Waffentest US-Empörung über Chinas Satellitenabschuss war nur gespielt

Überrascht und verärgert hat die Welt reagiert, als China im Januar einen eigenen Satelliten im All abschoss - als Test seiner militärischen Potenz. Doch zumindest der Protest der Regierung Bush war gespielt: Sie war nach neuen Erkenntnissen informiert. Und unternahm nichts.


Politiker, Militärs, Sicherheitsexperten und Wissenschaftler waren höchst alarmiert, als der spektakuläre chinesische Waffentest im Januar bekannt wurde: Eine Mittelstrecken-Rakete war vom Boden aus gestartet und hatte im Orbit ein Abfanggeschoss ausgesetzt. Es rammte den veralteten Wettersatelliten "Fengyun-1C" und zerlegte ihn in viele tausend Stücke, die seitdem die Erde umkreisen - ausgerechnet in einer Höhe, in der auch zahlreiche Kommunikationssatelliten unterwegs sind.

Weltraumbehörden waren jedoch bei weitem nicht die Einzigen, die scharfe Kritik am chinesischen Waffentest übten. Insbesondere die US-Regierung ging mit Peking hart ins Gericht: Die Entwicklung und das Testen solcher Anti-Satelliten-Waffen seien "nicht vereinbar mit dem Geist der Zusammenarbeit", sagte etwa Gordon Johndroe, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats der USA. Auch Tony Snow, Sprecher von US-Präsident George W. Bush, äußerte sich "besorgt".

Vertreter der US-Regierung beklagten vor allem, dass China den Test nicht angekündigt habe, trotz entsprechender Bitten nach mehr Offenheit bei solchen Aktivitäten. Doch wie die "New York Times" jetzt berichtet, war Washington schon Wochen im Vorhinein über Pekings Pläne im Bilde. Die US-Regierung habe sogar zuvor von zwei ähnlichen, jedoch fehlgeschlagenen Anti-Satelliten-Tests gewusst. In allen drei Fällen habe sie jedoch bewusst geschwiegen, schreibt das Blatt.

US-Regierung kannte Pläne seit Dezember 2006

Dem Weißen Haus lagen demnach schon im Dezember 2006 Geheimdienst-Informationen über die Vorbereitungen für den chinesischen Waffentest vor. Ranghohe Mitglieder der Bush-Administration hätten daraufhin über eine Reaktion debattiert und seien zu dem Ergebnis gekommen, öffentlich nichts zu unternehmen und den Waffentest erst im Nachhinein zu verurteilen. Die Gründe: Die Amerikaner wollten den Chinesen nicht die Qualität ihrer Geheimdienst-Informationen offenbaren und sich selbst alle Optionen offen halten, Waffen im Weltraum zu stationieren.

Zudem sei das Weiße Haus überzeugt gewesen, die Chinesen ohnehin nicht von ihren Plänen abbringen zu können. Ein Regierungsbeamter sagte der "New York Times", die Chefs der US-Geheimdienste seien überzeugt gewesen, dass Peking fest zur Durchführung des Anti-Satelliten-Tests entschlossen war.

Allerdings wusste die US-Regierung dem Bericht zufolge auch schon von zwei früheren chinesischen Tests mit Anti-Satelliten-Geschossen, die jedoch ihr Ziel verfehlt hätten. Die Versuche sollen am 7. Juli 2005 und am 6. Februar 2006 stattgefunden haben.

Hat Washington wichtige Chance verpasst?

Insbesondere vor diesem Hintergrund wird die US-Regierung nun dafür kritisiert, die Chance ausgelassen zu haben, China von den Waffentests abzubringen - und damit einen Schritt hin zu einem möglichen Wettrüsten im All zu vermeiden. Zudem hat Peking den USA wiederholt Gespräche über ein Waffenverbot im Weltraum angeboten. Washington hat das abgelehnt, auch um sich selbst alle Optionen offen zu halten. Diese Strategie wurde in der "National Space Policy" zur Doktrin erhoben: In dem im Oktober 2006 veröffentlichten Papier behält sich die US-Regierung uneingeschränkte Handlungsfreiheit in der Erdumlaufbahn vor - und das Recht, anderen Staaten den Zugang zum All zu verbieten.

"Die Chinesen hat das offenbar zu der Ansicht gebracht, dass wir nicht in der Position sind, uns über ihre Tests zu beschweren", sagte der US-Rüstungsexperte Jeff Lewis der "New York Times". Hätten die USA die militärische Nutzung des Weltraums mit den Chinesen diskutiert, hätten sie den Anti-Satelliten-Test durchaus verhindern können. Auch Joseph Cirincione vom Center for American Progress bezeichnete den Test als "absolut vermeidbar".

"Gefahr im Weltraum astronomisch gestiegen"

Generalleutnant Walter Sharp - ein ranghoher Mitarbeiter von Peter Pace, dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs - räumte gegenüber der Zeitung ein, dass man überlegt habe, die Chinesen von ihrem Vorhaben abzubringen. Die Regierung hat dem Bericht zufolge dann aber anders entschieden, weil es für die USA wenige Möglichkeiten gegeben hätte, Peking abzustrafen, wenn es den Test trotz der Einwände der USA durchgeführt hätte.

Jetzt aber steht die US-Regierung mit gänzlich leeren Händen da: Der Test hat stattgefunden, und obendrein wissen die Chinesen nun auch, wie gut die amerikanischen Geheimdienste über ihre Satellitentests informiert sind. Die Folgen für das US-Militär sind kaum zu überschätzen: Es war das erste Mal überhaupt, dass der Abschuss eines Satelliten mit einer bodengestützten Rakete gelungen war. Die technische Schwierigkeit des Unterfangens hat Experten zufolge bewiesen, wie fortgeschritten die chinesische Raketenrüstung ist - und wie verwundbar die US-Satelliten sind, die eine zentrale Rolle in der netzwerk-basierten Kriegführung der USA spielen.

General Michael Moseley, der Stabschef der US-Luftwaffe, verglich den chinesischen Test sogar mit dem russischen "Sputnik"-Coup von 1957, der für die USA ein psychologisches Desaster war: "Es war ein Schock, als die Russen als Erste einen Satelliten in den Orbit gebracht haben", sagte Moseley der "New York Times". "Und es ist nun ein ähnlicher Schock, dass die Chinesen diesen Satelliten abgeschossen haben." Die Gefahr im Weltraum sei "astronomisch" gestiegen.

mbe



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