Wärmedämmung: Windige Geschäfte mit dem Klimaschutz
Die Bundesregierung will mit Gesetzen und Milliarden die Wärmedämmung von Häusern fördern. Doch Kritiker warnen vor Abzocke und Pfusch am Bau: Die angeblich umweltbewusste Wärmedämmung kann zur teuren Fehlinvestion werden.
Im Flur des Hauses Möllendorffstraße 57 in Berlin-Lichtenberg hängt ein Zettel für die Mieter. Es geht nicht um die Treppenhausreinigung oder abgestellte Fahrräder, es geht ums Geld: Auf einer sogenannten "Energietafel" dokumentiert die Lichtenberger Wohnungsbaugenossenschaft, was die neue Fassadendämmung bringt: Nach der Isolierung der Plattenbauten würden sich die Heizkosten nun halbieren. "Das kommt unseren Mietern direkt zu Gute", sagt Genossenschafts-Sprecherin Melanie Amft.
Wärmedämmung eines Hauses: "Eine Lizenz zum Gelddrucken"
Dabei fährt die Regierung eine Doppelstrategie: Verbilligte Kredite sollen Hauseigentümer dazu bringen, Fassaden und Dächer dämmen zu lassen. Und eine neue Vorschrift wird sie dazu zwingen, den Energieverbrauch der 18 Millionen Wohngebäude in Deutschland messen und in sogenannten Energiepässen erfassen zu lassen. Über die Programme jubelt die Bauindustrie, und es jubeln Heerscharen von Beratern, die mit den umstrittenen Pässen gutes Geld verdienen wollen.
Nach dem Willen der Bundesregierung sind Energiepässe jetzt verbindlich für Anfang 2008 vorgeschrieben. Immerhin vier Jahre hatte es gedauert, eine entsprechende Brüsseler Richtlinie in deutsches Recht umzusetzen. Die Schlacht der Lobbyisten scheint jetzt geschlagen, jeder Eigentümer muss einen solchen Pass für seine Immobilie anfertigen lassen – wenn er das Haus oder eine Wohnung vermieten oder verkaufen will. "Maklerangebote ohne Energiepass sind zukünftig weniger wert", urteilt Dietmar Franz, Geschäftsführer von der DB-Immobilien.
Goldene Zeiten für Energieberater
Auf den Pässen soll festgehalten werden, wie viel Heizenergie ein Haus oder eine Wohnung im Schnitt braucht. "Das wird ein entscheidendes Marketinginstrument beim Immobilienverkauf", glaubt auch Stephan Kohler, Geschäftsführer der bundeseigenen Deutschen Energie-Agentur (Dena) in Berlin, die einen noch strengeren Nachweis nach der Energieeinspar-Verordnung durchsetzen wollten. Doch Bauminister Wolfgang Tiefensee entschärfte die Vorlagen aus dem Haus seines Kabinettskollegen Sigmar Gabriel.
Und die Nachfrage nach Beratung ist groß. 100.000 Suchanfragen verzeichnet die Dena-Datenbank zum Thema. Die Hotline zum Energiepass wird monatlich von 2000 Interessenten angewählt. Insgesamt 18.000 lizenzierte Dena-Energieberater sind in der Datenbank der Energieagentur gelistet. "Das ist ein Megathema", sagt Geschäftsführer Kohler, "jeder Hausbesitzer, der sich gegen steigende Energiepreise wappnen will, ist gut beraten einen Pass anfertigen zu lassen."
Vor allem wird es wohl ein großartiges Geschäft für sogenannte Energieberater, die die Pässe ausstellen sollen. Teure Fortbildungsseminare sind derzeit bundesweit weitgehend ausgebucht. Dozent Peter Braun von der privaten Hamburger "Hochschule für Angewandte Wissenschaften" etwa versichert den Teilnehmern: "Mit dem Kurs erwerben Sie eine Lizenz zum Gelddrucken."
Die Materie ist kompliziert. Mal geht es um zugige Fenster und undichte Rahmen, mal um sogenannte Wärmebrücken im Mauerwerk, zu dünn dimensionierte Außenwände oder schlicht um falsch eingestellte Thermostate.
Klarheit mit deutscher Gründlichkeit
Nach Angaben des Deutschen Mieterbundes und des Bundesverbandes Verbraucherzentralen sind zwei Drittel der 40 Millionen Wohnungen in Deutschland älter als 25 Jahre – und damit potentielle Sanierungsfälle. Der Energiepass soll hier Klarheit schaffen - allerdings mit deutscher Gründlichkeit.
Nach der Einigung der beteiligten Ministerien von vergangener Woche soll ein "bedarfswertorientierten Energiepass" für alle Gebäude mit "mehr als vier Wohnungen", die vor 1978 entstanden sind, gefordert werden. Dieser strengere Energiepass wird von Sachverständigen ausgestellt, die mit Hilfe von Baugutachten den typischen Heizwärmebedarf für das jeweilige Gebäude oder die Wohnung ermitteln. In einem Feldversuch hat die Dena ermittelt, dass ein solcher Pass für 200 bis 500 Euro zu erstellen sein müsste – allerdings pro Wohnung.
Ausgabenentwicklung bei Haushalten: Heizkosten explodieren
Den Lobbyisten graust es vor den Abzockern. Tatsächlich formiert sich schon eine ganze Beraterindustrie für verunsicherte Wohnungs- und Hausbesitzer – und nicht alle haben seriöse Absichten. So werden aus Nordrhein-Westfalen die ersten Fälle von "Haustürgeschäften" mit dem neuen Ausweispapier gemeldet. Mit dem Argument, es würden bald hohe Strafen drohen, versuchen Beratungsfirmen überraschten Wohnungsbesitzern schon jetzt einen Energiepass anzudrehen – für bis zu 1000 Euro. Und längst nicht jeder weiß, dass er den Zettel erst braucht, wenn er vermieten oder verkaufen will.
- 1. Teil: Windige Geschäfte mit dem Klimaschutz
- 2. Teil
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