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Waffen und Werbung: Mit Ultraschall in den Schädel

Von Mirko Hackmann

Geschichten über Schallwellengewehre und Infraschallwaffen erhitzen die Gemüter von Militärfreaks und fesseln Verschwörungstheoretiker. Ein Amerikaner will mit Ultraschall jetzt sogar Werbebotschaften gezielt in Konsumentenköpfe "beamen".

Direkt ins Ohr: Ultraschall-Reklame
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Direkt ins Ohr: Ultraschall-Reklame

Die Erfindung des amerikanischen Tüftlers Woody Norris beflügelt die Phantasie von Waffenbauern und Technophobikern. Dessen Hypersonic Sound System (HSS) war eigentlich für die Werbung gedacht. Mit Hilfe dieses Ultraschallverfahrens sollen Geräusche über eine Distanz von bis zu 140 Metern gezielt in den Kopf einer Person eindringen - laut Norris' Firma American Technology Corporation - ohne Qualitäts- und Lautstärkeverlust.

Digitalkameras an Getränkeautomaten können Jogger an ihren kurzen Hosen erkennen und Position und Bewegungsgeschwindigkeit an den Ultraschallsender melden. Der schickt ein täuschend echtes Animations-Geräusch in Richtung des Läufers: das Öffnen einer Cola-Flasche beispielsweise und das Zischen beim Einschenken. Der Kniff: Der Schall trifft exakt die Zielperson, 50 Zentimeter weiter ist nichts mehr wahrzunehmen. Zudem gelangt der Klang nicht ins Ohr, sondern entfaltet seine Wirkung laut Norris direkt im Schädel. Woher das Geräusch kommt, kann der Empfänger angeblich nicht orten.

Die Quelle soll für den Erfolg egal sein, CD- oder DVD-Player eignen sich genauso gut wie direkt ins Mikrofon eingespeiste Signale. Das in einem waffeleisengroßen Gerät steckende HSS moduliert den niederfrequenten Originalton auf die zwei Hochfrequenzwellen, die sich wie ein Strahl gezielt ausrichten lassen. Der darin eingebettete Originalton macht die Richtungsänderungen der Trägerwellen mit. Zum Empfänger gelangen so drei Schallwellen, wobei die hochfrequenten unhörbar bleiben.

Stimmen sollen Feind in den Wahnsinn treiben

Angeblich soll das US-Militär als erster Kunde auf die Erfindung Norris' angesprungen sein. Via HSS könnten Befehle direkt an die Männer im Feld geleitet werden, ohne dass der Feind mithört, so der Plan. Angedacht war zudem, durch Simulationen von Explosionen oder Hubschrauber- oder Panzergeräuschen den Gegner zu demoralisieren. Noch perfider klingt die Überlegung, bedrohliche Stimmen seltsame Anweisungen flüstern zu lassen, um feindliche Soldaten in den Wahnsinn zu treiben. In Betracht zogen die Militärs angeblich auch die Verwendung als nicht tödliche Waffe. Denn selbst wenn sich Zielpersonen ihre Ohren zuhalten, machen sie die 120 Dezibel starken Klangwellen kampfunfähig: Mit vibrierendem Schädel gehen die Kämpfer in die Knie, so die Hoffnung.

Grafik: Reklame via Ultraschall
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Grafik: Reklame via Ultraschall

Doch die Militärstrategen denken längst weiter: Sie planen Schallwellen-Gewehre, die den Gleichgewichtsinn von Luftpiraten lahm legen, Akustik-Gewehre, die Lungen platzen lassen und innere Blutungen auslösen, Infraschallwellen, die als Transportmedium für chemische Kampfmittel dienen oder Schwindel, Durchfall oder Erbrechen provozieren. Doch was funktioniert wirklich?

"All diese Systeme sind keine Wunderwaffen. Schlimmstenfalls kann man Menschen damit taub schießen", sagt Jürgen Altmann, Experimentalphysiker an der Universität Dortmund und Experte für "Non Lethal Weapons" (NLW). Beim Einsatz im Kampf seien sie nicht sonderlich wirksam, doch zivile Aufrührer könne man möglicherweise damit zur Raison bringen. "Dazu muss gar nicht mal viel Lautstärke produziert werden, im Zweifel reichen nervige Töne aus", sagt der Forscher mit Verweis auf das Quietschen von Kreide auf einer Schiefertafel. Ähnlich unangenehme Effekte könnten durch rückwärts abgespieltes Babygeschrei erzielt werden.

Angeblich existieren rund 50 weitere belästigende Klänge, die geheim gehalten würden. "Es gibt Schilderungen von Journalisten, dass sie während entsprechender Pressevorführungen von den Klängen zu Boden gezwungen wurden", weiß der Forscher. Physiologisch sei ihm das bisher nicht erklärlich. Dazu bedürfe es noch genauerer Informationen. "Möglicherweise gibt es dazu bereits Untersuchungen, die leider nicht transparent gemacht wurden", sagt Altmann.

Extremer Schall kann tödlich sein

Das HSS-System des US-Erfinders Norris ist ihm bekannt: "Das funktioniert, und jeder kann es ganz normal erwerben." Vom US-Militär werde es aber seiner Kenntnis nach nicht eingesetzt. Das verwende das Long Range Acoustic Device, LRAD abgekürzt - ebenfalls ein Produkt von American Technology. Dabei handelt es sich um einen rund 80 Zentimeter großen Lautsprecher, der Akustiksignale mit einer zwar im Nahbereich schmerzenden, aber keinesfalls lähmenden Schwingung aussendet.

"Im Irak setzen es die Truppen ein, um beispielsweise Schlauchboote von ihren Schiffen fernzuhalten." Im Ankündigungsmodus sei das Gerät harmlos, im lauteren Warnmodus könne es jedoch dauerhafte Hörschäden hervorrufen, wenn es aus einer Distanz von 30 Metern länger als 10 Sekunden auf das Ohr einwirkt. Als Waffe will Altmann LRAD deshalb eher nicht bezeichnen. Und auch seinen Einsatz hält er unter bestimmten Umständen für ethisch vertretbar: "Besser, als wenn die Soldaten gleich mit scharfer Munition schössen."

Aus demselben Grund hält er den Einsatz sogenannter Schallkanonen unter bestimmten Umständen für legitim. "Bei dieser Entwicklung erzeugen hintereinander angeordnete Lautsprecher einen stark gebündelten Strahl, der durch konstruktive Überlagerung eng auf die vorwärts gerichtete Achse gebündelt ist", erläutert der Forscher. Gegen Luftpiraten könne der Einsatz gerechtfertigt sein, da echte Munition Flugzeuge zum Absturz bringen könnte. Mögliche Nebenwirkung: Ein Teil der Passagiere wird Hörschäden davontragen.

Als völligen Humbug bezeichnet der Physiker die Infraschall-Technik. Schon in den sechziger Jahren habe es Experimente mit niederfrequenten Wellen gegeben. Drastische Wirkungen waren nicht zu verzeichnen. Dennoch habe das Joint Non Lethal Weapons Directorate, eine Militärorganisation, die Richtlinien für die Entwicklung und Verwendung nicht-tödlicher Waffen erstellt, diese Technik gefördert - die Finanzierung 1999 aber wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Gleichwohl kursieren die wildesten Gerüchte. "Von Erbrechen, Durchfall und Gleichgewichtstörungen ist oft die Rede", sagt Altmann. Sogar tödliche Wirkung sei dem Infraschall schon zugeschrieben worden. Schon gar nicht funktioniere er als Trägermedium für Giftgase.

Viel Lärm um nichts also? Nicht ganz. Denn extrem starker Schall kann tatsächlich tödlich sein. Zerfetzte Lungen als Folge einer nahen Explosion sind ein ganz normaler Kriegstod, sagt der Physiker. Gegen die oft beschworenen Akustik-Waffen dagegen kann sich jeder wappnen. Altmann: "Ein ganz normaler Ohrstöpsel bietet in der Regel ausreichenden Schutz."

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