Einsatztruppe zu frisch erwachten Vulkanen zu fliegen, um diese schnell mit Hightech-Sensoren zu bestücken. Im Auftrag des Bundesforschungsministeriums hat er 2009 eine solche Übung am Fogo-Vulkan auf der Azoren-Insel São Miguel koordiniert. Sie verteilten ihre Geräte und speisten die Messungen in die eigens programmierte Datenbank ein. Das funktionierte auch ganz wunderbar. Doch dann wurde der Albtraum eines jeden Vulkanforschers wahr: Der Berg rührte sich nicht mehr. So etwas würde ihr Stromboli nie machen.
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